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Murderous Minds – „Was man unter säubern versteht!“

Als die „Großdeutche Wehrmmacht“ am 1. September 1939 Polen überfiel, folgten den fünf Invasionsarmeen der Hitler-Truppen fünf Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, zwei weitere wurden nachträglich aufgestellt. Ihr Auftrag: „Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente in Feindesland rückwärts der fechtenden Truppe“. Tatsächlich war den Kommandoführern in einer internen Besprechung im Juli 1939 klar gemacht worden, dass bestimmte Teile der polnischen Bevölkerung – allen voran die Angehörigen der polnischen Eliten, aber auch polnische Juden und andere „verdächtige Elemente“ – zur Tötung freigegeben waren. In der Sprache der Täter nannte man das „Volkstumpolitische Flurbereinigung.“

Bereits das Profil der für den Angriff auf Polen ausgewählte Führungskader ließ nichts Gutes ahnen. Eine beachtliche Ansammlung von von Doktortiteln und akademischen Werdegängen bei den Kommandoführern verhinderte nicht den Absturz in die Barbarei. Gerade weil sie nicht vom Rand, sondern aus der Mitte der Gesellschaft stammten, hatten sie wie selbstverständlich die klassischen Ausbildungsstätten künftiger Eliten durchlaufen und das von Antisemitismus und radikalem Nationalismus infizierte Klima der Weimarer Universitäten internalisiert. Als radikale Weltanschauungstäter brachten sie zwei Grundvoraussetzungen für den zu exekutierenden Massenmord mit: die unerschütterliche Überzeugung der eigenen Überlegenheit, gepaart mit einer abgrundtiefen Verachtung des als Todfeind definierten Gegners, den man so seiner menschlichen Züge beraubte.
Wie aber bereitet sich das Einsatzgruppenpersonal auf den Polenfeldzug vor und wie bewährte es sich in der Praxis?

Wie aus Untersuchungen über andere Mordkommandos des „Dritten Reiches“ bereits bekannt, spielten gemeinschaftliche Erlebnisse – zum Beispiel kosumieren von Alkohol oder Kameradschaftsabende – vor, während und nach dem Einsatz offenbar eine nicht unwichtige Rolle. Beim Stab der Einsatzgruppe II in Oppeln etwa wurde, unter erhöhter Alarmbereitschaft unmittelbar vor Überschreiten der Grenze, nur noch in der Dienststelle auf dem Fußboden genächtigt. Die Wartezeit vertrieb man sich mit feuchtfröhlichen Abenden, am Volksempfänger oder beim gemeinschaftlichen Kinobesuch. Alle Einsatzgruppen begannen ald nach Überschreiten der polnischen Grenze mit Massenerschießungen von Polen und Juden. Fälle von Befehlsverweigerung sind nicht überliefert.

Der Kommandoführer 1/IV, Sturmbannführer Helmuth Bischoff, hielt seinen Männern vor dem Einsatz motivierende Ansprachen und ging mit ihnen zu den Stätten der Exekutionen. Im Raum Bromberg, wo seine Einheit am 4. September 1939 auf die Spuren polnische Pogrome gegen die deutsche Minderheit gestoßen war, schnellten die Opferzahlen alsbald rapide in die Höhe. Aber auch in Einheiten, deren Kommandeure weniger Wert auf Gruppenzusammenhalt legten und in deren Operationsräumen keine äußeren motivierenden Umstände hinzutraten, lief das Räderwerk des einmal gestarteten Massenmordes reibungslos. So hatte der Kommandoführer 3/1, Dr. Alfred Hasselberg, dessen Männer Ende September 1939 im Raum Lublin Jagd auf Juden machten, Launen und Herrenmenschenallüren entwickelt, die er auch gegenüber seinen Untergebenen auslebte.

Die Exekutionen hinterließen ebenfalls deutliche Spuren bei den Mannschaften. Ein großer Teil krankheitsbedingter Ausfälle gingen auf Magenbeschwerden oder -geschwüre zurück, auch Nervenleiden traten auf. Hasselberg, der persönlich nur bei einer Hinrichtung anwesend war und dessen Anweisung die Vollstreckung durch Genickschuss erfolgte, ließ sich anschließend jeweils über den Verlauf Bericht erstatten. Die insgeamt ablehnende Haltung, welche die Männer des Einsatzkommandos 3/1 alsbald an den Tag legten, richtete sich aber nicht gegen die mörderischen Aufgaben, die ihnen abverlangt wurden, sondern gegen deren unprofessionelle, sie belastende Umsetzung und Hasselbergs Willkürherrschaft. Die Massenerschießungen von Juden in der Region Lublin wurden ihm von seinen Leuten sogar zugute gehalten: „Ich halte es für meine Pflicht“, führte Adjudant Alois Fischotter in einer internen Untersuchung gegen seinen Vorgesetzten im Dezember 1939 aus, „abschließend auch noch zu bemerken, dass Dr. Hasselberg nicht nur negative, sondern auch sehr viel positive Seiten hatte.
In der Gegend von Lublin, wo sich so viel Judengesox herumtrieb, war eine starke Hand notwendig, die mit ihnen fertig wurde, und Dr. Hasselberg ist mit ihnen fertig geworden.“

Ein anderer Kommandoangehöriger gab bei seiner Vernehmung an, wie Hinrichtungen seiner Meinung nach korrekt durchzuführen seien: „Man hätte meines Erachtens zumindesten den Leuten zeigen sollen, wie man die Erschießungen macht, nicht, dass ganz planlos ins Genick geschossen wird, so dass, wie bereits erwähnt, der Tod auch nicht sofort eingetreten ist.“ Das Verhalten der Einsatzgruppenkommandeure und ihrer Untergebenen in Polen im Jahre 1939 zeigt deutlich, wie sehr bei ihnen die zivilisatorischen Standards bereits in dieser frühen Phase des Krieges erodiert waren. Viele von ihnen waren knapp zwei Jahre später, beim Überfall auf die Sowjetunion wieder mit von der Partie und konnten dabei an die „Erfahrungen“ anknüpfen, die sie in Polen sammeln konnten. Zum Ende des Beitrages ein Auszug aus Christa Lieb´s „Feldpost. Briefe zwischen Heimat und Front“, erschienen 2007:

„Wenn der Vater in urlaub gekommen ist, hat er gesagt: `Wenn wir das noch büßen müssen, was ich sehe, jeden Tag sehe, dann geht es uns noch arg, arg schlecht in unserem Leben.´ (Und das hat sich bewahrheitet!) Da kam die Sicherheitspolizei, die dort – in Polen – auch stationiert war, und die haben als gesagt: ´F., willst mitgehen, heut haben sie wieder Löcher gegraben, kannst zugucken!` Da hat er gesagt: ´Nein, da will ich nicht mit!´ Da haben die Juden die Gräber schaufeln müssen und dann sind sie erschossen worden und in die Gräber gefallen. Das hat mein Vater miterlebt. – Es war ein Stuttgarter dabei, er hieß W…., der hat erzählt, dass sie in den Bahnhof gegangen seien un dort gesäubert hätten. Was man unter säubern versteht, wissen wir mittlerweile. Da war ein dreijähriges jüdisches Kind dabei. Der Stuttgarter hat das Kind mit der linken Hand gepackt, in der rechten Hand die Pistole und hat gesagt: `Auf dich kommt es auch nicht mehr an!´ und hat abgedrückt. Wir haben alles, schon 1939, gewusst, was in Polen vor sich geht. Es war bekannt. Die Soldaten haben das ja zu Hause erzählt!“

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 28/08/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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