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Ein jüdisches Leben in Nazi-Deutschland – Erinnerungen von Elsbeth von Ameln

Weihnachten 1944 kam. Wir blieben in Remscheid um der Eltern willen. Heiligabend verbrachten wir mit ihnen bei den Tanten Selma und Elisabeth. Eine einzige Kerze hatte Elisabeth hinter ein durchsichtiges Weihnachtsbild gestellt. Der übrige Raum blieb dunkel. Es war auch gut so. Ich fand meines Vaters Augen auch im Dunkeln. Am nächsten Mittag waren wir zu Viert Gäste der Familie Reh, ein gequältes, mageres Essen mit unseren Marken. Kurz nach Neujahr fuhren wir auf Lastwagen nach Köln. Die Lage hatte sich, wenn auch mir viel zu langsam, zu unseren Gunsten zugespitzt. Unser guter Haus-Mitbewohner hatte zwei holländische Schwiegersöhne, die in Deutschland gearbeitet hatten, und nun nicht mehr zurück konnten.

Foto: Privat/RvAmeln

Foto: Privat/RvAmeln

Sie mussten untertauchen, um nicht in ein KZ gebracht zu werden. Fuß hatte sich im Keller entsprechend eingerichtet, um sie dort zu verstecken. Die Front rückte näher; die Aachener Straße lag wie ausgestorben. Trotzdem kehrten Hermann und ich noch einmal nach Remscheid zurück. Auf Hasten im Elternhaus der Mutter wurde kein ausländischer Sender gehört. Aber wenn wir abends mit Tante Alma in der Küche saßen, stellte Hermann leise den englischen Sender an. Tante Alma war etwas schwerhörig oder schlief über ihrer Stopfarbeit ein. So konnten wir uns genau informieren und natürlich am nächsten Tag dem Vater berichten. Die Front war mächtig in Bewegung.

Die Russen hatten längst die deutsche Grenze erreicht. Die Flucht der Evakuierten begann. Goebbels brüllte noch immer vom Endsieg. Im Westen rückten die Alliierten auf Düren an. Ende Februar war es soweit. Hermann und ich wollten in Köln sein, wenn die Alliiierten einrückten. Ich unterrichtete die Verwandten davon. Am 27. Februar verabschiedeten wir uns. Nach stundenlanger Fahrt auf verschiedenen Lastwagen – ich lag auf Kohlköpfen – rollten wir endlich über die Hängebrücke. Dann mussten wir zu Fuß bis nach Braunsfeld gehen. Unser Haus-Mitbewohner Fuß überreichte Hermann den Gestellungsbefehl zum Volkssturm.

Er musste sich am nächsten Tag – 28.02.1945 – an der Panzerstelle Müngersdorf stellen. Er wollte keine ordentliche Kleidung tragen. So nahm er einen alten Überzieher vom Vater aus dem Keller, die Mäuse hatten den Saum abgefressen, einen alten Hut, der ihm viel zu klein war. Auf den Rücken hing er einen alten Rucksack, den ich als Kind bei Schulausflügen getragen hatte. Wäre es nicht so verzweifelt ernst gewesen, man hätte ihn für ein Witzblatt fotografieren müssen. Nun war ich viele Stunden am Tag, oft auch nachts allein. Ein noch vorhandenes Sofa und eine Chaiselongue hatten wir in den Keller getragen. Dort verbrachte ich den größten Teil des Tages und der Nacht mit den untergetauchten Schwiegersöhnen von Herrn Fuß.

Hermann war in seiner dienstfreien Zeit immer bei mir. Die Aachener Straße lag unter Beschuss; kein Geschäft war geöffnet. Am 2. März vormittags ging ein furchtbarer Angriff von Fliegern auf Köln nieder. Ich sah mir das Schauspiel auf der Straße stehend an. Hermann war im Dienst. Es sauste und zischte um mich. Ich empfand keine Angst, war wie versteinert. Als der Angriff nachließ, hatte Fuß bemerkt, dass ich nicht im Keller war. Er holte mich ins Haus. Nach 1 bis 2 Stunden ging ich wieder hinaus. Ein SA-Mann kam auf mich zu, forderte mich auf, mich zur Evakuierung fertig zu machen. Köln sollte von Frauen und Kindern geräumt werden. „Ich werde hierbleiben!“ erklärte ich ihm, „es sei wohl an der Zeit, dass ER verschwinde.“

Foto: Privat/RvAmeln

Foto: Privat/RvAmeln

Ich sehe noch das entsetzte Gesicht von Herrn Fuß, der neben mir stand, als ich, zur Evakuierung aufgefordert, diese Antwort gab. Der SA-Mann verdrückte sich rasch. Hermann kam atemlos angerannt. Er hatte die Volks-Sturm-Armbinde abgerissen, verbrannte sie im Ofen von Fuß. „Für mich ist der Krieg aus“, sagte er. Ein Offizier hatte der kleinen Gruppe von Volkssturm-Männern erklärt, er werde jetzt Panzerfäuste holen, sie damit ausbilden, dann ginge es auf die rechte Rheinseite. Das war für Hermann das Alarmzeichen. Er sagte seinen Kameraden, er ginge nach Hause; sie sind alle seinem Beispiel gefolgt. Der Offizier konnte alleine mit seinen Panzerfäusten Ball spielen.

In der Nacht zum 3. März schliefen wir im Keller. Auch am Tage blieben wir dort. Geschosse heulten über die Aachener Straße. Die Nacht zum 4. März verlief in dumpfer Spannung. In den Morgenstunden wagte sich Fuß nach draußen. Wie die Taube aus der Arche Noah brachte er die Nachricht, es dauert nicht mehr lange, sie seien bald da. Von wem er das gehört hatte, weiß ich nicht. Hermann und ich wussten, dass Schlochauers – Mischehe wie wir – auch untergetaucht waren. Sie wohnten in der Nähe Wiethasestraße. Sie war Ärztin. Wir wollten sie benachrichtigen und liefen bei Beschuss geduckt über die Aachener Straße. Kein Mensch war zu sehen. Kaum waren wir, freudig begrüßt, bei ihnen, klopfte es. Ein hohes SA-Tier trat ein, sagte, er müsse schleunigst mit anderen Kameraden auf die andere Rheinseite. Wenn wir Post mitzugeben hätten, wolle er sie drüben posten. Ich schrieb sofort eine Karte an die Eltern; Hermann schrieb auch, steckte die Karte in ein Kuvert und gab es dem Mann mit. Er war eilig, um fortzukommen.

Wie ich Monate später erfuhr, ist diese Karte auch tatsächlich angekommen, und zwar am 16. März. Vater hatte sie also noch lesen können. Am Morgen des 5. März ging Herr Fuß wieder spähend bis zur Aachener Straße, kam im Laufschritt zurück, rief in den Keller: „Die Fahne heraus, sie sind da..!“ Darauf hing er ein weißes Tuch an einem Besenstiel befestigt zum Fenster heraus. Er hatte einige amerikanische Soldaten im Laufschritt auf der Aachener Straße gesehen. Fuß und seine holländischen Schwiegersöhne gingen unrasiert auf die Straße. Zwei, drei Hausbewohner aus den Nachbarhäusern kamen auch zum Vorschein. Hermann ging in unsere Wohnung, rasierte sich und zog einen anderen Anzug an. Dann steckte er sich eine lang aufgehobene Zigarre an und ging auf die Straße. Wenn ich nach meinen Empfindungen gefragt werde, so vermag ich sie nicht anzugeben. Nur eins fühlte ich: Fidelio-Stimmung: „oh namenlose Freude, nach unnennbarem Leide“, überkam mich nicht. Eine unsichtbare Hand legte sich um meinen Hals. Meine Eltern waren noch nicht frei, wo mochten sie sein? Die eben gewonnene Freiheit, ich konnte sie nicht wie ein Festkleid tragen. 12 Jahre Diskriminierung, Verfolgung fallen nicht wie Fesseln ab. Sie tragen unauslöschbare Spuren!

Dr. jur. Elsbeth von Ameln wurde später zu eine der besten Strafverteidigerinnen, die in Köln zugelassen war.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 22/05/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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