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Wie der Massenmörder von Auschwitz, Rudolf Höß, im Jahre 1940 Weihnachten feierte

Die Schreie und Flüche des Blockältesten scheuchten die sowjetischen und jüdischen Gefangenen um halb fünf Uhr in der Frühe aus ihrem unruhigen Schlaf, nicht nur sie, sondern auch Kommandant Höß wurde durch das Geschrei wach. Die Mehrzahl der Juden betete das Morgengebet: „Höre oh Israel“. Eigentlich musste man sich vor dem Gebet waschen, aber das ging nicht, da der Wasserhahn über 100 Meter weit entfernt war, und es strengstens verboten war, dorthin zu gehen. Manch einer von ihnen ließ noch das Gebet für Zeiten der allgemeinen Bedrängnis aus dem Talmud folgen und beendete dies mit den Worten: „Yehi ratzon sheckhye – lass mich leben.“

Was sie als nächstes erwartete, war eine Stunde oder auch länger in Reih und Glied zu stehen, im eisigen Wind und der noch herrschenden Dunkelheit im polnischen Auschwitz, bekleidet mit der dünnen Gefangenenkleidung aus gestreiftem Drillich. „Lass mich leben..!“, war zu dieser Zeit eine immer passende, aus dem tiefsten Herzen kommende Bitte. Unter den kräftigen Schlägen bei einer von der SS angenommenen Provokation oder auch keiner, bei den körperlichen Schindereien, die andauerten, bis auch die Schwächsten umfielen, bei den Hungerrationen, den langen Appellen fast nackter Männer bei frostigen Temperaturen, bei der harten Arbeit, dem Ausheben von Entwässerungsgräben, dem Schichten von Holz, dem Schleppen von Feldsteinen, dem Abreißen von Bauernhäusern in den evakuierten umliegenden Dörfern und dem Transportieren bis zu dem Platz, wo die neuen Baracken entstehen sollten – und bei diesen SS-Wachen, die jeden, der wankt oder zusammenbricht, auf der Stelle erschießen oder mit dem Gewehrkolben erledigen, wird die Liste der russischen und jüdischen Häftlinge im Quarantänelager von Oswiecim rasch immer kürzer.

Die sowjetischen und jüdischen Gefangenen sind in der Tat für Höß, dem Kommandanten von Auschwitz seit dem 30. April 1940, eine herbe Enttäuschung. Ein Transport in Viehwaggons nach dem anderen, treffen sie ein – krank, viele ausgemergelt, fast nicht mehr vor Erschöpfung des Gehens mächtig; überdies nur noch die Hälfte derer, die man ihm, Höß, versprochen hatte; – die anderen sind während der Fahrt „drauf gegangen..!“ Höß ist wütend, denn mit diesem „schäbigen Rest“ an Arbeitskräften soll er nicht nur eines, sondern eine ganze Reihe von „dringenden“ Bauvorhaben durchführen; – die Größe des in den Gebäuden der ehemaligen Tabakmanufaktur und der alten polnischen Kaserne untergebrachten Basislagers verdoppeln, die ehrgeizigen landwirtschaftlichen Versuchsbetrieben und Fischereistationen, die nach den Vorstellungen vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Vorzeigebauten des KL-Auschwitz werden sollten, anlegen und mit Arbeitskräften ausstatten; außerdem ein neues Lager von bisher noch nicht dagewesenen Größe in dem drei Kilometer weiter im Westen gelegenen, auf Deutsch Birkenau, aufbauen, in dem man hunderttausend Häftlinge unterbringen konnte, die in den Rüstungsschmieden arbeiten sollten; und letztendlich sollte er mit dem Vermessen und der Vorbereitung von Fabrikanlagen beginnen. Kein deutsches Konzentrationslager hatte bislang mehr als zehntausend – meist jüdische – Häftlinge fassen können. Von ihm erwartet ein Höchstmaß an kriegswichtiger Produktion oder, was noch wichtiger für ihn ist, die Ausmerzung der Reichsfeinde.

Höß sah sich immer selbst als Soldaten, der das eine oder andere tun wird, nur nicht beides zur gleichen Zeit, denn immer wieder kommen die widersprüchlichsten Befehle von „oben“. Um die Mittagsstunde, durch einen warmen Mantel vor dem schneidenden Wind geschützt, wartete Höß vor dem Krematorium auf die Ankunft von dreihundert russischen Kriegsgefangenen. Aus mehreren Transporten als höhere Offiziere oder politische Kommissare ausgewählt, sind sie vom Militärgericht in Kattowitz zum Tode verurteilt. Höß hadert nicht mit diesem Urteil, denn der ganze Krieg ist schließlich nichts weiter als ein Kampf gegen den Bolschewismus und das Judentum. Dann sieht er die Russen kommen, ausgemergelt, gespenstisch, mit eingesunkenen Augen, die tiefe Ringe zeigen, in ihren abgerissenen Uniformen mit den großen schwarzen Buchstaben „SU“ auf dem Rücken. Neben ihnen SS-Wachen mit Maschinenpistolen. Und die Gesichter der Russen zeigen, dass sie sich bewusst sind, in den Tod zu gehen.

Die Gefangenen verschwinden einer nach dem anderen in dem grauen, flach eingedeckten Gebäude. Auf dem Dach warten SS-Leute mit Zyklon-B neben Rohröffnungen, die erst vor kurzem eingebaut worden waren. Dreihundert Mann fasst der große Raum aus Beton mit der niedrigen Decke. Das ist vorher ausprobiert worden. Die Klappen der Öffnungen lassen sich luftdicht verschließen; – auch das wurde ausprobiert! Höß geht im Schnee auf und ab und schlägt mit den Armen an den Mantel, um sich warm zu halten. Drei Adjutanten folgen ihm, auch sie alle in gut sitzenden, schwarz-silbernen SS-Uniformen. Schlampiges Aussehen bei den Wachmannschaften ist der Anfang vom Ende der Lagermoral; – das hat er bei seinem ersten Dienst in Dachau gesehen und erlebt. Höß sieht, dass sich auf dem Dach etwas tut. Als es soweit ist, betritt er mit seinen Adjutanten das Gebäude und wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Soviel steht fest: Gedämpfte Schreie, Rufe, Kreischen dringen durch die Tür; natürlich gelangt nichts davon nach draußen.

Sieben Minuten sind vergangen, seit die „Tätigkeiten“ auf dem Dach begonnen hatten. Höß tritt an das dick verglaste Sehloch in der Tür. Die grellen Lampen in der Leichenhalle brennen, aber dieses verdammte Glas muss ausgewechselt werden. Es ist von schlechter Qualität; alles wird gelb, und die Einzelheiten verschwimmen. Die meisten Gefangenen sind bereits zusammengebrochen und liegen übereinander; manche regungslos, andere hingegen krümmen sich oder wälzen sich hin und her. Fünfzig etwa stehen noch, springen oder stolpern umher. Einige von ihnen stehen an der Tür und hämmern dagegen, kratzen daran, die Münder in verzerrten Gesichtern zum Schreien aufgerissen. Ein wahnsinniger Anblick; – doch noch während Höß hinsieht, fallen sie einer nach dem anderen zur Seite wie Fliegen, die man mit Insektenpulver bestreut hat. Höß hat viele Auspeitschungen, Erhängungen und Erschießungen erlebt; – schließlich ist er zur Zeit der Weimarer Republik selbst – zu Unrecht natürlich – aus politischen Gründen verurteilt worden und versieht seit nunmehr acht Jahren Dienst in einem Konzentrationslager.

Man lernt, mit so etwas fertig zu werden; – man wird hart. Und doch wird ihm bei diesem Vorgang ein wenig übel, denn dies ist etwas anderes. Aber was kann er dagegen tun?, man führt schließlich „nur“ Befehle von oben aus. Allmählich wird es sehr still, denn die Masse der menschlichen Körper liegt regungslos da, nur hier und da hebt sich noch ein Rücken – ein Sichaufbäumen und Zusammenfallen. Kein Grund also, noch länger zu bleiben. Er geht nach draußen und atmet an der frischen Luft tief durch, dann fährt ihn einer seiner Adjutanten ihn im Dienstwagen in sein Wohnhaus hinüber, wo seine Frau und seine Kinder ihn zum Weihnachtsessen erwarten. Höß ist nicht in Festtagslaune..! Er hatte während der ganzen Prozedur keine Miene verzogen; – er muss mit gutem Beispiel vorangehen! Aber auch er ist nur ein Mensch, wenn auch kein Mensch in Auschwitz dafür hält. Aber so muss es bei den Befehlen, die er auszuführen hat, auch sein. Er duscht mit heißem Wasser, reibt sich kräftig ab und zieht eine frische Uniform an, dabeiu ist die andere auch noch frisch und riecht nicht im geringsten.

Höß kann in seinem Arbeitsbereich nicht entspannen, er trägt immer Uniform, wenn er nicht schläft; – und dann hat es auch etwas Unpassendes, sich zum Heiligabendessen in derselben Uniform niederzulassen, die er zuvor getragen hatte. Während er sich anzieht empfindet er Freude über die Ereignisse, denn die Tötung mittels Giftgas in großen Räumen, so fuhr es ihm durch den Kopf, die ein großes Fassungsvermögen hatten, war eine gute Idee, welche auszuprobieren sich bereits jetzt schon gelohnt hatte; – aber was für ein Gas? Das Experiment von heute hatte bewiesen, dass Zyklon-B, jenes wirkungsvolle und billige Insektenvernichtungsmittel, eine überraschend einfache Wirkung darstellt. Man glaubt, was man mit eigen Augen gesehen hat; – in luftdicht verschlossenem Raum und bei reichlich bemessener Dosis dieser blaugrünen Kristalle haben die dreihundert Bolschewiken nicht lange gebraucht. Aber nun ist es Zeit zum Weihnachtsessen.

Höß gesellt sich zu seiner Familie. Aber besonders lustig ist es heute nicht, obgleich im überall schön eingerichteten Haus Weihnachtsschmuck prangt und sich in der Eingangshalle an einem großen Tannenbaum das Licht in den Kugeln bricht. Seine bessere Hälfte füllt ihm immer wieder das Glas mit Wein von der Mosel und wirft ihm besorgte Blicke zu. Auch die Kinder sind festlich gekleidet und ihre Gesichter frisch gewaschen, aber auch sie sehen bedrückt aus. Höß würde gerne eine heimelige Atmosphäre verbreiten, aber dafür ist die Last zu groß, die er tragen muss. Er schafft es einfach nicht, der gute deutsche Ehemann und Vater zu sein, der er gerne wäre. Er ist mürrisch und seine Unterhaltung hat etwas Knurrendes. Dabei ist die gebratene Gans ausgezeichnet, die Bedienung durch die flinken jüdisch-polnischen Mädchen tadellos – aber der Kommandant von Auschwitz hat einen scheußlichen Tag hinter sich, einerlei, ob es Weihnachten ist oder nicht, und damit hat sich´s.

Nur die Kinder tun ihm leid. Als er mit der Kognakflasche fortgeht, um alleine eine Zigarre zu rauche und zu trinken, denkt er wieder darüber nach, ob er sie doch nicht besser ins Reich zur Schule schicken soll; – aber seine Frau ist dagegen. Dabei ist das Leben hier schon langweilig genug, meint sie immer wieder. Natürlich weiß sie nicht, was jenseits der Straße hinter dem Stacheldraht vorgeht, und sie könnte auch nie verstehen, dass die Atmosphäre von Auschwitz für heranwachsende Kinder nicht die beste ist. Er wird sich das Ganze also noch einmal gründlich überlegen müssen. Privatunterricht von gebildeten SS-Führern – das ist nicht das richtige für deutsche Kinder. Sie brauche Spielkameraden und Freund im gleichen Alter, Sport und ein normales Leben. Während Höß methodisch die Kognakflasche leert und sich trotz zunehmender Benebelung Sorgen um seine Kinder und ein gutes Dutzend Lagerprobleme macht, wobei ihn flüchtig unangenehme Bilder von sich aufbäumenden Menschenleibern bedrängen, wie er sie durch das Guckloch gesehen hat, legt sich die Abenddämmerung über die langen Reihen des Quarantänelagers.

Die russischen Kriegsgefangenen und einige Juden kommen nach getaner Arbeit vom Bauplatz Birkenau zurück. Manche wanken unter der Last schlaffer Körper in gestreiften Anzügen, denn zum Abendappell müssen auch sämtliche Leichen mit zurückgebracht werden. Die Abzählung der Lebenden und der Toten muss genau die Zahl jener Männer ergeben, die am frühen Morgen das Lager verlassen haben, wie um zu beweisen, dass niemand Auschwitz verlassen kann, außer dadurch, dass er stirbt. Die GefangenenKkapelle bläst einen Marsch, die Arbeitskommandos verlassen das Lager unter fröhlicher Blasmusik und kehren auch so zurück. All das so, wie es sich Höß vorgestellt und gewünscht hatte.

Für all die, die den Holocaust noch heute leugnen, die, welche die Naziherrschaft noch heute glorifizieren und die ewig Gestrigen, die man in deutschen Gaststätten immer noch antreffen kann.

Von Rolf von Ameln

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Von am 26/08/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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