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Das Wetter zu heiss, die Shorts zu kurz

Die typische «Saure-Gurken-Zeit» beginnt für Medienschaffende erst mit Beginn der Sommerferien. Vielerorts gilt die allgemeine Sommerpause für ein gesamtes Unternehmen. Die Touristenströme bewegen sich mehr oder weniger schnell oder langsam entlang der Hauptverkehrsadern, um sich dann heuschreckenartig in die beliebten Feriengebiete zu ergiessen.

Nichts also, worüber man sich in den Medien ereifern kann. Alles wird für einige wenige Wochen im Jahr zurückgeschraubt. Und Nessie darf regelmässig wieder aus den Untiefen von Loch Ness auftauchen…

Ähnlich war es während der vergangenen Wochen der Corona-Krise. Außer Corona Bulletins, der Meinung von Epidemiologen und von Corona Rebellen war in der Presse fast nichts zu lesen.

Langsam rückt jetzt wieder Anderes in den Fokus.

In Israel scheint sich der neue Erziehungsminister mit einem sehr ungustiösen Fall einführen zu wollen. Für die Medien das gefundene Fressen.

Auf Grund der herrschenden Hitzewelle gingen einige Schülerinnen einer nicht-religiösen Mittelschule luftig-leicht bekleidet in die Schule. Angetan mit der Standardbekleidung von Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts. Mit Polo- oder T-Shirts und Shorts. In Europa kaum denkbar ab der Volksschule, hier aber das, was man tagein, tagaus sieht. Angekommen vor der Schule wurde ihnen der Zutritt verwehrt. Die Begründung war, dass die Shorts nicht dem Dresscode der Schule (den übrigens jede Schule autonom entscheiden darf) entspräche. Dazu trugen sie Schlabbershirts und Sneakers. Mehrere Elternvertreter gaben an, dass die Kleidung weder auffallend noch aufreizend gewesen sei – und verwiesen dabei auf die Fotos der Mädchen. Die zu einer Stellungnahme aufgeforderte Stadtverwaltung zog sich mit dem Hinweis auf den «Dresscode» aus der Affäre.

Die Wogen in den Medien begannen zu schäumen, ebenso wie in den sozialen Medien. Gestern kamen in anderen Orten und Städten zahlreiche Mädchen als Zeichen ihrer Solidarität gesammelt in ähnlicher Kleidung in die Schule. Sie wurden entweder gar nicht in die Gebäude eingelassen oder in einen separaten Raum, z.B. in eine Bibliothek gebracht.

Das Erziehungsministerium hielt sich mit spontanen Reaktionen zurück und kündigte nur an, den Fall untersuchen zu wollen. Kein Rüffel für die Lehrer, keine Entschuldigung. Im Übrigen betraf der Ausschluss nur die Mädchen, die Jungens durften, ungeachtet der Korrektheit ihrer Bekleidung den Unterricht normal besuchen.

Zu einer noch weitaus perfideren Schikane, die nicht anders als Beschämung, Erniedrigung und ja, im Grunde sogar als seelische Grausamkeit und Missbrauch bezeichnet werden kann, kam es vorgestern. Ein erst sieben Jahre altes Mädchen wurde auf Grund der Hitze von der Mutter mit einem ärmellosen T-Shirt Kleid mit aufgenähten Schulemblem in die Schule, ebenfalls nicht-religiös in Petach Tikwa geschickt. In den Schulbeutel hatte die Mutter noch ein Sweatshirt, ebenfalls mit Schulemblem gesteckt.

Vor der Klasse stoppte die Lehrerin das Kind, teilte ihm mit, dass die Kleidung nicht dem Schuldress entspräche. Zwar rief sie noch die Mutter an, die aber bereits selber im Unterricht war und nicht kommen konnte und darauf hinwies, dass sich im Beutel ein Sweater befände. Was dann folgte ist unglaublich. Die Lehrerin gab dem Mädchen ein T-Shirt, zwang sie das Kleid auszuziehen und nur mit T-Shirt und Unterwäsche in der Klasse zu bleiben. Den anderen Schülern teilt sie mit, dass das Mädchen so bekleidet von daheim gekommen wäre. Natürlich setzte sie mit ihrem Verhalten das Kind dem Spott und der Häme der anderen Schüler aus. Als die Mutter mittags ihre kleine Tochter abholen wollte, fand sie ein völlig verstörtes Kind vor, dass ganz sicher auf Grund dieses Vorfalles psychologische Hilfestellung brauchen wird.

Auch in diesem Fall war die Reaktion aus dem Ministerium absolut frustrierend. Statt die Lehrerin, was durchaus gerechtfertigt gewesen wäre, sofort zu suspendieren, kündigte man auch hier an, eine Untersuchung einzuleiten.

Die Familie hat bereits einen Rechtsanwalt eingeschaltet.

Mittlerweile hat das Ministerium sich zu diesem Vorfall geäussert. Die Lehrerin sei eine anerkannte und kompetente Person. Es sei nie in ihrer Absicht gelegen, das Kind in irgendeiner Form zu verletzen. Den Eltern wurde Hilfe angeboten, aber von diesen nicht angenommen. Diese bestand nämlich schlussendlich darin, Unterstützung bei einem Schulwechsel für das Kind anzubieten. Zwar hätte die Schule «mehr Flexibilität» zeigen können, aber es gäbe keinen Anlass, die Lehrerin zu bestrafen. Durch den Vorfall sei ihr und dem Kollegium bereits ein grosser emotionaler Schaden entstanden. Eine entsprechende Unterstützung und Betreuung durch das Ministerium wurde zugesichert.

Von Esther Scheiner

Esther Scheiner ist Journalistin und Redakteurin der Israel Nachrichten. Sie lebt und arbeitet in Israel und der Schweiz.

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Von am 22/05/2020. Abgelegt unter Israel. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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