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Wider das Vergessen: Das Regime der Nationalsozialisten und die Konzentrationslager: – Was es mit dem recht kleinen roten Haus für eine Bewandtnis hatte 7. Teil

Ein aus Schlesien stammender zweiundvierzig alter Jude, der am 13. April des Jahres 1942 nach Auschwitz deportiert worden war und bald darauf einem Häftlingskommando beim Krematorium des Stammlagers zugeteilt wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bezeugte er vor dem Militärtribunal in Nürnberg das Eintreffen mehrerer Transporte polnischer Juden im Mai und Juni 1942, zu denen auch viele ältere Männer und Frauen sowie Müttern mit Kindern und Säuglingen gehörten. Die Verbrecher der SS führten die Gefangenen in den Hof vor dem Krematorium und befahlen ihnen, sich auszuziehen, um ein Duschbad zu nehmen.

Auschwitz Ankunft an der Rampe. Foto: Archiv

Dann sperrten sie die unschuldigen Opfer in die nur schwach beleuchtete, fensterlose Gaskammer im Krematorium. Sofort verbreitete sich Panik unter den eingeschlossenen Juden. Zynisch brüllten die SS-Schergen zurück: „Verbrennt euch nicht beim baden.“ Laute Geräusche von Automotoren sollten eigentlich den Tumult des Todeskampfes übertönen, aber diejenigen, welche direkt neben dem Krematorium standen, bekamen doch alles mit. Seinen Aussagen ist folgender Satz verbrieft: „Und da hörten wir aufeinmal Husten. Und sie schreien, die Menschen. Man hört die Kinder und alles schreit. Nach einiger Zeit wurden die Schreie schwächer und verstummten schließlich ganz.“

Der Massenmord an den Juden, der in der Gaskammer des Stammlager-Krematoriums, – später kurz Krematorium I genannt -, begann, ging bald weiter in neuen Tötungsanlagen in Birkenau. An einer abgelegenen Stelle am Rand des Birkenwaldes wandelten die SS-Mörder einen leeren Bauernhof in eine Gaskammer um. Bekannt geworden als Bunker Eins oder „das kleine rote Haus“, ließ sich das Gebäude ohne jedwedes Problem umbauen: Fenster wurden zugemauert, Türen isoliert und verstärkt und ziemlich kleine Löcher für den Einwurf des Zyklon-B-Granulats in die Wände geschlagen, denn die Häftlinge sollten nicht auf den ersten Blick sehen, was ihnen bevorstand.

So konnten einhundert Juden in die zwei entstandenen Räume hinein gepfercht werden, Sägespäne auf dem Betonboden nahmen das Blut und die Fäkalien der Unglücklichen auf. Buner Eins ging aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann Ende Mai des Jahres 1942 in Betrieb und die Vergasungen im Stammlager-Krematorium endeten wenige Monate später. Die SS-Schergen betrachteten die Verlagerung von Massenvergasungen nach Birkenau als eine „praktische Lösung“ des Mordes an dem jüdischen Volk. Massenmord und die Beseitigung der Toten erwiesen sich in dem ächzenden und überbeanspruchten alten Krematorium als zunehmend umständlich und erregten im Stammlager zu viel Aufmerksamkeit; die Vergasungen in das isolierte Birkenauer „kleine rote Haus“ zu verlegen wäre effizienter und versteckter! Zudem nahmen die Selektionen unter den Birkenauer Insassen größeren Umfang an. Aus Sicht der höheren SS-Ränge wäre es viel einfacher, diese selektierten Häftlinge in Birkenau selbst umzubringen, als sie in die Gaskammer des Stammlagers zu verbringen. Und so wurde Birkenau bestimmt zum neuen Zentrum für den mörderischen Massentod im Auschwitz-Komplex.

„Fabriken des Todes“
Am 11. Juni des Jahres 1941 trafen sich mehrere SS-„Experten“ des Reichssicherheitshauptamtes-Judenreferat in Berlin, um Einzelheiten ihres europaweiten Deportation Programms zu besprechen. Die Stimmung unter den Anwesenden war bedrückend. Nur zwei Tage zuvor war Reinhard Heydrich, Himmlers engster Helfershelfer, in einem – den Nazis entsprechenden Staatsakt – beigesetzt worden, nachdem er von zwei vom englischen Geheimdienst ausgebildeten tschechischen Agenten umgebracht worden war. Die Nazi-Führung nahm an der tschechischen Zivilbevölkerung bereits blutige Rache und war sich einig, „dass auch die Juden bezahlen müssen.“

In seiner Trauerrede für Heydrich am 9. Juni sagte Himmler vor SS-Generälen, „dass mit den Juden reiner Tisch gemacht werden würde. Die Völkerwanderung der Juden werden wir bestimmt in einem Jahr fertig haben, dann wandert keiner mehr.“

Auschwitz spielte in Himmlers Vorstellungen eine wichtige Rolle. Wie Eichmann zwei Tage später auf dem Treffen im Reichssicherheitshauptamt erklärte, hatte Himmler die Deportation großer Zahlen jüdischer Männer und Frauen zur Zwangsarbeit nach Auschwitz befohlen. Die SS-Planer arbeiteten dann Stück für Stück die Einzelheiten aus. Ab Mitte Juli des Jahres 1942 sollten knapp 125.000 jüdische Männer und Frauen mit Zügen aus Belgien, Frankreich und Holland ins Lager mit der Deutschen Reichsbahn deportiert werden. Himmler stellte sich die meisten dieser Gefangenen immer noch als Slaven vor; – der Großteil der nach Auschwitz verbrachten Juden, befahl er, sollte jung – zwischen 16 und 40 Jahren – und arbeitsfähig sein.

Aber Himmler machte eine wesentliche Ausnahme: Die Transporte könnten auch einen kleineren Teil – etwa zehn Prozent – von Juden einschließen, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Ihr weitere Schicksal war Eichmann und den anderen SS-Helfern klar: Sie würden sofort nach ihrer Ankunft umgebracht.

Wie es weitergeht erfährt die geneigte Leserschaft der Israel Nachrichten im nächsten Teil, in dem es zu den Vorbereitungen für den Völkermord geht.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 07/12/2020. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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