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Zeitgeschichte in den „IN“: Stalingrad lieferte Goebbels den Vorwand für die Ausrufung des „totalen Krieges“

Bis heute hält sich der Mythos, Goebbels habe mit seiner Propagandakampagne für den „totalen Krieg“ den Fanatismus und Durchhhaltewillen der deutschen Bevölkerung erheblich verstärkt.

Die Rede zum „totalen Krieg“, die der Propagandaminister des „Dritten Reiches“, Joseph Goebbels, am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast hielt,k gilt im Allgemeinen als die wichtigste, zugleich aber auch als die abstoßendste rhetorische Leistung. Die erhaltenen Aufnahmen erwecken tatsächlich den Eindruck, als ob es Goebbels an jenen Tagen gelungen sei, das Publikum – vorgeblich „normale“ Deutsche – in einen Zustand willenloser Raserei zu versetzen. In Wirklichkeit war die Rede Höhepunkt einer Kampagne, mit deren Hilfe Goebbels vor allem versuchte, das öffentliche Erscheinungsbild des „Dritten Reiches“ auf die immer düsterer werdende Kriegslage einzustellen.

Mit der scheinbaren Popularisierung des „totalen Krieges“ versuchte Goebbels zugleich, sich eine innenpolitische Führungsrolle zu sichern. Die Rede eröffnete demnach auch Einblicke in einen internen Machtkampf innerhalb des Regimes. Seit November des Jahres 1942 zeichnete sich die Wende des Krieges ab: In Nordafrika geriet die Achse endgültig in die Defensive und in Stalingrad wurde die 6. Armee im Zuge der sowjetischen Winteroffensive eingeschlossen, was die deutsche Propagandamaschinerie der Bevölkerung bis Mitte Januar vorenthielt. Aus der bisher schwersten Krise des Krieges ergab sich für Goebbels die Notwendigkeit, den gesamten Kurs des Regimes auf mehr „Härte“ und „Realismus“ einzustellen, eine Forderung, die er schon während der Winterkrise des vergangenen Jahres erhoben hatte, die aber wegen der Besserung der militärischen Lage im Laufe des Jahres 1942 wieder in Vergessenheit geraten war.

Goebbels ging es nun bei seinem zweiten Anlauf zur „Totalisierung“ des Krieges um zweierlei: Zum einen wollte er die Kriegsanstrengungen erhöhen, brachliegende Ressourcen besser ausschöpfen. Zentrale Anliegen waren die Einführung der Arbeitspflicht für Frauen und die Einstellung nicht kriegswichtiger Industrien und Dienstleistungen. Zur Unterstützung seiner Pläne, die, wie er wusste, bei führenden Vertretern des Regimes auf Widerstand stoßen würden, startete Goebbels seine Propaganda-Offensive. In der Wochenzeitschrift „Das Reich“ vom 17. Januar 1943 veröffentlichte er einen programmatischen Artikel, dem er den Titel „Der totale Krieg“ gab: „Je radikaler und totaler wir den Krieg führen, um so schneller kommen wir zu einem siegreichen Ende“ lautete die Kernthese.

Damit war die zweite, das propagandistische Element von Goebbels´ Strategie zur Einführung des „totalen Krieges“ angesprochen: Geobbels versprach sich von einer massiven Kampagne für den „totalen Krieg“ nicht nur Unterstützung für seine materiellen Forderungen, sondern dieser Mobilitätsschub sollte vor allem auch die Autorität des Regimes stärken und seine Kontrollmöglichkeiten über die Bevölkerung erhöhen. Das öffentliche Erscheinungsbild des „Dritten Reiches“ sollte von Grund auf umgestellt werden: Eine ganz und gar in die „Heimatfront“ eingebundene Bevölkerung sollte eine gefestigte „Haltung“ zur Schau stellen. „Stimmungskrisen“ sollte es in Zukunft nicht mehr geben. Maßgeblich auf die Initiative von Geobbels kam Mitte Januar ein Führererlass über den umfassenden Einsatz von Frauen und Männern für Aufgaben der Reichsverteidigung zustande.

Er sah vor, durch weitgehende Umschichtungsmaßnahmen Menschen für Rüstung und Wehrmacht freizumachen. Mit der Durchführung dieser komplexen Aufgaben beauftragte Hitler Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Hans Heinrich Lammers, Chef der Reichskanzlei, und Martin Bormann, Chef der Partei-Kanzlei der NSDAP, die zu diesem Zweck den sogenannten Dreierausschuss bilden sollten. Goebbels musste sich hingegen mit Hitlers Erklärung zufriedengeben, er solle nicht allzu sehr mit zeitraubenden „Verwaltungsarbeiten“ belastet werden und stattdessen – außerhalb des Gremiums – „in dieser ganzen Arbeit die Stelle eines ewig laufenden Motors übernehmen.“

Doch gegen eine konsequente Durchsetzung der geplanten Maßnahmen zum „totalen Krieg“ machten sich schnell Widerstände bemerkbar. Sie kamen zum Teil von den betroffenen Ressorts, zum Teil von den Gauleitern. Vor allem befürchtete man von zu radikalen Maßnahmen negative Auswirkungen auf die Einstellung der Bevölkerung. Schließlich war man in der Nazi-Führung davon überzeugt, dass der Erste Weltkrieg vor allem durch eine Rebellion der „Heimatfront“ verloren gegangen sei. Vorsicht schien also das Gebot der Stunde. So wurde die Frauendienstpflicht in der Praxis erheblich eingeschränkt, man hoffte die Lücken mit Zwangsarbeitern zu füllen.

An die Betriebsstilllegungen ging man nicht wirklich radikal heran, unter anderem, weil man kurzfristig Arbeitslosigkeit befürchtete. Goebbels sah sich mit Einsprüchen unterschiedlichster Art konfrontiert: So setzte sich etwa Göring bei ihm persönlich für die Aufrechterhaltung exklusiver Restaurants und Geschäfte in Berlin ein. Angesichts dieser Hemmnisse entschloss sich Goebbels, die zögernden Kräfte innerhalb der Führung unter Druck zu setzen. Er habe nun vor, so schrieb er in seinem Tagebuch Ende Januar, sich „mehr in die Öffentlichkeit zu flüchten“. Am 30. Januar 1933, am zehnten Jahrestag der „Machtergreifung“ oblag es Goebbels, im Sportpalast eine Proklamation Hitlers zu verlesen.

Goebbels nutzte die Chance für eine programmatische Rede: „Aus den Breiten und Tiefen unserer Nation dringt der Schrei nach totalster Kriegsanstrengung im weitesten Sinne des Wortes an unser Ohr“, rief er aus. Die begeisterte Zustimmung, die diese Rede unter den Anwesenden fand – es handelte sich um Stammpublikum -, ließ Gobbels durch seinen Propagandaapparat enorm verstärken: Das Volk selbst fordert von der Regierung radikalere Maßnahmen, lautete die Botschaft. Als die deutsche Propaganda Anfang Februar gezwungen war, die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad bekannt zu geben, löste sie damit, wie Goebbels schrieb, eine „Schockwirkung“ aus, doch gleichzeitig besaß er nun eine geeignete Basis für seinen radikalen Kurs.

Am 13. Februar schrieb er in sein Tagebuch, es müsse in Hinblick auf die „Totalisierungsmaßnahmen“ weiter gehetzt und angetrieben“ werden; zu diesem Zweck bereif er „eine neue Massenkundgebung im Sportpalast ein, die ich wieder mit richtigen alten Parteigenossen bestücken lassen will“. Die Kundgebung werde über alle Reichssender übertragen um „damit auch auf die öffentliche Meinung in den einzelnen Gauen einen Druck auszuüben“, wodurch sich der eine oder andere Gauleiter „vielleicht doch bequemen wird, das bisher Versäumte nachzuholen!“ Am Tage der Kundgebung wurde die Presse angewiesen, „Stimmungsbilder“ zu bringen, die den „kämpferischen Willen des ganzen deutschen Volkes Ausdruck geben“.

Die „hervorragendste Herausstellung jedoch werden die zehn Fragen verdienen, die Dr. Goebbels an das deutsche Volk richten wird.“ Die zentrale Botschaft der Rede, die Goebbels am 18. Februar 1943 hielt, lautete, nur die Wehrmacht und das deutsche Volk seien in der Lage, den bolschewistischen Ansturm aufzuhalten, allerdings müsse „schnell und gründlich“ gehandelt werden. „Der totale Krieg“, so Goebbels, „ist das Gebot der Stunde!“ Die Rde enthielt auch eine scharfe antisemitische Passage, die noch einmal verdeutlichen sollte, gegen wen sich der „totale Krieg“ im Kern richtete: „Wir sehen im Judentum für jedes Land eine unmittelbare Gefahr gegeben.

Deutschland hat jedenfalls nicht die Absicht, sich dieser Bedrohung zu beugen, sondern vielmehr die, ihr rechtzeitig und wenn nötig mit den radikalsten Gegenmaßnahmen entgegenzutreten.“ Schließlich folgten die zehn Fragen, die die Versammelten jeweils mit einem „Ja-Orkan“ beantworteten. Am Abend nach der Veranstaltung hatte sich Goebbels Parteiprominenz nach Hause eingeladen. Über die Reaktion seiner Gäste notierte er, es werde vielfach „die Meinung vertreten, dass diese Versammlung eine Art von stillem Staatsstreich darstellt. Der totale Krieg ist jetzt nicht mehr eine Sache weniger einsichtiger Männer, sondern er wird jetzt vom Volke getragen!“

Doch der Versuch von Goebbels, durch eine solche propagandistische Popularisierung des „totalen Krieges“ selbst die innenpolitische Führung zu übernehmen, sollte spätestens nach dem Ende der Winterkrise im Frühjahr 1943 scheitern; die Maßnahmen zum „totalen Krieg“ wurden nur halbherzig durchgeführt. Doch in einem Punkt schien Goebbels erfolgreich gewesen zu sein: Die von seiner Propaganda systematisch aufgebaute Legende, das Volk selbst habe sich enthusiastisch mit seiner Forderung nach einem „totalen Krieg“ identifiziert, hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 12/06/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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