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Schweiz: 150 Jahre Gleichberechtigung

Im Januar waren es 150 Jahre her, seit mit einer Volks-Abstimmung den Juden in der Schweiz die Gleichberechtigung erteilt wurde. Das Jubiläum wurde mit einer Feier in Bern begangen.

Spuren von jüdischem Leben auf dem Gebiet der heutigen Schweiz existieren schon zur Zeit der Römer. Doch während Jahrhunderten war die Geschichte der Juden geprägt von Verfolgung und Vertreibung. Niederlassungs-Freiheit gab es nur für Christen. Ab 1776 durften sich die Juden nur in den sogenannten „Judendörfern“ Endingen und Lengnau niederlassen. Dort kann man bis heute noch Häuser sehen, die mit 2 Eingangstüren versehen waren, eine für Christen und eine für Juden. Auch die Abstimmung von 1866 – bei der dann die Niederlassungs-Freiheit und Ausübung der vollen Bürgerrechte gewährt wurde – entstand nur auf internationalen Druck.

Früher gab es vor allem durchziehende Krämer und Händler; oft kamen die jüdischen Vieh- und Pferdehändler aus dem Elsass und mussten nach dem Besuch der Märkte wieder dorthin zurück. Wollten die Juden Stadttore und Brücken passieren, mussten sie einen höheren Warenzoll sowie einen „Juden-Leibzoll“ entrichten. Der Kauf von Liegenschaften war ihnen verboten, in Basel z.B. war sogar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Uebernachtung verboten. Auf Luzerner Landmärkten durften Juden ihre Waren wie z.B. Textilien, nur an gesonderten Plätzen anbieten.

Aber auch in Innsbruck z.B. erhielten die Juden erst 1867 die rechtliche Gleichstellung, in Deutschland gar erst 1872. In Bern erfolgte die öffentlich-rechtliche Anerkennung der Jüdischen Gemeinde schlussendlich erst 1997.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund hat zur Emanzipation der Juden in der Schweiz rund ein Dutzend sehr informative Schriften herausgegeben, die spannende Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz leisten und auf lebendige Art Einblicke in den Prozess der Emanzipation geben.

Darunter ist auch eine zum Teil selbstkritische Schrift „Hilfe und Ohnmacht“ über den SIG während der NS-Verfolgung 1933 – 1945, als der Dachverband vor allem die grosse Aufgabe wahrnahm, die Flüchtlinge zu betreuen und sie auch finanziell zu unterstützen.

Erwähnenswert ist auch eine Sonderausgabe der schweizerisch-jüdischen Wochenzeitung „Tachles“ zum Jubiläum, die einen interessanten „Tour d’Horizon“ zur Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in der Schweiz aufzeigt. Ausserdem gibt es während des ganzen Jahres in verschiedenen Städten eine Wander-Ausstellung zu „150 Jahre Gleichberechtigung“, die am Tag des Jubiläums eröffnet wurde, und die sowohl unbekannte wie auch prominente jüdische Schweizer/innen porträtiert – wie z.B. die erste und bislang einzige jüdische Bundesrätin, Ruth Dreifuss.

Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Amman. Foto: YouTube

Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Amman. Foto: YouTube

Beim Festanlass gab es nur einen Redner, den Bundes-Präsidenten der Schweiz, Johann Schneider-Amman. Nachdem er die Glückwünsche des Bundesrates überbracht hatte, kam er auf einige der Schwierigkeiten der Emanzipation zu sprechen, das immer noch existierende Schächt-Verbot, die schweren Zeiten während des 2. Weltkrieges, sowie auch die vermehrten antisemitischen Vorfälle und die heutige Bedrohungslage, die erhöhte Sicherheits-Massnahmen erfordern.

Vor allem aber betonte er die positiven Errungenschaften jüdischer Mitbürger, die zahlreichen wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmer, hoch qualifizierte Wissenschaftler und Nobelpreisträger, sowie gewichtige Kulturschaffende, die alle zur Schweizer Gesellschaft beitragen und das Zusammenleben befruchten.

„Die Schweiz wäre ohne ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht das, was sie ist; diese haben unser Land in verschiedenster Hinsicht stark geprägt.“

Eine Anzahl jüdischer Kulturschaffender prägten dann noch den Rest der Feier. Ein Höhepunkt unter den verschiedenen Darbietungen war sicher der Auftritt der bekannten Opernsängerin Noemi Nadelmann, die zuerst innig und eindrücklich ein Gedicht von Else Lasker-Schüler vortrug, „Mein blaues Klavier“, das von ihrem Vater, dem Komponisten Leo Nadelmann, vertont worden war.

Darauf begeisterte die Sopranistin mit Liedern aus Musicals, u.a. von Gershwin, das Publikum. Omri Ziegele gestaltete um Sprachfragmente in Surbtaler Jiddisch – der Sprache von Endingen und Lengnau – eine Komposition für Saxophon. Die Schriftstellerin Lea Gottheil las anschliessend eine inspirierende Geschichte aus dem jüdischen Alltag vor.

Dazu gab es weitere musikalische und kreative Darbietungen, die die Feier gelungen abrundeten. Viel Applaus gab es für „Hevenu Shalom Alechem“, gespielt von vier Alphorn-Bläsern.

Leider hatten die Organisatoren auf eine Anmeldepflicht verzichtet, sodass nur rund 500 Personen zur Feier eingelassen wurden, während etwa 100 Besucher, die sicher aus der ganzen Schweiz extra angereist waren, aus Sicherheitsgründen keinen Zulass fanden, u.a. sogar akkreditierte Journalisten. Diese konnten sicher für einige Momente nachempfinden, wie es früher den Juden in der Schweiz und in anderen Ländern erging, und welche Gefühle es auslöst, wenn man in eine Gesellschaft nicht zugelassen wird.

Von Ruth Bloch

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Von am 14/02/2016. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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