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Bregenzer Festspiele: Das geteilte Meer am Bodensee

Die Bregenzer Festspiele konnten mit Georges Bizet’s „Carmen“, dieses Jahr einen Grosserfolg buchen. Etwa 200’000 Zuschauer sahen in der imposanten Kulisse der Seebühne die beliebte Oper über das „Zigarettengirl“ und ihre Liebhaber, mit dem berühmten „Torero“-Lied. Daneben gab es als Aufführung im Festspielhaus ein Kleinod zu bewundern und zu geniessen: Rossini’s selten gespielte Oper „Moses in Aegypten“.

Rossini selbst nannte die Oper „Oratorium“. Vielleicht, damit man sie wie geplant in der Fastenzeit uraufführen konnte, in der damals nur Werke mit biblischem Inhalt gestattet waren.

Bregenzer Festspiele 2017 „Carmen“. Foto: screenshot

In Bregenz gab es nur drei Vorstellungen – kaum vorstellbar, das sich das finanziell rechnen kann. Umso bemerkenswerter ist, dass hier eine überaus ausgefeilte, durchdachte, sorgfältige und spannende Inszenierung zustande kam, die die Zuhörer sowohl musikalisch wie „bildlich“ mitriss.

Vielleicht wird das Werk unter anderem so selten gespielt, weil es nicht einfach ist, den Auszug der Israeliten aus Aegypten und die Spaltung des Roten Meeres auf der Bühne darzustellen.

In Bregenz hatte Regisseurin Lotte de Beer eine sehr originelle Umsetzungs-Idee: sie engagierte eine ebenfalls holländische Puppentheater-Gruppe namens „Hotel Modern“, die die Szenen am und durch das Meer mit Puppen darstellte, die laufend mit Video gefilmt und auf eine Leinwand projiziert wurden. Mitzuerleben, wie die Puppen an Fäden geführt werden, sollte auch aufzeigen, dass die Götter – oder ein G“tt – „die Fäden zieht“ und das Geschehen bestimmt.

Dabei gab es beklemmende Gefühle nicht nur wegen der intensiv gespielten 3000jährigen Geschichte, sondern auch weil durch Tote Körper in und auf dem Wasser Assoziationen zu den heutigen Flüchtlings-Dramen hergestellt wurden. Auch die angedeuteten Plagen stellten Parallelen zu den heutigen geplagten Opfern und Folterungen her und waren tief beeindruckend.

Alles wurde begleitet von den mitreissend spielenden Wiener Symphonikern unter der Leitung von Enrique Mazzola und dem Prager Philharmonischen Chor, sowie durchwegs hervorragenden Sänger/innen. Das berühmteste Stück der musikalisch wunderschönen Oper ist die berührende „Preghiera“ (Gebet am Meer).
Auch wenn sich eine so anspruchsvolle Produktion mit nur drei Aufführungen finanziell kaum „lohnen“ kann – „gelohnt“ hat sich der Besuch dieser denk-würdigen Vorstellung auf jeden Fall.

Grosse Bühne

Daneben – bzw. draussen – bot „Carmen“ dann die grandiose Show mit allem, was das Herz eines weniger Opern-gewohnten Publikums begehrt. Viel Action, wendige Tänzer, die vom Wasser aus die Toreros beklatschen, unglaubliche Stunts an den beiden Riesenarmen des Bühnenbilds mit Zigaretten und Spielkarten zwischen den Fingern.

Die Hände ragen 18 bzw. 21 Meter aus dem Wasser, wiegen 20 bzw. 24 Tonnen und bestehen aus je 190 Einzelteilen. Ein Stahlgerüst, einem Baum gleich, stützt – für das Publikum unsichtbar – die 59 Spielkarten, von denen jede 2,5 Tonnen wiegt und etwa 30 m2 gross sind. In den Karten und Händen sind zudem 57 Lautsprecher versteckt. Das fertige Bühnenbild ist 24 Meter hoch und 43 Meter breit – wahrlich eine „grosse Sache“, in der sich die schmissige Inszenierung abspielt, die das Publikum jeden Spielabend begeisterte. Sie wird nächstes Jahr mit Zusatzvorstellungen wiederholt.

Aber auch für die „Freunde leiserer Töne“ und kleinerer Veranstaltungen bot das Festspiel-Programm viel Interessantes. Neben mehreren Orchester-Konzerten, der Uraufführung einer Kammeroper „To the Lighthouse“ und diversen Abenden mit Musik und Poesie ist speziell eine Kurz-Fassung des „Ring der Nibelungen“ zu erwähnen. Die sonst vier Abende umfassenden Opern-Werke von Richard Wagner wurden vom selben Puppentheater-Kollektiv „Hotel Modern“ in ein 90minütiges Marionetten-Spiel verwandelt, bei der die Puppen und Landschaften wieder mit Live-Kameras vergrössert wurden. Statt Wagners gross-dimensionierter Musik begleiteten 21 Instrumentalisten das Spiel.

Nicht zuletzt gibt es ein Gastspiel des Maxim Gorki-Theaters Berlin zu erwähnen, das „The Situation“ von Yael Ronen und Ensemble wiedergab. In englischer, deutscher, hebräischer und arabischer Sprache wird – in einem Deutsch-Kurs – über die Situation in Syrien, in Israel und Palästina gesprochen. Das Spiel wurde 2016 von der Zeitschrift „Theater Heute“ zum „Stück des Jahres“ gewählt.

Die Bregenzer Festspiele haben einmal mehr gezeigt, dass sie einer der interessantesten Orte sind, wo man sich mit den Problemen der Zeit in literarischer und musikalischer Art auf spannende Weise auseinandersetzen kann.

Von Ruth Bloch

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Von am 06/11/2017. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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