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Die Deutsche Mitverantwortung am Völkermord an den Armeniern

Wenn am Donnerstag über die Resolution “Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916“ abgestimmt wird, wird die deutsche Mitverantwortung am Völkermord an den Armeniern nur ein kleiner Unterpunkt ausmachen.

Armenien 1915 - 1939. Man hätte den zweiten Völkermord verhindern können, wenn man den ersten anerkannt hätte.

Armenien 1915 – 1939. Man hätte den zweiten Völkermord verhindern können, wenn man den ersten anerkannt hätte.

Es heißt zwar im Text der Resolutionsvorlage:”Der Deutsche Bundestag bedauert die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das trotz eindeutiger Informationen auch durch deutsche Diplomaten und Missionare über die organisierte Vertreibung und Vernichtung der Armenier nicht versucht hat, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen. Es hat sich als enger Verbündeter des Osmanischen Reiches der unterlassenen Hilfeleistung gegenüber den verfolgten Menschen schuldig gemacht. Daraus ergibt sich die besondere Mitverantwortung Deutschlands für die Aufarbeitung der historischen Geschehnisse. Das Gedenken des Deutschen Bundestages ist auch Ausdruck besonderen Respektes vor Armeniern als der wohl ältesten christlichen Nation der Erde. Ebenso waren An-gehörige anderer christlicher Volksgruppen, insbesondere aramäisch/assyrische und chaldäische Christen von Deportationen und Massakern betroffen“.

Bei den am Ende der Resolution aufgestellten Forderungen, die sich in erster Linie an die Türkei richten, den Völkermord endlich anzuerkennen, kommt die deutsche Mitverantwortung am Völkermord gar nicht mehr vor.

Dabei haben gerade im letzten Jahr , als sich der Beginn dieses Völkermordes zum 100. Male jährte, eine Reihe von namhaften Historikern eine klare deutsche Mitschuld an der Ermordung von 1,5 Mio. Armeniern im Osmanischen Reich herausgestellt. Auch Bundespräsident Gauck ging in seiner Ansprache am 24. April 2015 auf die Rolle des deutschen Militärs wesentlich konkreter ein als er sagte: „Das Deutsche Reicht habe nicht nur von dem Vernichtungswillen gegen die Armenier gewusst, sondern deutsche Militärs seien „an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt gewesen“.

Die Befehle für den Armenier-Massaker gaben ohne Zweifel das Triumvirat Enver Pascha, Cemal Pascha und Talaat Bey. Sie ordneten die Deportationen an, und sie bekannten sich deutschen Diplomaten gegenüber ganz offen zum Massenmord. Aber der deutsche Einfluss auf die Hohe Pforte war groß. Generalstabschef der türkischen Streitkräfte war General Friedrich Bronsart von Schellendorf. Operationschef des türkischen Heeres war Otto von Feldmann. 800 deutsche Offiziere waren während der Ausrottung der Armenier während des 1. Weltkrieges vor hundert Jahren in der Türkei stationiert. Einige halfen den Verfolgten, viele hatten Mitleid aber einige beteiligten sich auch am Völkermord.

Der Völkermord an den Armeniern konnte nur auf dem Hintergrund des 1. Weltkrieges passieren. Das Osmanisch Reich allerdings wurde erst auf massiven Druck des Deutschen Reiches seit November 1914, also drei Monate nach Beginn des 1. Weltkrieges, mit in diesen Krieg hineingezwungen. Der Zustand der türkischen Armee war damals infolge Inkompetenz und Lethargie („der kranke Mann am Bosporus“) so schlecht, dass deutsche Offiziere oft die Kommandogewalt auch über große Teile türkischer Streitkräfte hatten, wie Generalfeldmarschall Liman von Sanders, dem die Türkei sogar ihren größten Sieg im 1. Weltkrieg, nämlich die Abwehr der alliierten Landung an den Dardanellen, zu verdanken hat. Viele Analysten sind deshalb auch der Überzeugung, dass die osmanische Armee allein gar nicht in der Lage gewesen wäre, einen Völkermord dieses Ausmaßes logistisch durchzuführen. Immerhin mussten über 2 Mio Menschen aus dem Zentrum Anatoliens und dem Osten des Landes nach Süden, in die Wüstengebiete Syriens deportiert werden, welches ohne die von deutschen Ingenieuren gebaute Bagdad-Eisenbahn schlicht nicht möglich gewesen wäre. Der deutsche Oberstleutnant Böttrich etwa zeichnete als Chef der Eisenbahnabteilung im osmanischen Generalhauptquartier mindestens einen Deportationsbefehl ab. Einzelne der über 800 in der Türkei stationierten deutschen Offiziere haben in der Tat der Deportation von Armeniern aus dem Kriegsgebiet aus militärstrategischen Gründen zugestimmt, einige Militärs begrüßten sogar den Genozid. Das Vorgehen sei „hart, aber nützlich“, urteilte Hans Humann, der deutsche Marineattaché in Konstantinopel und ein Freund Enver Paschas, einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord.

Der deutsch-deutsche Kampf um das armenische Urfa

Im August 1915 hatten die Armenier Urfas, nachdem monatelang Deportationszüge mit verhungernden verelendeten Armeniern durch ihr Stadt gezogen waren, gemerkt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch sie der allgemeinen Vernichtung anheimfallen würden. Sie verschanzten sich daher in ihrem Viertel und widersetzten sich ihrer Deportation – nach Lesart der osmanischen Behörden ein Akt des Hochverrats. In dieser Situation richtete das türkische Oberkommando im Oktober 1915 eine Bitte an Major Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg (*1875 in Uettingen; † 1954 in Würzburg), der schon im März 1915 Militär gegen die Armenier der Stadt Sejtun (Süleymanlı) hatte aufmarschieren lassen, und im Herbst 1915 erst die Belagerung des Mosesberges (Musa Dag) leitete, auf dem sich die armenische Bevölkerung mehrerer Dörfer verschanzt hatte, mit seiner Geschützeinheit das Armenierviertel von Urfa zu bombardieren. Major Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg entsprach dieser Bitte und wurde so wohl derjenige deutsche Offizier, der sich am weitesten am Völkermord an den Armeniern beteiligte. Und dies obwohl der Offizier wusste, durch die Meldungen der europäischen Missionare an die deutsche Botschaft in Konstantinopel, dass auf der gegnerischen Seite deutsche und auch Schweizer Missionskräfte, wie der Schweizer Diakon Jakob Künzler, auf Seiten der verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Armenier an deren Verteidigungsbemühungen teilnahmen. So fand wohl in Urfa während des 1. Weltkrieges das einzige deutsch- deutsche Gefecht in der Türkei statt.

Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg hat in Briefen an seine Frau Sofie-Henriette Gräfin Wolffskeel von Reichenberg vom 12. 10. 1915 über die Niederschlagung des “Aufstands” in Urfa folgendermaßen berichtet: „Aber es ist doch mal wieder Kampf, und es ist wirklich eine Freude, mal wieder Kugeln pfeifen zu hören. Und daran ist kein Mangel“. In Urfa tobe ein Kampf von Haus zu Haus, schrieb Wolffskeel am 12. Oktober 1915 weiter an seine Frau. Es werde noch 14 Tage dauern, „bis wir die (armenische) Bande klein gekriegt haben“. Doch schon vier Tage danach war seine Arbeit abgeschlossen. Er schrieb: „Der Kampf ist beendet. Urfa ist genommen. Es ging schließlich viel rascher, als ich erwartet hatte. […] Soweit war die Sache ja ganz interessant und hübsch. Jetzt beginnt jedenfalls wieder der unerfreuliche Teil. Der Abtransport der Bevölkerung und die Kriegsgerichte. Mit beidem brauch’ ich mich ja Gott sei Dank nicht zu befassen, das sind innertürkische Angelegenheiten, die mich nichts angehen, aber man kann schließlich nicht vermeiden, es zu sehen, und das ist schon nicht angenehm“. Wolffskeel sah keinen humanitären Handlungsbedarf zugunsten der armenischen Bevölkerung Urfas, obwohl er durch die Mitarbeiter der Deutschen Orient-Mission genau über die Schändlichkeiten der türkischen Behörden und die an den Armeniern begangenen Verbrechen informiert war.

Hitler imponierte das Verhalten der Türken

Nach Kriegsende halfen Berliner Behörden allerdings zahlreichen schuldig gewordenen Jungtürken, die 1919 sogar von einem osmanischen Gericht zum Tode verurteilt worden waren, bei der Flucht vor den siegreichen Alliierten. Innenminister Talaat Pascha- „die Seele der Armenierverfolgungen“ (Botschafter Wolff Metternich) – versteckte sich mitten in der Reichshauptstadt Berlin. Auffallend ist, dass unter den deutschen Offizieren und Diplomaten in der Türkei überdurchschnittlich viele waren, die später zum engsten Mitarbeiterstab Adolf Hitlers gehörten, der sich bei seinem Völkermord an den Juden noch auf die Nichtahndung des Völkermordes an den Armeniern berufen konnte. Im August 1939 konnte Adolf Hitler vor seinen Generälen auf dem Obersalzberg in zynischem Triumph das Verbrechen des Schweigens seitens der Großmächte konstatieren: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Unter den Türkei- und so auch völkermorderfahrenen Mitarbeitern Hitlers waren Joachim von Ribbentrop, sein Außenminister, Max Erwin von Scheubner-Richter, der Hitler bei dem Kapp Putsch in München das Leben rettete und Franz von Papen, der als streng praktizierender Katholik Hitler 1933 den Weg an die Macht ebnen sollte. Seit 1938 durfte von Papen als deutscher Botschafter deutsche Interessen in der Türkei vertreten. Eine dieser Interessen war 1943 die Überführung und neuerliche Beisetzung der sterblichen Überreste des Hauptverantwortlichen an den Armeniermassakern, Talaat Pascha, von Berlin nach Istanbul.
Überlebende des Massakers von Urfa, haben von deutscher Seite keine Entschädigung erhalten. Nachkommen dieser Opfer erhalten heute nicht einmal Visas, um Deutschland zu besuchen, das Land, das ihnen einst ihre Heimat und Ihre Verwandten nahm. Es wird Zeit, dass sich Deutschland, ähnlich wie beim Holocaust an den Juden, endlich auch seiner dunklen Vergangenheit und Verantwortung bei den Armeniermassakern stellt.

Von Bodo Bost

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Von am 02/06/2016. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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