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Was die Exilpresse, vor allem „Die Zeitung“ im Jahre 1941 zu berichten wusste

Dass der Winter im Jahre 1941, der sich mit den Alliierten Gegnern des Nazi-Terror-Regimes verbündet zu haben schien, den Deutschen zu schaffen machte, wusste auch das seit März mit Unterstützung englischer Behörden zunächst täglich, ab dem 2. Januar 1942 wöchentlich in London erschienene Exilblatt „Die Zeitung“, das con Johannes H. Lothar und Hans Uhlig, zwei früheren Mitarbeitern der „Frankfurter Zeitung“ herausgegeben wurde. Informationen erhielt das Blatt von emigrierten deutschen Mitarbeitern wie Sebastian Haffner, – das ist Raimund Pretzel -, der die Idee zu diesem publizistischen Projekt gehabt hatte. Peter de Mendelssohn, Wilhelm Necker, Erika Mann, Fritz Eberhard, Erich Fried, Hilde Spiel, Theodor Plivier oder auch Erich Ollenhauer.

„Die Zeitung“ 1941. Foto: Archiv/RvAmeln

Außerdem konnte „Die Zeitung“ die angelsächsischen Nachrichtendienste Reuters und Associated Press (AP) nutzen. Walter Trier, 1933 Emigrant der ersten Stunde und davor beim „Simplicissimus“ und im Ullstein-Verlag arbeitete neben Robert Ziller, – das ist Richard Ziegler -, als ständiger Zeichner für „Die Zeitung“. Triers Karikatur auf Seite drei der Ausgabe vom 1. Dezember des Jahres 1^941, auf der ein unverkennbarer Napoleon I. einen bibbernden Hitler-Soldaten mit erhobenem Zeigefinger vor kommenden, noch viel tieferen Temperaturen warnt, zieht die historische Parallele zur Katastrophe der „Grande Armee“ in Russland, dem Anfang vom Ende der bonapartistischen Herrschaft über Europa im Winter 1812.

Napoleon hatte allerdings Moskau Anfang September 1812 tatsächlich besetzt, und die russische Armee unter dem weisen, weniger beim Zaren Alexander I. als beim Volk beliebten Oberbefehlshaber Kutusow hatte sich zur Auffrischung in die Weiten des Hinterlandes zurückgezogen. Wohl auch, damit dem deutschen Publikum diese Parallele nicht entfiel, hatte Propagandaminister des „Dritten Reiches“, Josef Goebbels, der Presse im November 1941 folgende Anweisung erteilt: „Die englische Militärmission in Moskau hat den Sowjets schon wiederholt den Rat gegeben, den Widerstand im Raum von Moskau aufzugeben, sich in Richtung auf den Ural zurückzuziehen und die Sowjetarmeen unbehelligt vom Gegner zu reorganisieren. Es ist unerwünscht, wenn in der deutschen Presse den Sowjets derselbe Rat wie von den Engländern gegeben wird.“

Die Leser der so angewiesenen Zeitungen im Reich hätten ja sonst auf die Idee kommen können, in Lew Tolstois großem historischen Roman „Krieg und Frieden“ nachzublättern, was einem Aggressor im russischen Winter droht, selbst wenn Moskau erobert wird. Tolstoi lässt Kutusow über seine ungeduldigen Untergebenen grübeln: „Geduld und Zeit, das sind meine Streiter.“

Und das Kapitel XVI des dritten Teils im vierten Buch von „Krieg und Frieden“ beginnt mit den Worten: „Vom 28. Oktober an, wo stärkerer Frost einsetzte, nahm die Flucht der Franzosen zwar insofern einen tragischeren Charakter an, als die Mannschaften vor Kälte erstarrten und sich dann an den Wachfeuern halbtot brieten, während der Kaiser, die Könige und Herzöge, in Pelze gehüllt, die Fahrt in ihren Kutschen mit dem geraubten Gut fortsetzten; aber in seinem Wesen erfuhr der Prozess der Zersetzung der französischen Armee keine Veränderung.“

An das klägliche Ende von Napoleons großer Armee und den Weiten Russlands zu denken, hatte im Jahre 1941 in Deutschland den Kriegswillen schwächen können, das wusste nicht nur die Presse, die im Exil arbeitete und die Deutschen zu informieren versuchte.

Zwei, auf Seite 2 erschienene, nicht uninteressante, kurze Beiträge, sollen der Leserschaft der Israel Nachrichten nicht vorenthalten bleiben. So schreibt „Die Zeitung“ unter anderem am 1. Dezember 1941 „Gusstahl-Tanks auch in Australien“: In Australien wird nunmehr, wie der „Sideny Morning Herald“ berichtet, die Massenproduktion von Tanks in Gang kommen. Man wird sich nicht den Produktionsverfahren bedienen, die bisher in Großbritannien, in U.S.A. und in Deutschland üblich war, nämlich Panzerplatten auf ein Stahlgerüst aufzunieten. Statt dessen will man in Australien das neue Verfahren anwenden, den Panzer des Tanks in einem Stück zu gießen. Zwei Probe-Tanks, die auf diese Weise hergestellt wurden, fielen befriedigend aus. Die Vorteile des Gusstahl-Verfahrens bestehen, wie erklärt wird, darin, dass die Panzerung erheblich widerstandsfähiger wird, dass die Produktionszeit sich verkürzt und dass auch die Herstellungskosten sich wesentlich vermindern. In der letzten Woche erfuhr man aus den Vereinigten Staaten, dass auch dort ein Teil der zu fabrizierenden Tanks in einem Stü+ck gegossen werden soll.

Und weiter schreibt das Blatt: „Schulen als Werkzeuge der Ausbeutung“: In Berlin wurde bei einer Veranstaltung der sogenannten Mitteleuropäischen Wirtschaftskonferenz erwähnt, dass Parallel-Organisationen in Ungarn und Rumänien ins Leben getreten seien. Demnächst soll auch eine bulgarische Gruppe gebildet werden. Anfang 1942 sollen landwirtschaftliche Maschinen-Schulen in Sofia und Bukarest eröffnet werden. Eine Fachschule für landwirtschaftliche Spezialarbeiter in Kroatien ist in der Gründung begriffen. Eine ähnliche Einrichtung ist für Griechenland vorgesehen. Für Bulgarien und Rumänien sind landwirtschaftliche Versuchsanstalten geplant. Die Mitteleuropäische Wirtschaftskonferenz kümmert sich im übrigen auch um die geologische Erforschung von Minerallagerstätten in Südost-Europa. Landwirtschaft und Bergbau sind bekanntlich die einzigen Produktionszweige, welche den Balkanländern unter der Nazi-Herrschaft gestattet bleiben sollen.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 10/03/2020. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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