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Wie der Westdeutsche Beobachter das Unglück des LZ-Hindenburg für die Propaganda ausschlachtete II. Teil

Besagte nationalsozialistische Zeitung titelte am Samstag, 8. Mai 1937 in einer recht schmalen Spalte unten rechts: Gerettete Passagiere erzählen. Alle bleiben dem Luftschiff treu!

Neuyork, 8. Mai. Auch die Neuyorker Nachmittagsblätter widmen der Katastrophe des „Hindenburg“ ihre ganzen ersten Seiten und bringen ausführliche Augenzeugenberichte. Alfred Grözinger, der zweite Koch des „Hindenburg“ erklärte: „Es kam mir vor, als wäre ich 16 Meter hinabgesprungen, aber das ist jedenfalls übertrieben.“ Als die Explosion erfolgte, habe er keine Ahnung gehabt, was vor sich ging; er sei instinktiv abgesprungen. – Ein Fluggast, Frau Maria Kleemann aus Bad Homburg, hat bereits am Freitag das Krankenhaus Lakehurst wieder verlassen können. Sie ist aber sofort weitergeflogen nach Newark (New Jersey). Frau Kleemann ist eine alte Fliegerin und hat erklärt, sie werde auch weiterhin fliegen. Fünf Frauen und ein junges Mädchen seien an Bord gewesen. Sie selbst sei ruhig auf ihrem Platz geblieben und hinausgegangen, als das Luftschiff den Boden berührte. Frau Kleemann hat nur leichte Verletzungen im Gesicht erlitten. – Ein anderer Fahrgast, der 63 Jahre alte George Grant aus London, erklärte, er sei 15 oder 20 Fuß hinab gesprungen. Dabei hat er eine Rückenverletzung erlitten. Trotzdem will er aber wieder mit dem Luftschiff reisen.

Der „Westdeutsche Beobachter“ war eine der NSDAP zugehörige Zeitung im Reichsgau Köln-Aachen. Sie wurde im Mai des Jahres 1925 als Wochenzeitschrift der nationalsozialistischen Partei gegründet und erschien ab September 1930 täglich. Von 1933 bis 1945 entwickelte sich das Blatt zur auflagestärksten Zeitung in Köln; so meldete der Verlag schon im Jahre 1934 eine Auflage von 186.000 Exemplaren. Zum ideologischen Hintergrund der Zeitung muss erwähnt werden, dass sie schon in der Weimarer Republik radikale antisemitische Inhalte veröffentlicht hatte. Sie führte regelmäßig Hetzkampagnen gegen lokale jüdische Politiker, Unternehmer und Künstler und wurde wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ und „Aufruf zum Klassenhass“ mehrfach eingezogen.

Wie von der gleichgeschalteten Nazi-Presse nicht anders zu erwarten, wurde die erste Seite dieser Ausgabe vom 8. Mai 1937 vollständig der Nachricht über den Absturz des Zeppelins 129 „Hindenburg“ gewidmet. Die Nationalsozialisten hatten die Luftschiffe und deren Image zuvor massiv für ihre Propaganda ausgeschlachtet. Unübersehbar die Botschaft, zwar sei ein Luftschiff abgestürzt, trotzdem sei „Die deutsche Luftschiffahrt unbesiegbar!“ Eine Art Rückblick auf frühere propagandistische Maßnahmen findet sich auf Seite zwei mit der Schlagzeile „Trauer und Mitgefühl in aller Welt“.

Auf allen Erdteilen tätige Korrespondenten der Zeitung berichten über das einst größte steuerbare Flugobjekt der Welt, das jetzt in Trümmern liegt. Es war unbestritten der Stolz einer ganzen Nation. Diesen Stolz versucht das Blatt zu stärken. Zugleich betont der „Westdeutsche Beobachter“, dass Deutschland – nicht nur für seine technischen Leistungen – von den anderen Nationen hoch geschätzt und respektiert werde. Alle Anstrengungen, das Unglück als Ansporn für noch bessere und größere Leistungen zu sehen, sind – wie man weiß – verpufft. Mit dem Absturz des „Hindenburg“ geht das Kapitel Luftschiffahrt zu Ende: „Wir senken die Fahnen aber wir kennen keine Resignation.“

Besonders lesenswert auf der ersten Seite des regimetreuen Blattes ist die rechte Spalte. Dort findet man das Beileidstelegramm des „Führers“ sowie dessen Korrespondenz mit dem italienischen Machthaber Mussolini. Anschließend erfährt der Leser folgendes: „Unter der riesigen Zahl von Beileidstelegrammen liefen bei der Deutschen Zeppelin-Reederei auch solche der Reichsminister Frick, Goebbels, Ohnesorge und Seldte ein. Ebenfalls brachte Generalfeldmarschall von Blomberg seine tiefe Anteilnahme an dem Unglück zum Ausdruck. Sämtliche führenden Männer aus Partei, Wehrmacht, Staat, Wirtschaft und Kultur sprachen ihre Anteilnahme aus.

Dieser Abschnitt diente dazu, die Einheit der Deutschen im Angesicht des Unglücks hervorzuheben. Dies gelingt den Schriftleitern mit viel Pathos, das sich durch den gesamten Text zieht. Auf derselben Seite wird über die Ursachen des Absturzes spekuliert. Der entsprechende Artikel basiert auf den Aussagen des Luftschiffers Edener in Berlin. Demzufolge könne man als mögliche Ursache des Unfalls „die elektrischen Vorgänge, die vielleicht auf die Witterungslage zurückzuführen“ waren, erwähnen. Zusätzlich vergisst der anonym gebliebene Schriftleiter nicht zu betonen, dass man – laut Edener – die Möglichkeit von Sabotage nicht ausschließen könne. Dies sei ernstlich zu untersuchen. Hier ist die manipulierende Propaganda der Nazis deutlich zu erkennen: Deutschland konfrontiert mit Feindschaft, Konkurrenz und Neid. Das Schlusswort des Berichts ist, wie nicht anders zu erwarten, Hitler gewidmet. Ihm seien alle Luftschiffer „aus tiefstem Herzen dankbar“. Grund dafür sei die Gewissheit, dass „Deutschland unerschütterlich am Luftschiffbau festhält.“

Im Anschluss an den ausführlichen Bericht über das tragische Geschehen darf sich die Leserschaft auf Seite drei mit Sportthemen vergnügen. Der Sieg Deutschlands über Österreich beim Davis-Pokal-Kampf nimmt selbstverständlich einen zentralen Platz ein. Derselbe Ton dominiert auch auf Seite vier, wo sich der „Kölner Beobachter“ regionalen Themen widmet. Auf den folgenden Seiten beschäftigt sich die Redaktion mit Kultur. Auf den Seiten sechs, sieben und neun wird ausführlich auf die Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ eingegangen. Das Nazi-Regime nutzte diese größte Reichsausstellung als Bühne für seine Propaganda mit Inhalten wie dem (nur scheinbar) „friedlichen“ Neuaufbau Deutschlands im Rahmen des Vierjahresplanes.

Über sechs Millionen Menschen strömten aus dem In- und Ausland in die Stadt am Rhein, um hier das „neue deutsche Wohnen“, das „neue deutsche Arbeiten“ und die „neue deutsche Kunst“ zu bewundern. Doch zwischen Industriehallen, Mustersiedlungen und Gartenschau finden sich deutliche Anzeichen dafür, dass diese Ausstellung das Spiegelbild Deutschlands am Vorabend des Krieges darstellt.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 19/06/2020. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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