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SchUM ( שו“ם ) – die Kehillah Kedoschah am Rhein – jüdisches Erbe für die Welt

Heute, in Zeiten wieder zunehmenden Antisemitismus in Deutschland, in der EU und selbst in den USA, ist der Antrag der Landesregierung von Rheinland-Pfalz vom 13.01.2020, die SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbe aufzunehmen nicht hoch genug zu bewerten, zeigt es doch eine dem grassierenden Antisemitismus diametral entgegengesetzte Kraft engagierter Menschen, für die die Lehren aus der verhängnisvollen deutschen Geschichte keine leeren Worthülsen sind.

Synagoge Speyer. Foto: Copyright SchUM-Städte e.V.

»SchUM war Wiege, Zentrum und Blütezeit des europäischen Judentums. Dieses einzigartige kulturelle Erbe gilt es zu bewahren….«[Stefanie Seiler, Oberbürgermeisterin von Speyer und Vorsitzende des SchUM-Städte e.V.:]

„Die Namensgebung SchUM ist  mehr als eine Abkürzung und schon gar nicht eine beliebige Zusammenziehung dreier Stadtnamen. SchUM ist ein Begriff – am Rhein und in der Welt. SchUM war die Wiege des aschkenasischen Judentums.

Schin (Sch ש)  für  Schpira  (Speyer),
Waw (U ו)  für Warmaisa (Worms) und
Mem (M מ)  für  Magenza  (Mainz).“[www.schumstaedte.de]

Die Existenz der SchUM-Städte am Rhein ist untrennbar mit der Ausdehnung des Römischen Reiches nach Germanien (Germania superior) und dem Limes, der quer durch das heutige Deutschland verlief, verbunden. Die Stationierung von Römischen Legionen (hier als Grenztruppen) während des 1. bis 3. Jahrhunderts linksseitig des Germanischen Limes in Mainz (Mogontiacum) und Strasbourg (Argentorate) hatte weitreichende wirtschaftliche, kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Auswirkungen.

Eine Römische Legion von bis zu 6.000 Soldaten zuzüglich notwendiger Hilfstruppen in gleicher Zahl wollten sowohl vor Ort umfassend versorgt, ausgerüstet und erhalten werden. Sie mussten aber auch ebenso mit Rom und anderen Legionen in Europa denn Kontakt halten. Straßenbau und Rheinschifffahrt für Versorgung und schnellen Truppentransport gehörten ebenso dazu, wie weitere Infrastrukturmaßnahmen zur zeitgleichen Entwicklung des Handels, in dessen Folge wirtschaftlich prosperierende Städte und Regionen , so auch die SchUM-Städte gewachsen sind .

Die Römischen Invasoren wurden letztlich, wenn auch unfreiwillig, zum Katalysator gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen im links des Limes liegenden Germanien in dessen Folge es auch zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten wirtschaftlicher Entwicklung der westlich und östlich des Limes liegenden Regionen Deutschlands gekommen ist. Um heute die historische Bedeutung der Stationierung von Römischen Legionen in Germanien bewerten zu können, kann man ohne weiteres Vergleiche zur Stationierung der US-amerikanischen Truppenverbände in (West-)Deutschland zwischen Eifel und Stuttgart ziehen. Damals wie heute beeinflussen diese die wirtschaftliche (Industrie, Handel, Gewerbe), die kulturelle und letztlich auch die soziale Entwicklung von Städten und Regionen. Damals wie heute hatten und haben Truppenreduzierungen, Standortverkleinerungen oder gar ein Komplettabzug direkte und spürbar negative wirtschaftliche Folgen.

Synagoge Worms. Foto: Copyright SchUM-Städte e.V.

Hinzu kam, dass der Rhein als herausragende Handels- und Versorgungsroute Europas die Städte Speyer, Worms und Mainz als wirtschaftliches Drehkreuz verband und sich mit der prosperierenden Wirtschaft gleichzeitig auch religiöse Zentren und politische Ansprüche etablierten. Spätes mit der Fertigstellung des Doms zu Speyer im Jahr 1061 entwickelte sich diese Stadt zum religiösen und politischen Zentrum am Rhein.

Einem Bischof der Römisch-Katholischen Kirche von Speyer ist es zu verdanken, dass sich im 10. Jahrhundert jüdische Menschen, die im Zuge der Völkerwanderung nach Italien und Frankreich kamen, am Rhein ansiedeln konnten. Diese „Einladung“ an den Rhein zeigte, dass Konkurrenz-Denken und religiöser Protektionismus nicht das Ziel des Vertreters der christlichen Kirche war, womöglich aber ein neuerlicher Versuch der Missionierung von Juden, wie vergleichsweise in den Jahren des Beginns des Christentums, etwa 50 n.Chr. Tatsache ist aber, dass SchUM in einem christlichen Umfeld entstehen konnte und dieser Städtebund die Keimzelle der christlich-jüdischen Wurzeln Deutschlands ist. Eine Geschichte, die heute immer wieder stolze Erwähnung durch Bundespräsidenten und Bundeskanzler, durch das Deutsche Parlament und die Länderversammlung finden, wohl wissend, dass diese Geschichte dramatische Brüche erfahren hat, von mehrfach statt gefundenen Pogromen bis hin zur Shoah, in der 6 Millionen Juden durch das Naziregime ermordet wurden. SchUM hat historisch eine herausragende Stellung in  Aschkenas, prägte sie doch außergewöhnlich die Kultur, religiöse Vielfalt und die  halachische  Rechtsprechung der mittel- und osteuropäischen  jüdischen Diaspora.  Diese damals schon auf 2000 Jahre bestehender jüdischer Rechtsphilosophie basierende Rechtsprechung war in keinem Konflikt mit dem durch Rom implizierten und bis heute bestehenden „Bürgerlichen (Römischen) Recht“.

Hauptziel der Einladung von Juden an den Rhein war aber ganz sicher die Erkenntnis, dass Menschen jüdischen Glaubens gegenüber der seit fast 1000 Jahren bestehenden Römisch-Katholischen Kirche keinen religiösen Verdrängungswettbewerb beginnen, dafür aber ihre wirtschaftliche Kompetenz und elitäres Bildungsniveau mitbringen würden, etwas was zu dieser Zeit nur ausgewählten christlichen Klöstern in Deutschland vorbehalten war. Insbesondere Speyer wurde zum religiösen und weltlichen Zentrum am Rhein und ein Chronist dieser Zeit sprach gar von metropolis Germaniae  (Hauptstadt Deutschlands, wir würden es heute eher als gesellschaftlichen Hotspot bezeichnen ).

Mikwe Speyer. Foto: Copyright SchUM-Städte e.V.

Im Gegensatz zur Hanse (Hansa Teutonica im 12. – 17. Jahrhundert) im Norden Deutschlands, die primär Sicherheits-, Wirtschafts- und Steuerpolitische Gründe (Freihandel zwischen den Städten) hatte, waren in den SchUM-Städten am Rhein Familienbünde und Gelehrtenverbindungen die treibende Kraft der Vereinigung. Letztlich war SchUM ein religiös basierter, elitärer, aber eben auch regional begrenzter Bund. Andere Großstädte dieser Zeit, etwa wie Frankfurt und Köln in denen sich etwa zur gleichen Zeit nennenswerter jüdischer Gemeinden herausbildeten, gehörten nicht zu diesem Bund.

»Man fühlt in den SchUM-Städten noch stets den rabbinischen genius loci.“ [Rabbinerin Dr. Elisa Klapheck, Frankfurt am Main]
Zeugnis dessen sind z.B. die monumentalen Mikva’ot in Worms und Speyer, die Synagogen, Frauenschuln, Lehrhäuser und die einzigartigen Friedhöfe in Worms und Mainz.

„… Die prägende geistige Kraft von SchUM für das Judentum kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. …Damit diese Schätze in ihrem Wert erkannt und auch in der Zukunft gepflegt werden, ist ihre Aufnahme in das Weltkulturerbe so wichtig. Nur so können sie den sicht- und greifbaren Hintergrund bilden zu dem literarischen Erbe in Liturgie, Dichtung und Lebensordnung aus SchUM.“ [Prof. Dr. Dr. Otto Böcher, Worms, verstorben 02 2020]

Mit dem Aufruf von Papst Urban II:, 1095 zur „Befreiung des Heiligen Landes“ und damit des 1. Kreuzzuges begannen für die Juden am Rhein 1096 vernichtende Pogrome, die mit den Pest-Pogromen von 1349 ihren Höhepunkt fanden und in dessen die jüdischen Gemeinden in Mainz und Speyer mehrfach nahezu ausgelöscht wurden. Damit endeten faktisch auch die SchUM-Städte als jüdischer Städte-Bund am Rhein. In Worms blieb die jüdische Gemeinde bis zur Shoah erhalten.

Am 06.September fand in 30 Ländern Europas der alljährliche „Europäische Tag der jüdischen Kultur“ statt, angesichts der besorgniserregenden Entwicklung des Antisemitismus in Europa ein außergewöhnlich wichtiger Tag. Als Mittler zwischen den Religionen, als Brückenbauer und Wissensvermittler engagiert sich sich eine Kooperation, in Polen initiiert und von der EU gefördert. “….Die Partner: Wrocław, Worms (SchUM-Städte e.V.), Hijar (Ayuntamiento de Híjar), Mantova (Comunità ebraica di Mantova) und London (Foundation for Jewish Heritage) haben…unter dem Titel »Moreshet – Jewish Heritage Network« eine Kooperation von Regionen und Städten gegeründet, die jüdisches Erbe als Teil ihrer kulturellen Geschichte verstehen, aufbauen, um den Dialog und den Austausch über die Erhaltung des jüdischen Kulturerbes und seine Präsentation zu verstetigen. „[www.schumstaedte.de]

SchUM ist tatsächlich jüdisches Erbe für die Welt und von größter Bedeutung für die Gegenwart.

Besonderer Dank für die Unterstützung und die Bereitstellung von Bildmaterial gilt dem „SchUM-Städte“ e.V. und ihrer Geschäftsführerin Frau Dr. Susanne Urban.

Von Gerhard Werner Schlicke

Herr Schlicke ist Autor und Freier Mitarbeiter bei den Israel-Nachrichten, er lebt und arbeitet in Deutschland.

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Von am 07/09/2020. Abgelegt unter Featured. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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