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Was die „Deutschen Informationen“ am 12. Oktober 1937 schrieben

Frankreich und England sollen ihre Kolonien hergeben; – die „Deutschen Informationen“ schreiben: Die nationalsozialistische Presse wird in ihrer neuen Kolonialpropaganda immer deutlicher.

Foto: Archiv/RvAmeln

Die folgenden Zitate aus den letzten Tagen zeigen, dass die Nazis vor allem auf die nordafrikanischen Besitzungen Frankreichs spekulieren; dabei stellen sie Aufstandsbewegungen der Eingeborenen in ihre Rechnung. So schreibt die „Berliner Börsenzeitung“ vom 7. Oktober in einem Artikel: „Marokko unter Frankreichs Hand“ über die Aufstandsbereitschaft der eingeborenen Bevölkerung gegen die französische Herrschaft: „Bei der starken französischen Garnison in Marokko, hauptsächlich Regimenter der Fremdenlegion, können die Marokkaner kaum einen bewaffneten Aufstand gegen die Franzosen wagen, aber wenn die Dinge, so wie sie heute liegen, weitertreiben und die panarabische Bewegung immer schärfere Formen annimmt, wenn gleichzeitig Unruhen in Algerien, Tunis und Marokko ausbrechen, namentlich wenn auf die marokkanischen Truppen kein voller Verlass mehr sein sollte, wie die Pessimisten behaupten, so haben die Franzosen recht, wenn ihnen die Vorkommnisse in Marokko Anlass zu ernsten Sorgen geben.“ Die Essener „National-Zeitung“ vom 10. Oktober schreibt unter dem Titel „Wetterzeichen in Frankreichs Kolonien“: „Frankreich hat zwar das zweitgrößte Kolonialreich der Welt, ist aber trotzdem nicht imstande, dieses Kolonialreich wirtschaftlich voll auszunützen oder auch nur in seinen wertvollsten nordafrikanischen Kolonialgebieten einen Zustand dauernder politischer Beruhigung herbeizuführen. Trotz dieser Tatsache denken die führenden französischen Persönlichkeiten nicht entfernt daran, die durch die Alliierten 1919 geraubten deutschen Kolonialgebiete, die an Frankreich gefallen sind, wieder herauszugeben.“ In einem Leitartikel derselben Zeitung: „Raum ohne Volk“ heißt es in Bezug auf die englischen Kolonialbesitzungen: „Schon jetzt ist daher der überseeische Siedlungsraum unter englischer Herrschaft für die Volkskraft des Mutterlandes viel zu groß. Nach einem Eroberungszug von einzigartiger Griffweite hat sich England ein Weltreich geschaffen, dass es nicht mehr mit Menschen füllen kann. Zu den schon viel zu weiten Landmassen sind nach dem Weltkrieg auf Grund eines höchst zweifelhaften Erwerbstitels auch noch unsere Kolonien geschlagen worden, die nun, wenn sich die englische Auswanderung verstärkt nach Australien wenden muss, auf die so notwendige Menschenzufuhr nicht mehr rechnen können. Das Interesse der weißen Welt, die sich nur bei starkem Siedlerzustrom gegen die Eingeborenen in Afrika behaupten kann, wird dem englischen Machtdrang geopfert!“

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Sonderdienst der Deutschen Information Nr. 250/12. Oktober 1937
Jugendhölle Vennlager
Tatsachenbericht eines Opfers
Kürzlich hat der vorsitzende einer deutschen Strafkammer bei der Urteilsverkündung gegen einen jugendlichen Sozialisten erklärt: „In Anbetracht dessen, dass der Angeklagte glaubwürdig versichert, zurückgekehrt zu sein, um seiner Militärdienstpflicht zu genügen, wird von einer weiteren Haftstrafe abgesehen, aber er muss sich zur Verfügung halten, um in einem Erziehungslager bis zu seinem Eintritt in die Truppe entsprechend vorbereitet zu werden!“ Die „Deutschen Informationen“ sind in der Lage, nachstehenden Bericht eines deutschen Jugendlichen, der in einem solchen „Erziehungslager für Jugendliche“ festgehalten wurde, zu veröffentlichen: Ich gehörte zu den St. Georgs-Pfadfindern an, die mit anderen Jugendorganisationen – konfessionellen, bürgerlichen, sozialistischen – bis heute ihr Eigenleben noch nicht aufgegeben haben. Sie sind zwar verboten oder gleichgeschaltet, aber die Angehörigen finden immer wieder zusammen, auch innerhalb der Einheiten der Hitlerjugend. Ein ständiger Beobachtungs- und Spitzeldienst ist die Folge. Bei den Strafmaßnahmen gegen Jugendliche handelt es sich meistens um Angehörige der Hitlerjugend, die ihre früheren Verbindungen weiter pflegten und dann auf Anzeige aus der Hitlerjugend „wegen gegen den Staat gerichteter Handlungen“ unter anklage gestellt wurden. Ich war in einen der ersten sogenannten „Pfadfinderprozesse“ verwickelt. Er richtete sich gegen die St. Georgs-Pfadfinder und gegen die „Kittelbacher Piraten“. Ich saß 5 Monate lang in Untersuchungshaft. Von unserer Gruppe waren etwa 85 Personen beteiligt. Wir wurden zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Verhör geholt. Dann wurden auch Kreuzverhöre durchgeführt. Schließlich war man in solchem Zustand, dass man gar nicht mehr wusste, was man eigentlich sagte. Auf den Transporten zu „Tatortsverhören“, die durch die SA durchgeführt wurden, wurden wir schwer misshandelt, mit Schlägen und Fußtritten traktiert; alle waren blutig. Einer der Jugendlichen machte einen Selbstmordversuch, indem er sein Trinkglas zerschlug und versuchte, die Scherben zu verschlucken. Er blutete schwer im Mund und hatte auch innere Verletzungen. Im Prozess, der mit vielen, zum Teil schweren Verurteilungen endete, wurde ich nicht verurteilt. Es konnte mir keine strafbare Handlung nachgewiesen werden; aber ich bin nicht frei, sondern wurde mit anderen Leidensgenossen in das „Erziehungslager Vennmoor“ gebracht. Wir wurden bei Nacht und Nebel in Euskirchen verladen und weitertransportiert. Das Lager liegt mitten im Sumpf. Baracken und Exerzierplatz sind mit Stacheldrahtverhauen abgegrenzt. Dazu stehen überall SA-Posten mir Karabinern bewaffnet. Im Kommandanten-Gebäude waren auch Maschinengewehre postiert. Dazu hatten sie dreißig Hunde, sogenannte Boxer. Diese wurden nachts freigelassen. Wer diesen Biestern in die Quere kam, war geliefert. Die Wachmannschaft wurde von SA gestellt. Sie macht ihren Dienst als „Hilfspolizei“; es sind schlimme Schinder. Zu meiner Zeit war das Lager mit etwa 900 Jugendlichen belegt. Meine Kameraden waren meist 14 bis 18 Jahre alt. Es gab außerdem noch junge Wehrmachtsangehörige, die für kurze Zeit – vierzehn Tage bis drei Wochen – ins Lager kamen, dort aber streng isoliert gehalten wurden.

Der Lagerbetrieb wickelte sich folgendermaßen ab: Wecken 5 Uhr früh. Dann alles sauber machen. 5 1/2 Uhr Kontrolle. Dann gab es Kaffee-Ersatz mit einer Schnitte trockenem Brot. 6 Uhr antreten. Exerzieren wie beim Kommiss. Dann wurden Dauerläufe veranstaltet. Das ging so ununterbrochen bis mittags 12 Uhr. 12 bis 13 Uhr Pause, die aber oft nicht innegehalten wurde. Das Essen war schlecht und ungenügend. In unaufhörlicher Reihenfolge Erbsen, Graupen, Linsen, Freitags Fisch, der oft nicht zu genießen war. Abends gab es oft Pellkartoffeln und pro Mann einen Hering, der roh aus dem Fass genommen wurde. Samstags und Sonntags bekamen wir zur „Feier des Tages“ Margarine zum Brot. Wer sich irgendwie verging oder den Fraß nicht herunterkriegen konnte, bekam Kostentzug bis zu drei Tagen; d.h. er musste mit der Scheibe Brot morgens und zum Abendessen auskommen. Ab 1 Uhr mittags gab es dann Vorträge und „Erziehungsunterricht“. Es wurden Zeitungsausschnitte von Reden irgendeines „Führers“ vorgelesen und….Nazilieder einstudiert. Um 4 Uhr nachmittags war, oder sollte wenigstens, Schluss sein. Dann ging es in die Zellen. Wir saßen mit vier oder sieben Mann im Durchschnitt in einer Zelle. Gesprochen werden durfte nicht. Für Widerrede oder sonstige kleine Verstöße gab es Dunkelarrest. Dieser wurde in einer dunklen Zelle, worin sich nichts anderes befand als ein Klosetteimer, abgesessen. Es gab da nur Wasser und Brot. Es sind junge Menschen dort bis zu 14 Tagen eingesperrt gewesen. Wer nach so langer Zeit herauskam, konnte weder gehen noch stehen. Die aus dem Dunkelarrest Entlassenen mussten vor der gesamten Belegschaft geloben, sich zu bessern. Als Kleidung gab man uns graues Drillichzeug – Militärleinen – und alte Stiefel. Als Kopfbedeckung ein sogenanntes Krätzchen. Bei den sogenannten Uniformparaden kam es immer zu Misshandlungen. Alle mussten sich bücken und die Jacke hochziehen. Riss dabei unglücklicherweise ein Knopf ab, so gab es fürchterliche Schläge mit dem Gummiknüppel. Ein Fall: Einem Jungen ging trotz aller Mühe, weil das Knopfloch total ausgeweitet war, immer wieder ein Knopf auf. Das wurde von einem SA-Mann mit einem Faustschlag ins Gesicht bestraft. Der Junge schlug mit aller Kraft zurück. Das sah ein anderer SA-Mann, der sofort von seiner Waffe – dem Ehrendolch – Gebrauch machte und den Jungen einfach nieder stach. Der Junge kam ins Lazarett. Wir haben dann nie mehr etwas von ihm gehört. Nicht vergessen darf ich, dass wir außer dem Exerzieren auch noch sogenannte Gymnastik-Stunden hatten. Meist beschränkte sich die Gymnastik auf Dauerlauf. Der wurde absolviert, gleichgültig, wie das Wetter war. Einmal hatten wir auch einen solchen Dauerlauf bei Regen gemacht und waren sehr erhitzt. Wir mussten antreten und nun frierend stehen, bis der Kommandant kam. Folge: elf Leute mit Lungenentzündung, andere mit Hals- oder Mandelentzündungen. Ich hatte mir bei dieser Geschichte eine böse Halsentzündung zugezogen und kam in ärztliche Behandlung. Die Wachmannschaften bestehlen die Gefangenenküche. Und sich beschweren heißt: schreckliche Marter. Deshalb hungern lieber alle, auch die Kranken.

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Die „Deutschen Informationen“ wurden seit März 1936 von Mitgliedern des „Lutetia-Kreises“ herausgegeben, einem Komitee aus Kommunisten, Sozialdemokraten und Bürgerlichen, das im Ausland eine Volksfront gegen den Faschismus aufbauen wollte. Die „DI“ sind das – mithin einzige – Ergebnis aus den Tagungen des Kreises und wurden vom Schriftsteller Heinrich Mann, den Sozialdemokraten Max Braun und Rudolf Breitscheid wie dem Journalisten Bruno Frei, einem direkten Nachfahren von Heinrich Heine, herausgegeben. Sie erschienen von März 1936 bis September 1939.

Von Rolf von Ameln

Herr von Ameln ist Senior-Redakteur der Israel-Nachrichten und arbeitet seit 25 Jahren für die Zeitung.

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Von am 02/01/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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