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Alltagsleben im Dritten Reich: Was die National Zeitung am Mittwoch, 13. Januar 1937 von sich gab

Auf die zunehmende Einbindung der Frauen in das Arbeitsleben nimmt die „National Zeitung“ auf ihre Seite „Junge Nation“ Bezug. In einem harmlosen, heiter wirkenden Text schildern drei Mädchen aus dem Bund Deutscher Mädel (BDM), dass sie sich freiwillig zum Landdienst gemeldet hätten und für ein halbes Jahr nach Sachsen-Anhalt gegangen gegangen seien, um dort auf einem Bauernhof zu helfen. Der Bericht klingt nach einem munteren Ferienlager, das die drei Freundinnen zusammen erleben durften und eignete sich hervorragend, um dem land- oder hauswirtschaftlichen „Pflichtjahr“ den Boden zu bereiten, das ab dem Jahr 1938 für alle ledigen Frauen unter 25 Jahren eingeführt wurde.

National Zeitung Essen. Foto: Archiv/RvAmeln

In den heiteren Schilderungen der Mädels wird die Andeutung, dass dieser „Ausflug“ harte Knochenarbeit ist, zum Treueschwur an die völkische Gemeinschaft umformuliert; „…aber man ist mutig und sagt sich immer wieder: Du bist ein BDM-Mädel und darfst hier kein Frosch sein, und dann ging es ganz gut.“ Für die Macher der „National Zeitung“ muss die Produktion dieser Ausgabe ein Fest gewesen sein: Hermann Göring, enge Freund des Zeitungsgründers und NS-Gauleiters von Essen, Josef Terboven, hatte Geburtstag. Es war zwar kein runder – der Ministerpräsident und Generaloberst wurde unspektakuläre 44 – aber es stand trotzdem außer Frage, dass diese Nachricht die wichtigste des Tages im „Organ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ ist.

Also ein Paradebeispiel für den Personenkult im Regime der Nazis. Beim Lesen der Ausgabe wird schnell klar, dass der immense Auflagenerfolg der „National Zeitung“ vor allem mit Repressalien bei katholischen und liberalen Zeitungen zu erklären ist, die ihre Abonnenten an das NSDAP-Blatt abtreten mussten und kurzerhand vom Markt der Zeitungen verschwanden. Hatte dieses Blatt kurz nach der „Machtergreifung“ noch eine Auflage von 28.000 Exemplaren, legte diese bis 1935 fast um das fünffache zu, bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sollten es dann fast 180.000 gedruckte Exemplare sein. Mit spannenden Geschichten und differenzierter Berichterstattung kann dieser Zuwachs an Lesern nicht erklärt werden.

Der Großteil der sechszehn Seiten umfassenden Ausgabe besteht aus dem Abdruck offiziöser Verlautbarungen wie: …einer Ansprache des Gebietsführers Heinz Deinert zu den Aufgaben der Jugendarbeit im neuen Jahr, einer Lobhudelei für die fleißige Arbeit des Essener „Stadtamtes für Leibesübungen und Jugendpflege“, dem Abdruck einer Rede des Zeitungsgründers und Gauleiters Terboven zur Amtseinführung des neuen Kreisleiters für den Kreis Kleve, und einem nicht enden wollenden Essay darüber, dass der Nationalsozialismus bald auch eine Art Studium Generale hervorbringen werde, ein „völkisches Bildungsideal, das aus den Kräften der Rasse und dem Verständnis der Geschichte ersteht!“

Auch Antisemitismus wird in dem Blatt offen verbreitet. In der Meldung „Die Judenfrage in Polen“ (Seite 2) heißt es, Polen habe das Recht „planmäßig die unnormalen Erscheinungen zu regeln“, weiter hinten lautet eine Überschrift: „Südafrika verjudet zusehends!“ Nur eines an der „National Zeitung“ dürfte für das Gros der Abonnenten echter Lesestoff gewesen sein: die Meldungen aus Essen, die die Zeitung zu einem wichtigen lokalen Medium machten. Beim Lesen der „Kleine Meldungen aus den Vororten“ auf Seite dreizehn lässt sich zum Beispiel kein wesentlicher Unterschied zu den Nachrichten heutiger Lokalblätter erkennen: Jahreshauptversammlungen, Kriminalberichte, Unfälle und Veranstaltungshinweise aus Essen bilden den Informationskern für die Leser, um den die Nazis ihre Propaganda drapierten, die im besten Fall kritiklos mitgelesen wurde.

Diese „Informationsqualität“ bieten auch die Anzeigen auf den Seiten 12 und 14, aus denen sich die Essener über freie Stellen, das Kinoprogramm, Todesanzeigen und Sonderangebote informierten. Zwei namhafte Autoren schrieben in dieser Ausgabe der „National Zeitung“: Hans Friedrich Blunck und Werner von Lojewski. Blunck erzählt auf der letzten Seite die Geschichte: „Frau Holle lässt schneien“. Der Schriftsteller hatte seit 1920 Romane und Erzählungen veröffentlicht, die heute als geistige Wegbereiter für den Nationalsozialismus angesehen werden. Er verbreitete vor allem völkisches Gedankengut und gehörte 1938 zu den 88 deutschen Schriftstellern, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler unterzeichneten.

Noch im gleichen Jahr wurde Blunck zum Präsidenten der Reichsschrifttumkammer bestellt. Er sorgte in dieser Funktion für die Gleichschaltung der Literatur. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde Blunck von Hitler in die Liste der unverzichtbaren Schriftsteller, die sogenannte „Gottbegnadetenliste“ aufgenommen. Werner von Lojewski schrieb in der „National Zeitung“ den Artikel „Die Entscheidung an der Saar“, der sich mit der „Rückgliederung“ des Saargebietes beschäftigt. Er ist nicht verwandt mit dem Journalisten Wolf von Lojewski, der bis im Jahre 2003 die Redaktion des „Heute Journal“ im Zweiten Deutschen Fernsehen leitete.

Allerdings war sein Vater Günther mit Werner von ´Lojewski bekannt, denn beide arbeiteten als Journalisten. Die Gleicheit der Namen ist jedoch reiner Zufall..! Werner von Lojewski schrieb im Jahre 1988 das Buch „Tausend Jahre durch meine Brille. Ein Journalistenleben im Dritten Reich“, in dem er sich kritisch mit seiner damaligen Tätigkeit auseinander setzte. Als Journalist im Regime der Nazis war von Lojewski einer von vielen, die bis zuletzt gegen die Kapitulation Deutschlands angeschrieben und die Kampfeslust der Deutschen mit Worten befeuert hatten.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 23/12/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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