Meine Seite

Abonnieren

  • Subscribe via Email
  • Facebook
  • Twitter

„Münchner Neueste Nachrichten“ am Freitag, 30. September 1938: Abkommen in München unterzeichnet

Das oben erwähnte Blatt nannte sich unter anderem auch: Die große Tageszeitung des deutschen Südens; – und brachte auf der Titelseite in Fettdruck: Rückgliederung des Sudetenlandes, dnb. München, 30. September. Wie das Deutsche Nachrichtenbüro erfährt, wurde in der Nacht zum Freitag um 0.30 Uhr von dem Führer, dem Duce, dem britischen Premierminister und dem französischen Ministerpräsidenten ein Abkommen über die Bedingungen und Modalitäten der Abtretung des sudetendeutschen Gebietes unterzeichnet. / Man ergeht sich in endlosen Monologen, was den „Abschluss“ anbetrifft; – das würde den Leser langweilen. Viel wichtiger ist die folgende Meldung:

Münchner Neueste Nachrichten" am Freitag, 30. September 1938. Foto:n Archiv/RvAmeln

Münchner Neueste Nachrichten“ am Freitag, 30. September 1938. Foto:n Archiv/RvAmeln

Zerstörung bereits begonnen. Beneschs Horden im Egerland – Grauenhaftes Bild sinnloser Vernichtungswut. Von unserem Sonderberichterstatter. F.O. Asch, 29. September: Ins Unermeßliche steigen die Schäden, die dem Sudetendeutschtum nun schon seit Wochen durch Mißbrauch der Regierungsgewalt, durch willkürliche Beschlagnahmen, Diebstahl, offenen Raub, Plünderungen und hussitischen Zerstörungswahn zugefügt werden, und noch wird es jeden Tag schlimmer. Vor dem Rückzug aus dem auf einer Anhöhe vor Franzensbad gelegenen und der Marienbader Bäderverwaltung gehörenden Gut Sorghof schossen acht tschechische Panzerwagen und zwei Tanks eines der schönsten landwirtschaftlichen Besitztümer des Egerlandes völlig zusammen.

Die Garde des Herrn Benesch hatte vom Gut Sorghof aus bei der Mobilisierung am vergangenen Freitag ständige Vorstöße in die umliegenden Dörfer unternommen, drang dort unter Sicherung durch Panzerwagen und Tanks in die Häuser ein, nahm Geiseln mit und auch sonstige Dinge, die den Tschechen nützlich erschienen, so Fahrräder, Rundfunkapparate und Lebensmittel. Am Dienstag Abend, so berichtet der mit zwei alten Dienstboten zurückgebliebene Bruder des Pächters Pascher, verließ das Militär plötzlich den Hof, um am Mittwoch früh ebenso plötzlich wiederum aus dem nahen Kammerwäldchen aufzutauchen. Die Dienstknechte hatten eben das Vieh in den Hof getrieben, als die Panzerkolonne, wohl in der Annahme, das Gut sei vom Freikorps besetzt, ein heftiges Feuer auf das Anwesen eröffnete.

Pascher und seine zwei Knechte flüchteten entsetzt in den Keller, nachdem ein Teil des Viehs noch in die Ställe zusammengetrieben worden war. Die Kanonade der tschechischen Helden dauerte mit kleinen Unterbrechungen bis zum Abend an, ohne daß auch nur ein einziger Schuß aus Gut Sorghof abgefeuert worden wäre. Die Bewohner, die schon während der Besetzung unter tschechischem Kommando standen – bei Flucht war ihnen Todesstrafe angedroht worden -, wurden dann aufgefordert, aus dem Keller zu kommen. Sie wurden an die Wand gestellt und mit Bajonetten und vorgehaltenen Revolvern bedroht, während sich ein Teil der Benesch-Garde daran machte, die Wohnung des Pächters auszuplündern.

Als genug zusammengeschossen war, schleppten die Kerle Pascher und die zwei alten Knechte in den gegen Franensbad gelegenen Kammerwald; die Sudetendeutschen sollten aufgehängt werden, da sie sich geweigert hatten, zu unterschreiben, daß mit Maschinengewehren aus dem Hof geschossen worden sei. Im Kammerwald stieß die Truppe auf den Kommandanten der in Eger liegenden tschechischen Besatzung, einen slowakischen Major namens Blaba, der die unglücklichen Opfer der tschechischen Hussisten in den zusammengeschossenen Hof wieder zurückbeorderte, bevor die Tschechen ihre Drohung, sie aufzuhängen, wahr machen konnten. Pascher hißte sogleich eine weiße Fahne auf dem Hof, worauf wenige Stunden später das Sudetendeutsche Freikorps den Sorghof – der seinen Namen nun mit Recht trägt – besetzte. Das Anwesen bietet einen schauerlichen Anblick. Kein Tor und kein Fenster ist ganz geblieben. Nicht nur die Wohnungseinrichtung des Hofes, die Herrenzimmer und Dienstbotenkammern, sind durchwühlt und ausgeplündert; auch das landwirtschaftliche Inventar ist durch das Bombardement zerstört worden. Im Hofe liegen totgeschossene Kühe und Schweine mit aufgerissenen Leibern und weggerissenen Füßen.

Foto: Archiv/RvAmeln

Foto: Archiv/RvAmeln

Vieh in den Ställen vergiftet: Flüchtlinge, die auch heute wiederum, wenn auch in kleinerer Anzahl, die Grenzen des Böhmerwaldes und Egerlands überschritten, berichteten von den neuesten Maßnahmen der tschechischen Exekutive unter dem Oberkommando des Herrn Benesch: Man vergiftet das Vieh in den Ställen der Bauern. In Brand und einigen umliegenden Dörfern von Landeck, wo schon vergangene Woche Mastvieh beschlagnahmt und ohne Entschädigung fortgeschleppt worden war, haben tschechische Soldaten das restliche Jung- und Magervieh vergiftet. Kurz nach einer Stallkontrolle durch Militär angeblich „zum Zwecke der Bestandsaufnahme“ wurde das Vieh von heftigen Krämpfen befallen und verendete nach kurzer Zeit, ohne daß tierärztliche Hilfe noch etwas zu retten vermocht hätte. Insgesamt verendeten in drei Gemeinden 142 Stück Großvieh.

Banken und Juwelierläden geplündert: Aber nicht nur in den von der wehrhaften Bevölkerung verlassenen sudetendeutschen Dörfern feierte das erste Staatsvolk und seine „Regierungsmethode“ billige Triumphe, auch in den Städten unternimmt es erfolgreiche Beutezüge. Ein flüchtiger Juwelier aus Karlsbad, der bei Waldsassen mit seiner Frau und einem Rucksack voller Juwelen, Goldwaren und Uhren über die Grenze flüchtete, berichtet, daß dort und in anderen sudetendeutschen Städten im Auftrage der Prager Regierung Gendarmerie und Militär am Mittwoch Abend zur Beschlagnahme von echten Schmuckgegenständen und Goldwaren schritt, für die lediglich eine Pauschalquittung abgegeben wird. Beutezüge ähnlicher Natur und zum selben Zwecke der Bereicherung des „tschechischen Herrenvolkes“ auf Kosten der Sudetendeutschen erfolgten gleichzeitig bei den deutschen Sparkassen und Bankinstituten in der Provinz, wobei weder vor Banktresors noch vor den Safes der Privatkundschaft halt gemacht wurde. Was an Wertgegenständen und Wertpapieren vorgefunden wurde, nahm man gegen Inventarverzeichnis kurzerhand mit. Den Banken und Sparkassen hinterließ man nur so viel Bargeld, als in den letzten drei Tagen insgesamt Auszahlungen geleistet worden waren.

Es ist somit an der Zeit, daß der Führer die notwendig erscheinenden Schritte einleitet, um diese Vorkommnisse zu unterbinden.

Resultierend daraus erfolgte dann wenig später die Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutsche Wehrmacht.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 23/11/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

Durch einen technischen Fehler, ist die Kommentarfunktion ausgeschaltet!

Leserkommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Wie in einer Demokratie ueblich achten wir die Freiheit der Rede behalten uns aber vor, Kommentare nicht, gekuerzt oder in Auszuegen zu veroeffentlichen. Anonyme Zuschriften werden nicht beruecksichtigt.