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Als Vater im Krieg war und Winston Churchill Erwin Rommel entführen wollte

Der Leser gestatte mir einige persönliche Worte zum Hergang der Tatsachengeschichte. Vater war Geschützführer bei einer 8,8cm Flak-Einheit im Afrika-Korps. Durch einen Zufall der Kriegsgeschichte befand er sich am 15. November 1941 beim Oberkommando, welches nach Beda Littoria verlegt worden war. Erwin Rommel war in den Monaten Juli/August 1941 zum Oberbefehlshaber der neuformierten „Panzertruppe Afrika“ ernannt worden.

Im besagten Novembr befand er sich jedoch nicht dort, denn um die Monatswende August/September 1941 verließ Rommel mit Führungsabteilung und Adjudantur die Cyrenaika und ging nach der Cantoniera Ain el Gazala, 60 Kilometer westlich von Tobruk, später nach der Cantoniera Gambut zwischen Tobruk und Bardia. In Beda Littoria zog der Stab des Oberquartiermeisters ein. Doch kommen wir jetzt zum Verlauf der Ereignisse:

Churchill arbeitete verbissen mit seinen Generälen an den kommenden Offensivplänen und so kam man zu der Überzeugung, dass Rommel ausgeschaltet werden musste. Das Gehirn des deutschen Krieges in Nordafrika musste paralysiert, Rommel getötet oder, was noch besser war, gefangen werden. Die Long Range Desert Group war eine glänzende britische Spezialtruppe für Sabotage und nachrichtendienstliche Tätigkeiten in der Wüste. Sie war das Gegenstück zu den kühn operierenden „Brandenburgern“, der deutschen Organisation zum Kampf hinter den feindlichen Linien. Am 15. November gingen, von zwei U-Booten ausgesetzte Spähtrupps der Briten an der Cyrenaikaküste an Land. Insgesamt erreichten 22 Soldaten festen Boden unter den Füßen. Langsam arbeitet sie sich in Richtung des Präfekturgebäudes in Beda Littoria vor, wo sich die Geschäftsräume der Deutschen befanden. Außerdem waren noch mehrere Häuser in der Umgebung belegt. Die büros waren an den einzelnen Gebäuden mit Schildern gekennzeichnet, z.B. „Befehlshaber“, „Chef“, „Ia“, „Ic“, „IIa“ usw. Chef des Generalstabes war Generalmajor Gause, Ia Oberstleutnant im Generalstab Westphal.

Diese interessante Beschilderung wurde dem britischen Geheimdienst bekannt. Anscheinend fotografierten englische Agenten oder Araber die Anlage und die Schilder. Damit schien der Beweis lückenlos, dass in Beda Littoria Rommels Hauptquartier war. Am 17. November 1941 um 23:59 Uhr stehen die Briten unter dem Kommando von Major Kayes vor der Präfektur. Das Wetter war dementsprechend schlecht; – der Regen gießt, Blitz und Donner sind die Begleitmusik zu dem nun beginnenden Einsatz. Er selbst, Soldat Campbell, der Sergeant Terry und sechs Mann huschen zum Vordereingang, drei andere zur Hintertür. In der offenen Vordertür steht ein deutscher Posten, mein Vater, den man dazu abkommandiert hatte. Sergeant Terry hatte die Aufgabe, ihn mit einem Messer umzubringen. Doch Vater, der ein ziemlich kräftiger Mann war, wehrte sich verbissen und stürzte im Ringkampf um Leben und Tod mit dem Briten gegen die Tür des Geschäftszimmers von „WuG./Mun.“ (Waffen und Geräte/Munition).

Feldwebel Lentzen und Unteroffizier Kovacic, die in dem Zimmer schlafen, werden sofort wach, springen aus den Betten und ziehen die 08 vom Haken. Der Feldwebel springt sofort zur Tür, reißt sie auf, sucht ein Ziel. Dann hebt er die Pistole und schießt. Aber im gleichen Augenblick hat Major Keyes zwei Handgranaten geworfen Sie gehen am Kopf des Feldwebels vorbei und explodieren mitten im Raum. Lentzen reißt es von den Beinen, aber da er günstig gestanden hat, ist ihm nichts Ernstes passiert. Kovacic hat auf dem Weg zur Tür die ganze Ladung abbekommen und liegt tot auf den Fleisen. Vater hat ebenfalls eine Menge Splitter der beiden Handgranaten im Rücken und blutet heftig. Oben, im ersten Stock, befand sich der Ordonnanzoffizier Leutnant Kaufholz, der noch nicht eingeschlafen war, als die lauten Rufe um Hilfe meines Vaters zu hören waren. Auch er sprang aus dem Bett, musste aber erst seine Pistole aus seinem Koffer holen. Dann lief er auf den Flur und die Treppe hinunter. In genau diesem moment krachen die beiden Handgranaten im „WuG./Mun.“.

Im Schein der Explosionen sieht der Leutnant die Briten. Aber auch Hauptmann Campbell hat den deutschen Offizier gesehen. Kaufholz kann dennoch zuerst feuern, und der englische Kommandant, Major Keyes, sackt mit einem kleinen Aufschrei zusammen. Im selben Moment rattert Campbells Maschinenpistole los. Erst zersplittert der Treppenpfosten, dann erwischt der Feuerstoß den deutschen Leutnant. Noch während sich Kaufholz im Todeskampf zusammenkrümmt und zu Boden fällt, drückt er seine 08 ab und trifft Campbell ins Schienenbein. Der schreit auf und bricht auch zusammen. Die beiden Führer des Kommandos sind auf diese Weise außer Gefecht gesetzt. Im dunklen Flur stehen nur noch der Sergeant Terry und zwei „Tommys“. Vom ersten Stock ertönen laute Stimmen, die deutschen Offiziere stürzen aus ihren Räumen. Die Überraschung ist vorbei. Doch wo, fraten sie sich, blieben die anderen von der zweiten Gruppe, ie durch den Hintereingang in die Präfektur eindringen sollten? Da prasselt von draußen wildes MG-Feuer. „Setzt jetzt der deutsche Gegenstoß ein“, geht es Terry durch den Kopf. Auch dies war einer der großen Irrtümer des Krieges, denn von einem deutschen Gegenstoß konnte keine Rede sein.

Rolf von Ameln, Vater im Afrika Corps. Foto: Privat

Rolf von Ameln, Vater im Afrika Corps. Foto: Privat

Etwas Gespenstisches, etwas paradoxes war geschehen: Den Oberleutnant Jäger hatte im Nebenraum vom Geschäftszimmer „WuG./Mun. die Detonation der beiden Handgranaten buchstäblich aus dem Bett geworfen. Sein kleiner Raum war nur durch Sperrholzplatten vom Geschäftszimmer getrennt, die regelrecht zerfetzt wurden. Jäger sprang im Schlafanzug, eine Kurzschlussreaktion, einfach durch das vom Druck der Explosion aufgerissene Fenster ins Freie. Aber das war sein Verderben; – draußen rannte er, von einem Blitzschein beleuchtet, im gießenden Regen in seinem hellen Pyjama einem britischen Posten genau vor die MP. Der Engländer fackelte nicht lange, rief nicht: „Hands up!“

Was sollte man auch mit Gefangenen? Aus der Hüfte heraus jagte er das Magazin leer und schoss den Oberleutnant Jäger einfach auf einer Entfernung von nur drei Metern zusammen. Er durchsiebte ihn regelrecht. Elf Einschüsse bekam Jäger und brach auf der Stelle tot zusammen. Aber diese britischen Schüsse rächten sich bitter. Es sind die Schüsse, die Sergeant Terry und seine Männer drinnen im dunklen Flur hören, und die den Sergeanten vermuten lassen, dass draußen ein Gefecht begonnen hat. Der Führer beraubt, packt sie alle in der Finsternis die Panik. Raus. Nichts wie weg! Und sie stürzen ins Freie.

Eine ähnliche Wirkung hatten die Schüsse, die Jäger umbrachten, auf den zweiten Trupp, der noch immer am Hinterausgang stand und nicht ins Haus gelangen konnte. Hier waren eigentlich die besten Aussichten – zwa rnicht mehr Rommel zu erwischen -, aber das Hauptquartier des Oberquartiermeisters fünf Stunden vor der englischen Offensive völlig außer Gefecht zu setzen. Ein Wasserkanister verhinderte den weiteren Verlauf; – den hatte man nicht auf der Rechnung gehabt.

Die Hintertür führte in ein kleines Zimmer, das einmal als Küche diente. Hier hatten ein Unteroffizier und ein Gefreiter ihre Schlafplätze. Und weil der Gefreite ein alter „Hausvater“ war, der nichts mehr hasste, als abendlich unverschlossene Türen, die Hintertür jedoch kein Schloss hatte, so stellte er Abend für Abend einen vollen Wasserkanister vor die Tür und klemmte ihn hinter einem Regal mit Akten fest. Dieser Riegel war mit keinem Dietrich aufzubrechen. So sehr sich auch die Engländer bemühten, die Pforte gab nicht nach. Sie standen noch draußen und beratschlagten, während ihr Chef, Campbell und Terry bereits im Hausflur entdeckt worden waren, und die Schießerei begann. Als nun das MP-Feuer, mit dem Jäger niedergemäht wurde, vom Garten her ertönte, glaubte auch der nervös und verdattert am Hintereingang stehende Trupp an eine Falle und wurde von Panik erfasst; – und: türmte. 

Vater hörte, wie Major Poeschel, der sich im ersten Stock befand, rief: „Die Taschenlampen weg von der Brust“, den deutschen Offizieren zurief; – aber da war der Spuk schon vorbei. Nur von draußen tönte noch einmal eine Maschinenpistole. Ein langer Schrei ging durch die Nacht. Dann war alles still. Auf der Treppe fanden sie den toten Leutnant Kaufholz. Im Flur lag ein britischer Offizier mit geschwärztem Gesicht: Major Keyes. Er hatte einen Brustschuss, der quer durch den Brustkorb gegangen war und Herz und Lunge zerrissen hatte. An der Hüfte hatte er eine zweite Schussverletzung. Offenbar stammte diese Verletzung von Feldwebel Lentzen. Der Todesschuss muss von Kaufholz gekommen sein, denn Keyes hatte, nach Campbells späterer Aussage, im Moment seines Handgranatenwurfes und des Pistolenschussen von Lentzen, Campbell zugerufen: „Verdammt, ich hab´ eins abbekommen.“

Im gleichen Moment hatte er im Schein der Handgranatenexplositionen Kaufholz auf der Treppe gesehen und Campbell zugerufen: „Achtung, gib es ihm.“

Dann war er nach dem Schuss von Kaufholz zusammengebrochen. Fast zur gleichen Zeit ratterte Campbells MP los, und in die Schussfolge hinein krachte Kaufholz´ Pistole und zerschmetterte Campbells Schienenbein. Bis zur Tür konnte sich Campbell noch schleppen. Dann stolperte er über die Beine des Postens, meinem „alten Herrn“, der mit dem Oberkörper im Geschäftszimmer lag, den Rücken zersiebt von Handgranatensplittern, aber wie durch ein Wunder nicht lebensgefährlich verletzt. Man brachte ihn ins Lazarett, wo er seine Verwundung auskurieren und später an der Panzerschlacht bei El Alamein teilnehmen konnte. Für seine Tapferkeit verlieh im Erwin Rommel das Eiserne Kreuz Erster Klasse. In El Alamein geriet er in Kriegsgefangenschaft und wurde in die USA verschifft. Im September des Jahres 1947 kam er mit schwerer Malaria mit dem ersten amerikanischen Lazarettschiff aus der Gefangenschaft zurück. Er hat es im Zweiten Weltkrieg nur zum Obergefreiten gebracht, das Ersuchen, doch Offizier zu werden, stets abgelehnt. Ich denke noch heute oft an ihn, da er über seine Erlebnisse, außer diesem, nie über den Krieg mit mir gesprochen hatte. Auch habe ich nie seinen Rücken zu Gesicht bekommen.

Vielleicht hat er von „ganz oben“ mitgelesen und ist ein klein wenig stolz auf seinen Sohn?

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

 

Von am 12/09/2014. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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