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Episoden aus meinem Hotelleben – Folge 6

Mein „Hochwasser-Abitur“ am Rhein

„Wer am Fluss lebt, der muss auch mit dem Fluss leben.“ Diese oft ignorierte Weisheit gilt für alle Anrainer an Flüssen, in unserem Fall für den Rhein. Die Hochwasserkatastrophen von Donau, Mosel und Elbe sollen nicht geringgeschätzt werden, zumal auch die dortigen Geschäftsleute, Gewerbetreibende und Anwohner bei Hochwasser existenzielle Sorgen haben.

Als in dieser Hinsicht völlig unerfahrener Hoteldirektor habe ich erlebt, dass der Rhein in Bonn Pegelstände von 10 Meter und mehr erreichen kann. Normal sind 3,50 bis 5,0 Meter. Die Breite dieses Stromes bei Hochwasser ist unvorstellbar und erreicht dann gerne das 5-fache des Normalen.

Hochwasser am Rhein. Foto: WDR/screenshot

Immer wieder wurden wir gefragt, ob es denn keine Versicherungen für diesen Fall gibt. Die gibt es sehr wohl, sie sind aber unbezahlbar. Also ist jeder betroffene Hotelier und Anwohner gut beraten, einen „Notgroschen“ anzusparen. Aber auch dies hat Tücken, wie uns das Finanzamt lehren wollte, indem man uns eine verdeckte Gewinnausschüttung unterstellte. Typisch deutsch eben. Aber Recht ist Recht geblieben.

Der Rhein von Bonn stromabwärts in Richtung Niederlande ist von Industrie geprägt. Bestes Beispiel ist Europas größter Binnenhafen in Duisburg am Niederrhein. Nach Süden hingegen ist er tatsächlich romantisch, zumal von der ehemaligen Kloake heute dank Umweltschutzmaßnahmen nichts mehr geblieben ist und sogar Badequalität erreicht wird. Dieser Fluss ist der am stärksten befahrene Strom Deutschlands und das bringt für einen Hotelier der direkt am Fluss sein Haus hat, auch kleine aber natürlich lösbare Probleme mit sich. Schlepper und Tanker, Kreuzfahrschiffe und Schubverbände hört man deutlich, zumal nachts. Gäste wollen erst unbedingt ein Zimmer zum Rhein und bei längerem Aufenthalt später auch gerne wieder ein Zimmer zur gegenüber liegenden Hoteleinfahrt.

Bonn-Bad Godesberg bildet touristisch betrachtet das Tor zum romantischen Rhein mit seinen mittelalterlichen Burgen, Schlössern, Klöstern und Kirchen, den Flussbiegungen und Inseln, den Felsformationen und der üppigen Flora entlang des Flusses, aber eben nur solange, wie der Fluss in seinem Bett bleibt. Bei Hochwasser zeigt er schnell seine gefährliche, zerstörerische Seite.

Die existenziellen Ängste der Hoteliers am Fluss bei einem, oder gar mehreren aufeinander folgenden Hochwassern sind durch einen ganzen Komplex von Einzelproblemen begründet. Zunächst stornieren Bankett-Veranstalter lange vor dem worst case-Szenario ihre fest gebuchten Termine. Bei einem hohen F&B-Anteil (Anteil Speisen und Getränke) am Gesamtumsatz beginnt hier schon der wirtschaftliche Druck. Wenn wir aber aus Gründen der Fairness selbst stornieren mussten, dann ist das für die Gäste nicht weniger dramatisch. Eine stornierte Hochzeitsfeier abzusagen ist äußerst problematisch und kann sogar dem Hotel, trotz aller Vorsorge in den AGB, Kosten verursachen. Die Business-Gäste buchen auf Hotels, weit weg vom Hochwasser um und es dauert auch einige Zeit nach Erreichen des Normalzustanden, bis diese Gäste wieder zurückkehren.

Ab dem Zeitpunkt der Entscheidung zur Evakuierung des Hotels geht es im sonst so ruhigen Haus, insbesondere im Hochwasser gefährdeten Erdgeschoss zu, wie in einem Bienenschwarm. Eine Schreiner-Brigade baut alle Türen und Paneels aus, sichert die Hotelbar und den Rezeptionstresen, Parkettleger bauen das Tanz-Parkett im großen Saal aus, Elektriker schrauben alle Steckdosen und Schalter ab und stellen das Haus stromlos und die Angestellten räumen alle Tische, Stühle, Flügel, Weinklimaschränke etc. aus und verstauen diese auf Lkw zum Abtransport oder tragen diese in höhere liegende Etagen. Die Küche wird einschließlich aller Läger geräumt und der nicht unerhebliche Weinkeller geleert. Alle Involvierten erwarten Führung und Kompetenz, aber die muss man in dieser Hinsicht erst erlernen. Insofern war ich beim ersten und zweiten Hochwasser noch Eleve.

Kein Licht, kein Telefon, keine Heizung, keine Toiletten und kein Aufzug – das alles bei Außentemperaturen unter dem Gefrierpunkt. Für den Außenzugang wird ein Steg gebaut und von da ab wird die gesamte Versorgung und Entsorgung, der gesamte Gästeverkehr etc. über diesen Steg geführt.

Mit Sinken der Pegelstände muss sofort die Reinigung mit Hochdruckreinigern, Nasssaugern beginnen und dann laufen die Entfeuchter Tag und Nacht. Der Rheinschlamm wird sonst hart wie Beton und das betrifft vor allem die Auslegware und die Holzvertäfelungen, die nicht abgebaut werden konnten. Das klingt einfacher, als es getan ist. Strom über Generatoren zu erzeugen ist kein Problem, im Wasser stehend die Kabel im Trocknen zu halten und dabei noch zu arbeiten, aber schon. Ab einem bestimmten Pegel läuft auch die Tiefgarage voll und dann sind mehrere Millionen Liter schlammiges Rheinwasser auszupumpen. Die Reinigung der Tiefgarage, ohne Licht und im eiskalten Wasser stehend, ist ein bleibendes Erlebnis.

Um sich die gespenstige Situation vorstellen zu können, muss man sich den sonst so lebhaften und hörbaren Fluss völlig still vorstellen, denn die Schifffahrt wird wegen der Durchfahrthöhe unter Brücken ab einer bestimmten Pegelhöhe eingestellt. Wenn man dann im Restaurant oder Bankett die Hand aus dem Fenster hält, greift man ins Wasser, was sonst 6 Meter tiefer fließt.

Mit der Entscheidung zur Evakuierung bleiben nur ca. 24 Stunden bis das Wasser ins Haus eindringt. Aber es werden nicht nur das Hotel, sondern auch alle Außenbereiche mit Garten und Biergarten, Hoteleinfahrt und Außenläger zum Zentrum hektischer Arbeit. Alles was nicht gesichert wird, ist faktisch verloren oder wird auf Dauer unbrauchbar. Ohne freiwillige Helfer und unermüdlich tätige Mitarbeiter ist das alles undenkbar.

Für den Hotelier bedeutet diese Zeit einen gigantischen Kostenblock ohne Einnahmen zu haben. Mit jedem Tag ohne Gäste werden die Verluste größer, denn alle Kosten laufen weiter, ganz so, als gäbe es diese Katastrophe nicht.
Die Entscheidung für eine solche Evakuierung treffen Eigentümer und Direktor gemeinsam. Die Entscheidung ist dann tatsächlich ein Break Point im Geschäftsablauf. Ab diesem Zeitpunkt werden Pausen, Feierabend und Schlaf Nebensache, ab diesem Moment wird gegen die Zeit gearbeitet.

Trotz aller Dramatik gibt es aber immer noch Leute, die gaffen und fotografieren müssen und sich am Elend anderer weiden, ja die sogar den Helfern im Weg stehen und dann noch empört tun, wenn sie unsanft behandelt werden. Der Eigentümer, ein typischer Rheinländer, brachte es fertig, zu den Gaffern zu gehen und im Stile eines Marktschreiers laut zu rufen: „Nächste Führung in 20 Minuten, Eintritt 5 EUR.“ In kürzester Zeit waren alle verschwunden.

Warum tun sich Hoteliers und Gastronomen dies an, fragen sich viele. Die Antwort ist verblüffend einfach. Weil die Zeit ohne Hochwasser soviel mehr an Gästezufriedenheit und Romantik bringt, als diese schweren Zeiten ohne Gäste und ohne Einnahmen. Die Gäste zieht es magisch an den Fluss und alle möchten im Restaurant, in Park und Garten, am Fenster sitzen.
Die Banken allerdings sehen das ganz anders und stufen diese Objekte gemäß „Basel II und III“ als besonders Risiko gefährdet ein und richten ihre Kreditvergabe-Kriterien und Zinsforderungen darauf ab.

Ohne Erfahrung in der Logistik der Evakuierung eines Hotels geht es ebenso wenig, wie ohne Erfahrungen in der Abschätzung der Geschwindigkeit steigender Pegelstände. Dazu standen wir im engen Kontakt mit Kollegen stromaufwärts und hatten einen älteren Herrn in der Nähe von Koblenz, der ohne jegliche Computer-Simulationen die Pegelstände bis auf 2 oder 3 cm vorhersagen konnte. Dieses „Orakel“ hat alleine aus den Pegelwerten und Steiggeschwindigkeiten von Rhein und Mosel so sichere Prognosen erstellt, dass wir unsere Entscheidungen wesentlich drauf ausrichten konnten. Jahrzehntelange Erfahrungen am Fluss und ein gutes Gespür für die Natur ermöglichten ihm diese Vorhersagen.

Nach dem zweiten großen Hochwasser hatte ich dann mein „Hochwasser-Abitur“ abgelegt, an den Erfahrungsschatz des Eigentümers, der von Kindheit an diese Katastrophen mitgemacht hat, konnte ich natürlich nicht heranreichen.

Später habe ich den Staffelstab an Sohn des Eigentümers weitergegeben und mich meiner schrittweise erworbenen Kompetenz, der Sanierung von Hotels in wirtschaftlicher Schieflage, unter dem Motto: „2. Chance in der Hotellerie“, gewidmet. Grundlage dafür war die lange und enge Zusammenarbeit mit dem „Insolvenz-Papst“ Deutschlands, einem ehemaligen Richter für Wirtschaftsrecht (Insolvenzen) am Landgericht und Professor an der HS Remagen. Gemeinsam mit seinen Studenten haben wir einen Online-Selbstcheck für eine diskrete Bewertung der Lage von Insolvenz betroffenen Kollegen entwickelt und tatsächlich auch helfen können.

In den folgenden Jahren hat mich dieses zunächst akademische Thema, sehr praktisch gefordert.

Von Gerhard Werner Schlicke

(Alle Ereignisse beruhen auf wahren Begebenheiten, Namen von noch lebenden Personen wurden verfremdet oder aus Gründen der Diskretion weggelassen)

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Von am 03/06/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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