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Ausgewählt und ausgegrenzt: Zum Film „der Hass auf Juden in Europa“

Über den Film

Im Jahr 2015 gab der deutsch-französische Kultursender ARTE diesen Film in Auftrag. Betreut werden sollte er vom deutschen öffentlich-rechtlichen Sender WDR in Köln. Mit der Arbeit betraut wurden Joachim Schröder und Sophie Hafner. Nachdem der Film Ende 2016 zur Begutachtung vorgelegt wurde, erfolgte keine Reaktion, keine Begründung, keine konkreten Hinweise, es gab nur Schweigen.

Entsprechend des Untertitels „der Hass auf Juden in Europa“ wäre es wohl im Sinne von ARTE gewesen, sich inhaltlich nur auf Europa zu beschränken und nicht, wie es die Filmemacher planten, in etwa die Hälfte der Recherchen in Gaza und Judäa durchzuführen.

Joachim Schröder äussert sich dazu in der Zeit vom 13. Juni „Meines Erachtens hat unser Konzept deutlich gemacht, dass der Film vom antizionistisch geprägten Antisemitismus in Europa handelt, der untrennbar mit dem Nahostkonflikt verwoben ist. Die Schwerpunkte waren auf Deutschland und Frankreich gesetzt. Der Haupttenor des europäischen Antisemitismus sind heute antizionistische Ressentiments. Wenn man versuchen will, zu erklären, wie die entstanden sind, muss man sich auf die entsprechende Scholle begeben. Das haben wir getan. Und damit haben wir nicht, wie uns der Sender zu unterstellen versucht, eine Themenverfehlung begangen.“

SPON – „Übten Arte und WDR Zensur, als sie entschieden, eine Dokumentation über Antisemitismus nicht auszustrahlen? Kaum – der Film hat schlicht handwerkliche Mängel. Die Lösung von Bild.de, ihn unfertig doch zu zeigen, ist keine.“ Klagt Spiegel in seiner heutigen online Ausgabe. „Es ist von keinem richtigen Journalisten zu verlangen, über gezielten Hass und traditionelle Dummheit „ausgewogen“ zu berichten. Er sollte dann aber nicht fahrlässig Lücken lassen, durch die der Zweifel einsickern kann. Was stimmt, das muss auch sitzen. Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte sie wesentlich mehr Wucht entfalten können.

In ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie nur etwas, das man im Internet sieht, das man glauben kann oder auch nicht. Und das ist schlimm.“

Wie auch immer es Bild gelang, den Film gestern als Erste für 24 Stunden online zu setzen, sei dahingestellt, das Massenblatt hatte wieder einmal seine Nase ziemlich weit vorne.

Für die, die ihn nicht gesehen haben, hier eine – subjektive – Zusammenfassung mit den entsprechenden Screenshots und einigen, ebenfalls subjektiven Ergänzungen. Auf die zahlreichen historischen Hintergründe und Interviews verzichte ich weitgehend, sie bringen nicht viel Neues und sind hier verzichtbar.

Die Stimmen der Wissenschaft

Prof. Monika Schwarz-Friesel

Prof. Monika Schwarz-Friesel, Kommunikationswissenschaftlerin an der TU Berlin betrachtet das Phänomen Antisemitismus aus wissenschaftlicher Sicht. „Kein Antisemit wird sich öffentlich hinstellen und sagen „Ja ich bin Antisemit“, keiner wird öffentlich sagen, die Juden sind ganz schlimme Menschen. Aber das Konzept ist in ihren Köpfen und sie können nicht davon lassen. Zum Antisemitismus gehört eine grosse Obsessivität, eine Besessenheit. Sie sprechen nichts direkt an, sie bedienen sich der indirekten Sprechakte. Sie nutzen Paraphrasen. Nicht „Juden sind das Übel der Welt”, sondern „Israel ist das Übel der Welt. Nicht „Juden beherrschen den Finanzmarkt”, sondern sie greifen auf jüdische Namen zurück (Rothschild, Goldman Sachs). Sie benutzen Verkürzungen, vor 45 sprach man vom internationalen Finanzjudentum, heute wird das nur mehr mit internationalem Finanztum bezeichnet. Statt direkt von Juden zu sprechen, heisst es „jene einflussreichen Kreise, die Bänkler von der Ostküste, Zionisten, Israel Lobby“. Ohne, dass der Begriff Jude fällt, weiss jeder, was gemeint ist.

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Dr. Stefan Grigat, Politologe

Dr. Stefan Grigat, Politologe, versucht eine soziologisch – historisch – wissenschaftliche Erklärung. „Das Bedürfnis den Nationalsozialismus zu relativieren, gibt es in der Linken teilweise sogar noch ausgeprägter, als in der Rechten. Es gibt kaum eine grössere Kränkung für den Linken, als dass der Nationalsozialismus endgültig dokumentiert hat, dass das revolutionäre Subjekt Proletariat nicht diese Hoffnung erfüllt, die Generationen von Marxisten und Marxistinnen in dieses revolutionäre Subjekt gesetzt hatten. Die kritische Theorie von Adorno und Horkheimer ist deswegen so wichtig, weil sie erstmals diese unglaubliche historische Niederlage, dass sich grosse Teile der deutschen Bevölkerung, einschliesslich der Arbeiterschaft in das Vernichtungsprojekt der Nationalsozialisten integriert haben, dass es so gut wie keinen nennenswerten Widerstand gegeben hat. Sie waren die Ersten, die versucht haben, das in die linke Theorie aufzunehmen, die versucht haben, darüber Rechenschaft abzulegen, was das bedeutet. Grosse Teile der Linken haben einfach so getan, als ob man wieder bei 1932 anfangen könnte.“

Warum fühlen sich die mehr als 1000 NGOs in Ramallah so wohl? Prof. Eugene Kontorovich geht der Frage nach. „Wer in Marokko Kritik am Staat üben oder die Menschenrechtsverletzungen in der Westsahara präsentieren würde, der würde das kaum überleben. In Israel, einem offenen und liberalen Land gibt es Uneinigkeit, Widerspruch und ein Mehrparteiensystem. Na ja, eine Demokratie mit zu vielen Parteien. Wenn du hierher kommst und Israel kritisierst, wirst du nicht in einem Sarg nach Hause geschickt, sondern du bekommst eine Medaille. Das ist einfach.(…)Ironischerweise liegt das an der liberalen Gesellschaft, die sich in einem selbstkritischen Prozess befindet und die dabei ist, sich selbst zu reformieren. Dies ist einer der Gründe, warum Israel am meisten abbekommt, obwohl es das am wenigsten braucht. Aber was auch immer die Gründe sind, der Effekt ist ein einzigartiger und beispielloser Standard nur für den jüdischen Staat. Und das ist praktisch antisemitisch. Das bedeutet nicht, dass die Motive der Leute, die das tun, antisemitisch sind, oder dass es jemandem bewusst wäre, schlecht über jemanden zu denken, aber die Tatsache, dass genau der Staat, in dem die Mehrheit der Juden lebt für eine Sonderbehandlung von Europäern auserkoren wurde, ist ausserordentlich bemerkenswert.“

Prof. Georges Bensoussan gibt einen Deutungsversuch aus französischer Sicht. „Der Antisemitismus, der sich in Frankreich entwickelt, ist ganz anderer Natur. Das ist kein Nazismus und keine Reichskristallnacht. Es ist etwas anderes. Ich gebe Ihnen ein Beispiel zur Illustration. (….) Man hat Schwierigkeiten damit, dass die Geschichte sich nicht wiederholt und dass der Antisemitismus in immer anderen Formen auftreten wird. Diese Lektion der Geschichte, die uns helfen sollte, sie zu verstehen, hält uns davon ab, sie zu verstehen. Das hat mit der Erziehung zu tun, dass man uns die Juden immer als Opfer zeigt. Man glaubt schliesslich, dass es keine jüdische Kultur gibt, und dass sie nur da sind, um zu sterben. (…) Kurz man tut alles, als ob es keine jüdische Welt an sich gäbe. Literatur, Ritus, Talmud, Tanach, Tora das alles gehört zur so grossen jüdischen Kultur, die sich nicht nur in der Diaspora, sondern auch im Zionismus findet. Die Kultur des Zionismus wird für schuldig erklärt. Dadurch, dass die Juden als Opfer dargestellt werden, sozialisiert man sie als Opfer. Und indem man sie verteidigt, rechtfertigt man schliesslich schon die nächste Verfolgung.“

Von Esther Scheiner, Israel

 

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Von am 21/06/2017. Abgelegt unter Israel. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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