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Trier als Shtettl

Am 18. November lud die Synagogengemeine Trier erstmals zu einem „Tag der offenen Tür“ in ihre Räumlichkeiten in der Kaiserstraße.

Peter Szemere erklärt die Synagoge in Trier. Foto: B. Bost

Schon seit mehr als 60 Jahren steht die neue Trierer Synagoge in der Kaiserstraße. Schon oft haben hier Veranstaltungen stattgefunden für die große Öffentlichkeit, aber noch nie gab es bis in diesem Jahr einen „Tag der offenen Tür“. Deshalb freute sich die Präsidentin der Synagogengemeinde Jeanna Bakal, dass sehr viele Besucher der Einladung zur Premiere gefolgt waren Sie konnte über 100 Besucher begrüßen, die die Synagoge bis auf den letzten Platz füllten. Anschließend berichtete sie von dem Neuaufbruch in der Gemeinde, die heute 470 Mitglieder zählt, seit der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, zu denen sie auch gehört, die heute 95% der Gemeindemitglieder stellen. Leider kommen auch diese Zuwanderer seit 1990 nicht aus intakten jüdischen Gemeinden, erklärte sie, sondern sind auf der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln auch in Trier. Zu diesen Wurzeln gehören das berühmte osteuropäische Shtettl, die jiddische Sprache und die Klezmer Musik. All dies erlebt heute eine Renaissance, für die jiddische Sprache gibt es an der Uni Trier sogar ein eigenes Institut. Der Chor der Synagoge gab anschließend, beginnend mit der Hatikva, der Nationalhymne Israels, einen Einblick in sein Können mit hebräischen und jiddischen Liedern. Fachmännisch und kompetent führte anschließend Peter Szemere durch die lange Geschichte der jüdischen Gemeinde Trier, durch jüdische Sitten und Gebräuche und das Synagogengebäude. Er erklärte auch die Ausstellung „Jüdisches Leben in Trier“, die in der Synagoge zu sehen war.

Wechselhafte jüdische Geschichte Triers

Jüdische Persönlichkeiten aus der Region Trier. Foto: B. Bost

Fast 800 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde noch 1938. Nach Holocaust und Krieg waren nur noch 14 Überlebende in die alte Heimat zurückgekehrt und hatten die Gemeinde wiederaufgebaut. Und schließlich bauten sie auch eine neue Synagoge, die alte war durch die Nazis und Bomben zerstört worden. In der alten römischen Kaiserresidenz Trier, die sich gerne als »älteste Stadt Deutschlands« bezeichnet, wird die jüdische Geschichte nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten gemessen. Schon unter den Römern, die das Judentum als einzige Religion außerhalb ihrer Staatsreligion duldeten, gab es Juden in Trier, ein Öllämpchen und eine Menora aus dem Jahre 350 zeugen davon. Urkundlich wird die »Judengemeinde« Trier erstmals 1066 in einer Stadtchronik erwähnt. Verschiedene Fürstbischöfe, haben im Mittelalter immer wieder einmal die Juden aus der Stadt vertrieben, sagte Peter Szemere. Meistens waren es wirtschaftliche Gründe, aber 1518 unter Erzbischof Richard von Greiffenklau hatte dies auch religiöse Gründe. Oft ließen sich die Juden dann außerhalb der Stadtmauern nieder, deshalb gab es einst in der Umgebung von Trier viele jüdische Gemeinden. Zur Trierer Gemeinde gehören 40 Friedhöfe, von denen sich nur zwei im Stadtgebiet befinden. Über Hunderte von Jahren lebten gar keine Juden in Trier. Das war immer ein Auf und Ab, erklärte Gemeindevorsitzende Bakal. Martin Przybilski, Professor für ältere deutsche Philologie in Trier und Jiddist, vertrat an dem Tag den Rabbiner, den es in Trier wegen der geringen Anzahl der Mitglieder nicht mehr gibt. Er öffnete den Torahschrank, wo sich eine der ältesten Torahmäntel Deutschlands aus dem 17. Jahrhundert befindet, eines der wenigen Utensilien, die aus der alten Synagoge in der Zuckerbergstrasse 1938 bei deren Zerstörung gerettet werden konnte.

Jeanna Bakal begrüßt die Besucher in der Synagoge Trier. Foto: B. Bost

In der Ausstellung wurde auch an einige der bedeutenden Trierer Rabbiner erinnert, z. Bsp. David Josef Sintzheim, den Napoleon als Leiter des neuen Sanhedrin einsetzte. Joseph Kahn aus Wawern, der sich im 19. Jahrhundert auch gegen den christlichen Antisemitismus auf Katholikentagen zur Wehr setzte. Oder der von den Nazis ermordeten Rabbiner Adolf Altmann, der »als Vertreter eines gleichzeitig weltoffenen und traditionsbewussten Trierer Judentums« bekannt war. Trier war ein wichtiger kultureller Bezugspunkt für das aschkenasische Judentum. Die »Trierer Schul« war eine Mischung aus Weltoffenheit, Modernität und Traditionsbewusstsein.

Mit einem jüdischen koscheren Mittagessen und einem Konzert mit Klezmer Musik ging der denkwürdige erste „Tag der offenen Tür“ in der Trierer Synagoge zu Ende.

Von Bodo Bost

Herr Bost ist Journalist und Fotograf er ist Autor der Israel-Nachrichten, lebt und arbeitet in Lexembourg.

 

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Von am 22/11/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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