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Zeitgeschichte: Die Isolation der USA

Franklin  Roosevelts Amerika am Vorabend des Zweiten Weltkrieges

Durch die isolatorische Grundstimmung schien Amerika Hitlers Kriegstreiberei in den späteren 1930er-Jahren erstaunlich teilnahmslos gegenüberzustehen. Zugleich fürchtete man den Krieg, wie etwa auch die Reaktion auf das Hörspiel „War of the Worlds“ zeigte.Nach seiner Wahl im Jahre 1932 sah sich Präsident Roosevelt mit zwei großen politischen Herausforderungen konfrontiert: mit einer katastrophalen Arbeitslosigkeit im Land, hervorgerufen durch die Weltwirtschaftskrise nach dem Börsenkrach im Oktober 1929, und mit den isolationistischen und nativistischen, also fremdenfeindlichen Grundstimmung in der amerikanischen Bevölkerung, die seinen außen- und einwanderunspolitischen Spielraum enorm einschränkte. Roosevelt startete sofort nach seinem Amtantritt im März 1933 seine historischen „New-Deal“- Programme, um die Arbeitslosenrate von 25 Prozent zu reduzieren. Noch bevor die Theorien von Keynes in der amerikanischen Volkswirtschaftslehre popuär wurden, praktizierte Roosevelt den Keynesianismus samt öffentlicher Arbeitsbeschaffung.

 

Der Präsident war ebenfalls bereit, mit Budgetdefiziten im öffentlichen Haushalt zu leben. Seine Anhänger aus ärmeren Bevölkerungsschichten vergötterten ihn als „Retter der Nation“, seine reaktionären Kritiker verdammten ihn als „Sozialisten“. Als er in seiner zweiten Amtszeit versuchte, den Supreme Court, den Obersten Gerichtshof der Staaten, mit seinen Leuten zu besetzen, schob ihm der Kongress einen Riegel vor. Seine Kritiker unterstellten Roosevelt sogar totalitäre Ambitionen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges waren die USA von einem tief sitzenden Pazifismus, zum Teil auch von einer antieuropäischen Stimmung geprägt. Die Amerikaner hatten Europa schon einmal vor der eigenen Vernichtungswut gerettet und hatten wenig Lust, ein zweites Mal auf dem Kontinent militärisch einzugreifen. Roosevelt torpedierte 1933 die in London stattfindende Wirtschaftskonferenz und schien sich mit den zahlreichen Isolationisten im Land vom Weltgeschehen auf die „Festung Amerika“ zurückzuziehen. Der Kongress untersuchte den Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg und hielt Wall-Street-Banker, Waffenproduzenten und -lobbys für geeignete Sündenböcke.

 

Zwischen 1935 und 1937 verabschiedete der Kongress fünf Neutralitätsgesetze, die das Land noch tiefer isolierten. Kern der Gesetze war ein Waffenembargo gegenüber allen Krieg führenden Staaten. Amerikanische Staatsbürger, die auf Schiffen von Krieg führenden Staaten reisten, taten dies auf eigenes Risiko. Auf Roosevelts Drängen hin lockerte der Kongress die Neutralitätsgesetze leicht, sodass Krieg führende Nationen Rohmaterialien und andere nichtmilitärische Güter bei emaerikanischen Firmen beziehen konnten, solange sie dafür bar bezahlten und diese Ladungen auf eigenen Schiffen transportierten („Cash and Carry“). Der amerikanische Kongress wollte vorsorgen, dass sich wirtschaftliche und emotionale Provokationen wie vor dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg nicht wiederholten. Ebenso wie in England reagierte man in Amerika auf die Aggression der Diktatoren mit „Appeasement“; – Beschwichtigungspolitik. Man hielt sich mit der Verurteilung von Mussolini und Hitlers terroristischer Kriegsführung in Äthiopien und Spanien zurück. Auch der „Anschluss“ Österreichs und die Zerstückelung der Tschechoslowakei nahm man in Washington relativ gelassen hin. Im Weißen Haus und auf dem Kongresshügel hielt man sich an die öffentliche Meinung. So hatten im Jahre 1937 zwei Drittel der US-Bevölkerung in Umfragen des Gallop-Instituts keine Meinung zum spanischen Bürgerkrieg.

 

Roosevelt versuchte zögerlich, ein Umdenken in die Wege zu leiten, etwa als er am 5. Oktober 1937 eine seiner berühmtesten Reden hielt: ausgerechnet in Chigago, im mittleren Westen der Staaten und einem Zentrum der Isolationspolitik. Er ermahnte die amerikanische Bevölkerung, dass der Weltfriede nicht mit Neutralität und Isolation bewahrt werden könne. Die „Epidemie der Rechtlosigkeit in der Welt“ breite sich rasch aus und könne nur durch eine Quarantäne der Aggressoren gestoppt werden. Dies war der Beginn seines mühseligen Feldzuges, sein Land zu internationalem Engagement zurückzuführen. Erst der japanische Überfall auf Pearl Harbor weckte die US-Isolationisten aus ihrem Dornröschenschlaf.

 

Die gewaltige „Tragödie“ dieser amerikanischen Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Weltgeschehen kam am drastischstenin in der jüdischen Flüchtlingsproblematik zum Ausdruck. Roosevelts Diplomatie wurde von der Neutralitätsgesetzgebung eine Zwangsjacke angelegt. In der Einwanderungsgesetzgebung waren ihm die Hände durch die Qoutenregelung von 1924 gebunden, die den Einwanderungsstrom in die USA vor dem Ersten Weltkrieg von mehreren Millionen auf ganze 150.000 pro Jahr zurück-

geschraubt hatte. Trotz Hitlers menschenverachtenden Nürnberger Gesetzen von 1935, welche die Bürgerrechte einer halben Million Juden in Deutschland massiv beschnitten und ihre Existenzgrundlage in Frage gestellt hatten, machte der US-Kongress bei der Quote für deutsche Einwanderer keine Zugeständnisse. Die amerikanische Kleinlichkeit gegenüber Zuwanderern kam vor allem darin zum Ausdruck, dass die Konsuln in aller Welt mit jedem potentiellen Emigranten ein persönliches Gespräch zu führen hatten. Darin war sicherzustellen, dass zukünftige Einwanderer im Besitz von ausreichenden finanziellen Mitteln waren, um nicht „von der öffentlichen Hand abhängig zu werden“ (not likely to become public changes“).

 

So wurden im Jahre 1936 lediglich 6.000 Emigranten aus Nazi-Deutschland ins Land gelassen, 1937 nur 11.000. Zur Zeit des „Anschlusses“ Österreichs stellte das amerikanische Konsulat in Stuttgart 850 Visa im Monat aus – und hatte dabei einen Rückstau von 110.000 Anträgen zu bearbeiten.

Mit dem „Anschluss“ fielen weitere 190.000 Juden in die Hände der Nazis und sahen sich vor allem in Wien schrecklichen Schikanen ausgesetzt. Vor dem amerikanischen Konsulat spielten sich ab März 1938 Tag für Tag erschütternde Szenen unter den Schlange stehenden ausreisebereiten Juden ab.

Roosevelt konnte zumindest im April eine Zusammenlegung der österreichischen und deutschen Quoten durchsetzen.

Im Jahre 1939 glückte so 27.000 Juden die Einwanderung in die USA. Die „Papierwände“ – von David Wyman – der amerikanischen Bürokratie verhinderten aber für zehntausende Juden aus Europa den Einlass ins gelobte Land. Fanden sie keine anderen Aufnahmeorte – Palästina, Schanghai, Australien, Lateinamerika -, kamen sie im Holocaust um. Auch die barbarischen Pogrome der „Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 weichten die harten amerikanischen Herzen im Kongress nicht auf. Selbst bei den eingesessenen jüdischen Organisationen gab es nur wenig Stimmen, die Roosevelt öffentlich kritisierten, geschweige denn ihre tiefe Beschämung über die Apathie im Land zum Ausdruck brachten. Roosevelt hätte in der Frage der jüdischen Einwanderung bestimmt mehr politische Führungsqualität zeigen können.

 

Wie die im Juli 1938 im französischen Feriendorf Evian-les-Bains am Genfer See einberufene internationale Flüchtlingskonferenz zeigen sollte, waren die Amerikaner nicht die Einzigen, die keine zusätzlichen jüdischen Flüchtlinge ins Land lassen wollten. Die Engländer sagten ihr Kommen nur zu, sofern Palästina nicht als Einwanderungsort auf die Tagesordnung kam. Ein Peuaner fasste die Einstellung der Lateinamerikaner zu einer größeren Zahl von jüdischen Siedlern zusammen, als er meinte, man wolle nicht, „die solide Basis unserer iberoamerikanischen Identität und unserer katholischen Tradition aufs Spiel setzen.“

Evian, so der Delegierte aus Neuseeland, wurde zur „modernen Klagemauer.“

 

In Evian konnte man sich lediglich auf auf die Einrichtung eines „Intergovernmental Committee on Political Refugees“ einigen, das in den nächsten Jahren nur mit wenig Erfolg versuchte, mehr Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland die Emigration zu ermöglichen.

In vielen Staaten, auch in Amerika, wurden während der Weltwirtschaftskrise jüdische Einwanderer als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt gesehen. Auch hier grassierten „nativistischer Nationalismus“ (David Wyman) und mildere Formen des Antisemitismus – zwar nicht so tödlich wie der deutsche, aber nichtsdestotrotz einwanderungs- und judenfeindlich. Man sah Juden als nicht assimilierungsfähig an. Auch sprachen sehr viele Republikaner von „internationalen jüdischen Verschwörungen auf den Finanzmärkten.“

 

Und was hat sich bis zum heutigen Tage geändert? – Herzlich wenig!

 

Von Rolf von Ameln

 

Redaktion Israel-Nachrichten.org

 

 

Von am 05/08/2014. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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