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Hans Bergel: „Der Mann ohne Vaterland“ zum 90. Geburtstag

Zum 90. Geburtstag des Schriftsteller Hans Bergel

„Der Mann ohne Vaterland“ wurde neunzig. Als „Hans im Glück“ betitelt ihn die Literaturwissenschaftlerin Renate Windisch-Middendorf an einem Abend im September im Rumänischen Kulturinstitut in Berlin in ihrer wunderbaren Laudatio. So ganz stimmt das mit dem Glück nicht immer, wenn man Hans Bergels Vita etwas genauer liest. Das Leben ging zuweilen nicht zimperlich mit ihm um.

Hans Bergel. Foto: Wollmann-Fiedler

Hans Bergel. Foto: Wollmann-Fiedler

1925 wurde Hans Bergel in Rosenau/Risnov bei Kronstadt/Brasov in Siebenbügen im Karpatenbogen in eine siebenbürgisch sächsische Familie in Rumänien geboren, seit fast fünfzig Jahren lebt er im Süden Deutschlands, in der Nähe von München. Viele Stationen des Lebens hat er hinter sich, authentischer Chronist des 20. Jahrhunderts ist er sowieso. Große Ehrungen bekam er als Grenzgänger zwischen zwei Kulturen. Deutsche und rumänische Verdienstorden wurden ihm überreicht, den Doktor h.c. der Universität Bukarest bekam er, zum Ehrenbürger von Kronstadt und Rosenau wurde er ernannt. Mit dem ererbten Siebenbürger Fleiß hat er vieles erreicht, der agile alte Herr, der Schriftsteller, der einst Leistungssportler war, über viele Jahre Zeitungsherausgeber, Herausgeber politischer Schriften, Sachbüchern und Künstlerbiographien, essayistischen und publizistischen Werken unterschiedlicher Themen, Übersetzungen, Romane und Gedichtbände, Reden auf Tagungen und Protestkundgebungen etc. etc., die Jahrhunderttrilogie nicht zu vergessen.

Wie schon erwähnt, hat die Vita einen für mich kaum zu verstehenden Schatten. Nicht durch eigenes Verschulden wurde ihm, Hans Bergel und anderen, 1959 in der Volksrepublik
Rumänien unter dem Stalinisten Gheorghiu-Dej der Prozeß gemacht. Zur Zwangsarbeit wurde er verurteilt, kam nach Jilava einer Festungsanlage südlich von Bukarest, später in ein Bergwerk. Bis zur Entlassung 1964, folgte die Zwangsarbeit an der Donau und in der Baragan Steppe. Erst 1968 konnte er in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen.

Wir im Westen Europas, in Deutschland, kennen die damaligen Nöte in Rumänien kaum. Was hinter dem „Eisernen Vorhang“ passierte drang kaum in unsere westliche Welt.

Renate Windisch-Middendorf, die Historikerin und Vertraute Hans Bergels, schrieb „Der Mann ohne Vaterland“ vor einigen Jahren. Das Buch wurde bei Frank & Timme in Berlin herausgegeben. Man sollte es lesen, um über die oben genannte Zeit in Rumänien zu erfahren und über die politischen Zwänge und Lebenssituation der deutschen Minderheit in Rumänien. Ebenfalls erfahren wir aus den Schriften des Autors über kaum vorstellbare psychische und physische Qualen und Verfolgungen der gefürchteten Securitate. Die Germanistin Renate Middendorf läßt die literarischen Figuren, des publizistischen Werkes, des heute Neunzigjährigen in ihrer Laudatio gekonnt an uns vorbeiziehen.

Noch in den 1950er Jahren lernte Hans Bergel den deutschsprachigen Juden Manfred Winkler, 1922 in Putila in der Bukowina geboren, in Bukarest kennen. Winkler überlebte die Nazizeit, kehrte nach Rumänien zurück, veröffentlichte Kinderbücher mit Texten und seinen Zeichnungen in Bukarest. Ein Lyrikband von ihm aus den 1950er Jahren, ein Juwel für mich, wurde mir geschenkt. Mehrere Talente schlummerten in ihm, wie er mir einmal sagte. Manfred Winkler wanderte nach Israel aus und Hans Hans Bergel ging nach der Haftentlassung in die Bundesrepublik Deutschland, wie bereits gesagt. Beide deutschsprachigen Schriftsteller verloren sich für Jahrzehnte aus den Augen. Erst vierzig Jahre später trafen sie sich wieder, eine rege Korrespondenz entstand, die zu einem Buch „Wir setzen das Gespräch fort…“ gebündelt wurde. Hans Bergel veranlasste die Herausgabe von Winklers Lyrikbänden in Deutschland. Der letzte erschien 2014, Monate vor Manfred Winklers Tod.

Hans Bergel, der Siebenbürger Sachse schrieb über die Freundschaft mit dem Juden Manfred Winkler aus der Bukowina. „Es ist das schönste, das am tiefsten empfundene Freundschaftsverhältnis meines Alters“!

Von Christel Wollmann-Fiedler

Frau Wollmann-Fiedler ist Fotografin, Autorin und Journalistin, sie lebt in Berlin

 

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Von am 17/11/2015. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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