Meine Seite

Abonnieren

  • Subscribe via Email
  • Facebook
  • Twitter

Lockdown 1! – 2! – 3?

König David, der im Jahr 1.000 BCE Jerusalem zur ersten und seither einzigen Hauptstadt der bis dahin zwei Königreiche Israel im Norden und Juda im Süden machte, war wirklich ein Mann, der das Multitasking perfekt beherrschte. Seinen eigentlichen Beruf als Krieger und Feldherr füllte er durchaus erfolgreich aus. In der Freizeit schrieb er 83 Psalmen, die heute noch ihren festen Platz sowohl in der jüdischen, als auch in der christlichen Tradition haben. Seine grösste persönliche Ambition mag aber das «Sammeln» von Ehefrauen gewesen sein. Er gewann die Damen seines Herzens nicht immer auf die feine Art. Besonders der Ehemann seiner letzten und achten Ehefrau Bathsheba, musste die Leidenschaft Davids mit seinem Leben bezahlen und fiel einem ziemlich gemeinem Kriegstrick zu Opfer. Wie er mit all dieser Umtriebigkeit noch Zeit zum Regieren gehabt hat, wird immer ein Mysterium bleiben.

PM Benjamin Netanyahu auf der Unterstützungs-Demo am 9. Aug. 2017. Foto: Maoz Vaystooch/TPS

Ich will nicht so vermessen sein, unseren PM mit König David zu vergleichen, obwohl dieser Vergleich so weit hergeholt nicht ist. Immer wieder schallen neben den Protesthupen und «Protestgesängen» auch Stimmen, die lautstark «Melech Bibi, Melech Bibi», also König Bibi skandieren. Das wird ihm, wohlgeborgen hinter den dicken Mauern der Amtsvilla in Jerusalem, oder seiner Privatvilla in Caesarea, wohltuend in den Ohren klingen. Bestätigen sie ihn doch in seinem vielleicht insgeheim gehegten Traum, der neue König des modernen Israel zu werden.

Und weil er das (noch) nicht ist und hoffentlich auch nie werden wird, muss er sich wohl oder übel manchmal mit seinem Kabinett einigen. Eine schwierige Aufgabe, die er im Zick-Zack-Kurs zu meistern  versucht.

Am 10. Juli verkündete Gesundheitsminister Yuli Edelstein, dass ein zweiter Lockdown für Israel unvermeidlich sein würde. Dies, sobald die Zahl der täglich Neuerkrankten die magische Schallgrenze von 2.000 überschreiten würde.

An diesem Tag wurden 1.441 neue Aktivfälle gemeldet. Ein neuer Lockdown war also nur mehr eine Frage der Zeit. Zwölf Tage später war es so weit, die magische Zahl «2.000» war erreicht. Und was geschah? Nichts. Auch, als in den folgenden Tagen dieser Grenzwert immer wieder einmal überschritten wurde, kam aus Jerusalem nichts. Ab dem 31. August stiegen die Zahlen stetig an, bis sie am 23.September den bisherigen Höchstwert von 11.316 erreichten.

Am 18. September begann der zweite Lockdown, der bis zum 11. Oktober dauern sollte. Damit sollte an den kritischen Feiertagen sichergestellt werden, dass es zu keinen dramatischen Neuerkrankungen käme. Am 25. September wurden die Massnahmen nochmals verschärft. Ein ganzes Land, das die dicht aufeinanderliegenden Feiertage normalerweise zum ausgiebigen Familientreffen und Festen, zu Ausflügen und Partys nutzt, igelte sich ein.

Am 1. Oktober, die Zahlen lagen im hohen 5-stelligen Bereich, kündigte der PM an, dass der Lockdown diesmal sehr langsam und sorgsam geplant beendet werden würde. Er könne «bis zu einem halben Jahr oder Jahr dauern.»

An diesem Tag  veröffentlichte das Gesundheitsministerium einen 8-Stufen-Plan, der während vier Monaten einen sicheren Ausstieg aus dem Lockdown weitgehend sicherstellen sollte.

  1. Ab 18. Oktober sollten die Vorschulen wiedereröffnet werden. Ebenso dürfte in Büros ohne Publikumsverkehr wieder gearbeitet werden. Das Verbot, sich mehr als einen Km von daheim zu entfernen würde aufgehoben. Dadurch wären auch wieder Demonstrationen möglich, die Strände könnten wieder geöffnet werden. Restaurants dürften wieder Take-out anbieten. Der Flugverkehr, der de facto wieder nahezu zum Erliegen gekommen war, würde wieder aufgenommen. Maximale Neuerkrankungen: 2.000 pro Tag
  2. Ab dem 1. November könnten die ersten vier Klassen zurück in die Schule gerufen werden. Synagogen und alternative medizinische Angebote (Akkupunktur, Massage) dürften wieder angeboten werden. Maximale Neuerkrankungen 1.000 pro Tag
  3. Ab Mitte November könnten Einkaufszentren, Sportanlagen und Märkte wiedereröffnet werden. Maximale Neuerkrankungen 500 pro Tag
  4. Ab Ende November dürften Restaurants und Caféhäuser wieder Gäste empfangen. Freizeitparks könnten wieder ihre Tore öffnen. Maximale Neuerkrankungen 250 pro Tag
  5. Mitte Dezember könnten Hotels und Pensionen wieder aufmachen. Schwimmbäder dürften wiedereröffnet werden.
  6. Ab Ende Dezember könnten wieder Museen und Unterhaltungseinrichtungen besucht werden. Gruppensport wäre wieder zulässig.
  7. Um den 10. Januar begänne wieder der reguläre Schulunterricht für alle ab der vierten Klasse.
  8. Ab Ende Januar könnte es wieder Sportveranstaltungen mit Publikum geben. Clubs und Bars könnten als letzte wieder in Betrieb gehen.

Ein sehr durchdachter Plan, der wesentlich verantwortungsvoller ist, als der hirnlose Ausstieg im Frühjahr. «Wir wollen der Wirtschaft helfen, aber auch euer Leben einfacher machen. Es für euch möglich machen, wieder raus zu gehen, zur Normalität zurückzukehren, eine Tasse Café, oder ein Glas Bier zu trinken. Aber vor allem, Spass zu haben» Mit diesen Worten kündigte der PM am 26. Mai das Ende des ersten Lockdowns an. Seit dem 2. Mai lagen damals die täglichen Neuerkrankungen im niedrigen zweistelligen Bereich. Israel atmete auf. Zwar lag die Wirtschaft, vor allem die Tourismusbranche auf dem Bauch, es gab fast eine Million Arbeitslose, viele kleine Unternehmer sahen keine Chance mehr auf einen Neubeginn. Israel war der einer der Musterschüler für die erfolgreiche Bekämpfung der heimtückischen Corona Pandemie.

Doch dann kam alles anders,  kam alles viel schlimmer, als wir es uns hatten vorstellen können. Und aus Jerusalem kam wieder nichts.

Unser PM hatte andere Probleme. Die Proteste gegen ihn und seine Zick-Zack-Politik, seine Unentschlossenheit, gegen die fehlende Unterstützung der maroden Wirtschaft, gegen die fehlende Unterstützung der zahllosen Arbeitslosen entfachte die Wut der Bevölkerung. Aber, auf dem Ohr blieb er taub.

Er focht stattdessen seine Überlebenskämpfe gegen die Koalitionspartner. Düpierte wiederholt die wichtigsten Regierungsmitglieder. Als er am 15. September nach Washington flog um das «Abraham Abkommen» zu unterzeichnen, hatte er im Vorfeld die israelische Seele verkauft. Mit der Zusage über den Verkauf der F-35 an die Vereinigten Arabischen Emirate erkauften sich Trump und sein Zampano Netanyahu die Unterschrift der arabischen Scheichs zu einem Abkommen, das als «Friedensvertrag» kolportiert wird, de jure aber nur ein Abkommen über enge diplomatische Beziehungen darstellt. Weder der Verteidigungsminister Gantz, noch der Chef der IDF Kochavi waren über den Deal informiert. Dafür seine Parteigenossen. Auch wenn der PM  betont, der Deal sei erst nach der Unterzeichnung des Abkommens geschlossen worden, so konnte man darüber bereits vor einigen Wochen in der Zeitung lesen. Der PM bezeichnete diese Nachrichten damals als «fake news». Tja, Lügen haben eben kurze Beine.

Seit der Sudan von Trump mit dazu gepresst wurde, ist das der Ausverkauf der israelischen Volksseele. Um den Preis der Macht, um den Preis des Glanzes, zum politischen Nutzen für den PM.

Unser PM hat die Bodenhaftung verloren. Auch die im Zusammenhang mit dem, was derzeit Israel am meisten durchrüttelt.

Schön, die (Corona) Zahlen sprechen für sich. Sie sinken von Tag zu Tag. Seit fünf Tagen befinden sie sich «nur mehr» im dreistelligen Bereich. Die Feiertage liegen mehr als zwei Wochen zurück, Neuinfektionen sollten also keine signifikant erhöhten Änderungen mehr zeigen.

Der PM möchte schon wieder alles öffnen, den Fehler vom Frühling wiederholen. Unterstützt wird er dabei u.a. vom Erziehungsminister, seinem politischen Kumpan. Unsere Corona Spezialisten werden, wie seit Wochen schon, einfach überstimmt und ausgetrickst.

Wenn die Politik sich wieder den Haredis, der Wirtschaft und den Arbeitnehmervertretern beugt, dann werden wir noch vor dem Winter in den dritten Lockdown gehen.

Eine Nachricht, die heute in der Zeitung zu lesen war, lässt das befürchten. Schüler der ersten vier Klassen könnten bereits ab Sonntag wieder nach einem ausgeklügelten System in den Schulen unterrichtet werden. Allerdings wären damit enorm hohe Kosten verbunden, über deren Finanzierung noch diskutiert werden muss. Auch eine vorzeitige Wiedereröffnung von Geschäften steht derzeit zur Diskussion. Und, scheinbar ein besonderes Anliegen des PM ist, dass Hotels in Eilat und am Toten Meer ebenfalls wieder Gäste empfangen dürfen. »Wir werden spezielle Arrangements für sie treffen, weil sie abseits und isoliert liegen. Das ist sehr wichtig für die Bewohner dieser Regionen. Und für die Bewohner Israels, die gerne an definierte, sichere Orte reisen möchten.» 

Von Esther Scheiner

Esther Scheiner ist Journalistin und Redakteurin der Israel Nachrichten. Sie lebt und arbeitet in Israel und der Schweiz.

Von am 26/10/2020. Abgelegt unter „Während Israel nicht nur vom BDS boykottiert wird…“. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

Durch einen technischen Fehler, ist die Kommentarfunktion ausgeschaltet!

Leserkommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Wie in einer Demokratie ueblich achten wir die Freiheit der Rede behalten uns aber vor, Kommentare nicht, gekuerzt oder in Auszuegen zu veroeffentlichen. Anonyme Zuschriften werden nicht beruecksichtigt.