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Die Irrfahrt der St. Louis – eine humanitäre Katastrophe – Teil 1/2

Die Kosten für die erste Klasse mit RM 800 würden sich heute auf etwa € 3.200 und für ein eigenes Badezimmer auf weitere € 640 belaufen. Die Touristenklasse kostete immerhin noch € 2.000. Für die Rückreisekostengarantie wurden € 920 in Rechnung gestellt. Den Passagieren wird unklar gewesen sein, warum sie diesen Betrag vor der Abreise deponieren sollten. Schliesslich wollten sie ja der Bedrohung durch die Nazis in Deutschland entfliehen und keinesfalls wieder dorthin zurück.

Mit dieser Annonce informierte die HAPAG interessierte Bürger am 15. April 1939 über eine Sonderfahrt nach Kuba.

Voraussetzung war, dass die Reisepapiere, sprich die Landegenehmigungen für Kuba zu 100% in Ordnung waren und eine Kaution von US$ 500 geleistet worden war. Die Erteilung von Landegenehmigungen entwickelte sich für den Direktor der kubanischen Einwanderungsbehörde Manuel Benítez Gonzáles zur Grundlage eines beträchtlichen Vermögens von etwa einer Million US$. Nach innenpolitischen Machtkämpfen, annullierte Präsident Brú nachträglich alle vor dem 5. Mai 1939 ausgestellten Landegenehmigungen und führte die Visumspflicht ein.

Zwar wurde die HAPAG von möglichen Schwierigkeiten bei der Einreise informiert, drängte aber dennoch auf eine pünktliche Abreise. Möglicherweise steckte eine PR Massnahme von Propagandaminister Goebbels hinter der Verschleierung. Er wollte der Welt beweisen, dass Nazi Deutschland sehr wohl die ungehinderte Ausreise von Juden unterstütze, aber kein Land sie haben wolle. Wenige Tage vor der Abreise, am 8. Mai 1939 kam es in Havannah zu einer antisemitischen Grossdemonstration, an der 40.000 Personen teilnahmen.

Ein möglicher Hintergrund für die unmenschliche Irrfahrt der St. Louis kann in den Ergebnissen der Konferenz von Evian im Juli 1938 zu suchen sein. Im Licht der immer weiter und schneller steigenden Flüchtlingszahlen aus den Nazi Staaten Deutschland und Österreich trafen sich Vertreter von 56 Staaten und Hilfsorganisationen im französischen Évian-les-Bains. Die Konferenz hätte ursprünglich in Genf, dem Sitz des Völkerbundes stattfinden sollen. Allerdings befürchtete die Schweiz, dass dadurch ihr Verhältnis zu Nazi Deutschland belastet werden könne.

Ziel der Konferenz war es, zu versuchen, das Problem zu mildern und den Juden eine geregelte Auswanderung zu ermöglichen. Allerdings schafften es viele nationalistische und antisemitische Teilnehmer, vom eigentlichen Problem, der Flüchtlingsfrage abzulenken und verschoben den Fokus auf das jeweilige «Judenproblem». Die meisten Staaten lehnten eine Steigerung der Flüchtlingsrate zu erhöhen, auch die USA weigerten sich, die jährliche Quote von 27.300 Flüchtlingen zu erhöhen. Schon im November 1937 hatte Grossbritannien für «Palästina» scharfe Einwanderungsbeschränkungen erlassen, obwohl es den Juden mit der Balfour Deklaration 1917 «eine nationale Heimstätte in Palästina zugesichert hatte. Das als einziges Ergebnis der Konferenz gebildete Comité d’Évian, das die Ausreise der Juden aus dem Deutschen Reich regeln sollte, blieb letztendlich ein zahnloser Tiger. Golda Meir, die als Konferenzbeobachterin in Genf anwesend war, schrieb später: «Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. […] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?“

Ob die Konferenz von Evian bei einem anderen Ausgang das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge anders hätte beeinflussen können, darüber streiten die Historiker. Eines ist klar: Es war und bleibt eine humanitäre Katastrophe!

Kapitän Gustav Schröder. Foto: Yad Vashem

An Bord der von Kapitän Gustav Schröder gesteuerten St. Louis befanden sich beim Auslaufen am 13.Mai aus Hamburg 899 überwiegend jüdische Emigranten. Bei einem kurzen Zwischenstopp in Cherbourg stiegen nochmals 38 Personen zu. Sie verfügten alle über eine Landegenehmigung. Spätestens beim Verlassen der deutschen Gewässer glaubten sie sich sicher und begannen, die Reise auf dem luxuriösen Kreuzfahrtschiff zu geniessen.

Kapitän Schröder erfuhr von den Problemen erst, nachdem sich das Schiff bereits auf dem Atlantik befand. Am 27. Mai erreichte die St. Louis Havanna. Knapp vor der Ankunft dort verstarb ein alter Lehrer, Moritz Weiler sprichwörtlich an gebrochenem Herzen über den Verlust seines Heimatlandes. Er wurde auf hoher See bestattet. In der gleichen Nacht verübte ein junger Balte, der in der Küche gearbeitet hatte, Selbstmord. Beide Vorfälle werden im Reisebericht des Kapitäns erwähnt.

Die schlimmsten Befürchtungen der Reisenden wurden unmittelbar nach der Landung zur Gewissheit. Als die ersten Flüchtlinge an Land gehen wollten, wurden sie von bewaffneten uniformierten Männern gewaltsam wieder auf das Schiff zurückgedrängt. Kapitän Schröder begann sofort, Kontakt zu den massgeblichen Stellen aufzunehmen. Aber wo auch immer er vorsprach, er stiess nur auf ablehnende Worte. Als ein Vertreter des „Joint Jewish Distribution Committee“ beteuerte, man tue alles, um die Flüchtlinge nicht zurück ins Deutsche Reich zu bringen, kippte die Stimmung an Bord endgültig. Ein weiterer Flüchtling, Rechtsanwalt Dr. Max Loewe, schnitt sich die Pulsadern auf und stürzte sich von Bord. Er konnte aber gerettet werden. Er durfte, allerdings ohne seine Familie, von Bord und in ein Spital gebracht werden. Weitere 30 Personen, die im Besitz von gültigen Affidativen waren, durften ebenfalls an Land gehen, um dort auf den weiteren Transfer in die USA zu warten. Eine letzte Chance schien aus dem Büro des kubanischen Präsidenten zu kommen. Gegen die Zahlung von US$ 450.00 sollte die Flüchtlinge an Land gehen dürfen. Allerdings war der Zeitraum zu kurz, um das Geld zu beschaffen. Nach fünf verzweifelt langen Tagen musste die St. Louis den Hafen von Havanna verlassen.

Die Irrfahrt ging weiter. Versuche, illegal in Florida zu landen, wurden von Küstenwachbooten und Flugzeugen vereitelt. Die Stimmung an Bord wurde immer verzweifelter. Mittlerweile hatte ein Funkspruch der HAPAG mit der ultimativen Aufforderung, sofort nach Cuxhaven zurück zu kehren das Schiff erreicht. Was das bedeutete, war allen klar. „Herr Kapitän, Sie wissen doch, wir können gar nicht zurückkehren. Alles haben wir dort verloren und das KZ wird unser Ende sein, das KZ oder … die Nordsee. Wenn Sie mit dem Schiff heil bis Cuxhaven hineinkommen, dürften Sie wohl etwa hundert Kabinen leer vorfinden, denn wir fürchten das KZ mehr als den Tod.”

Doch Kapitän Schröder gab noch nicht auf. Nach mehreren Versuchen, über die US-Amerikanische Presse auf das Schicksal der Menschen auf der St. Louis aufmerksam zu machen, wandte er sich schlussendlich direkt an das Büro von US Präsident Franklin Roosevelt. Die Antwort: Am 4. Juni wurde mit Hinweis auf die bevorstehenden Wahlen

Jede Unterstützung abgelehnt. Die Einwanderungsquoten würden nicht erhöht werden.

Ein letzter Plan war, bei der Einfahrt in den Ärmelkanal das Schiff gezielt auf Sand zu setzen und eine Havarie vorzutäuschen. Überlebende von Schiffsunglücken mussten an Land genommen werden. Doch dann, in allerletzter Sekunde kam das erlösende Telegramm. Belgien (214), die Niederlande (181), Frankreich (224) und Grossbritannien (254) waren bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen. Im Hafen von Antwerpen endete das Flüchtlingsdrama.

Knapp ein Jahr später, als die Nazis Westeuropa überfielen und zunächst besiegten, fielen allerdings 254 Überlebende den NAZI Schergen zum Opfer.

Sowohl im Film, aber auch in den Aufzeichnungen des Kapitäns wird die folgende Szene beschrieben. Die Kinder spielten an Bord ein Spiel «Juden haben keinen Zutritt» An einer aus Stühlen hergestellten Barriere standen zwei Jungs mit strenger Amtsmiene und verhörten die Einlass begehrenden Kameraden. Ein kleiner Berliner, der an der Reihe war, wurde barsch gefragt: “Bist du ein Jude?” Als er dies kleinlaut bejahte, wiesen sie ihn streng zurück: “Juden haben keinen Zutritt!” – “Ach”, bat der Berliner Junge, “ lassen se mir man durch, ick bin doch blos´n janz kleener.”

Der Film «Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis» ist noch bis 20.April hier verfügbar.

Diese Artikelserie wird fortgesetzt. 2. Teil: „Die Irrfahrt der St. Louis – Aus dem Leben einer Überlebenden“ erscheint in Kürze.

Von Esther Scheiner

Esther Scheiner ist Journalistin und Redakteurin der Israel Nachrichten. Sie lebt und arbeitet in Israel und der Schweiz.

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Von am 14/02/2020. Abgelegt unter „Während Israel nicht nur vom BDS boykottiert wird…“. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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