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Zeitgeschichte in den Israel Nachrichten: Die Zionistische Rundschau berichtet

Fortsetzung „Als Jude unterwegs!“, in der Ausgabe vom 4. November 1938; – Auf der Durchreise:

….Mein Weg führte mich nach Amsterdam. Es ist dies die erste Station einer kurzen vorpalästinensischen Fahrt. Die Grenzformalitäten an der deutsch-holländischen Grenze sind in wenigen Minuten vorüber. Viele müssen hier im Grenzort aussteigen, um in einen durch Holland ohne Unterbrechung gehenden Zug nach England umzusteigen. Unmerklich fast haben sich die meisten meiner Mitfahrenden aus Wien in die verschiedensten bereitstehenden Züge begeben. Ich bin plötzlich als einziger Passagier in dem für Amsterdam bestimmten Waggon geblieben, während der andere Teil über Rotterdam dann direkt, ohne holländischen Boden betreten zu dürfen, die Reise nach England fortsetzt.

Die holländische Grenzbehörde ist außerordentlich streng, es besteht für deutsche Staatsbürger kein Visumzwang, so daß es der Beurteilung durch die Grenzbehörden überlassen ist, ob die angegebenen und geltend gemachten Begründungen einer Unterbrechung der Fahrt in Holland entsprechend gewürdigt werden. Auf Grund meines mit einigen Visen versehenen Reisepasses gewährt man mir die Durchreise durch Amsterdam und eine kurze Aufenthaltsdauer im Land.

….In Amsterdam: Unser erster Besuch gilt der alten jüdischen Gemeinde in Amsterdam mit ihrer hohen jüdischen Tradition und lebendigen Geschichte, ihrem intensiven jüdischen Miterleben an der Gegenwart, jener Stätte, in die wohl nur vereinzelte unserer jüdischen Mitbürger aus Wien Eingang finden konnten, die aber für viele Juden aus dem Reich – etwa 6000 bis 7000 Seelen – zweite Heimat geworden ist. Sie haben sich eingeordnet, hier in dieser toleranzerfüllten oranischen Stadt, in der so vieles an die große jüdische Vergangenheit erinnert. Auch Holländer hört man häufig anerkennend sagen, daß diese Einwanderung von Juden aus Deutschland nicht zum Nachteil der Wirtschaft des Landes gereicht habe.

Die wundervollen neuen Stadtteile im Zuid von Amsterdam, wo förmlich eine neue Stadt in herrlicher Lage sozusagen über Nacht entstanden ist, verdanken nicht wenig der Initiative und der Vitalität dieser Auswanderer. eine ganze Reihe Industrieunternehmungen wurden im Laufe der Jahre von diesen Menschen ins Leben gerufen. Der Arbeitsmarkt der Stadt hat Nutzen aus solchen Neugründungen ziehen können. Ein Gesetz schreibt die Bestellung holländischer Beamten vor, und die Anstellung eines nichtholländischen Bürgers selbst in einem nichtholländischen Unternehmen ist bestenfalls nur in einem bestimmten Verhältnis zur Zahl der in diesen Unternehmen beschäftigten Holländer möglich.

Freilich, einer weiteren Niederlassung neuer Menschen ist ein schwerer Riegel durch eine Fülle strenger, ja harter Einwanderungsbestimmungen gesetzt, die nur schwer mit der gerade gegenüber jüdischen Flüchtlingen jahrhundertelang geübten Toleranz in Einklang gebracht werden können. Für die wenigen, die das Glück an die Ufer der schönen Amstelstadt gebracht hat, sorgen die Juden Hollands in eifrigster und echt jüdischer Hilfsbereitschaft. eine Anzahl von Institutionen, von den Juden Amsterdams im Laufe der Jahre ins Leben gerufen, dient dieser Hilfsarbeit, die ein schönes und beispielgebendes Kapitel jüdischen Mitgefühls und jüdischer Brüderlichkeit dieser Stadt bleiben wird! (Dr. Jakob Rosenthal.)

Auf Seite fünf findet man zwei Briefe – Die Jugend schreibt aus Erez Israel: Wir sind einig und stark!

Kfar Saba, 6. Oktober 1938. Liebe Tante und lieber Onkel! Ich habe Euren Brief mit den vielen guten Wünschen erhalten. Obwohl hier Hunderte fallen, so sind wir doch hier die Stärkeren, wenn wir das auch teuer erkaufen. Ich wünsche Euch unsere Kraft, unsere Ausdauer und unsere Einigkeit in der Not.

Das eine Große, das unser Dasein aufrechterhält, ist die Einigkeit zu kämpfen, und solange man das vermag, ist noch die Hoffnung nicht geschwunden. Wir haben auch noch andere „starke“ Seiten und Erfolge. Während der Periode fortdauernder Unruhen wurden 29 neue Siedlungen gegründet, zumindest 30.000 Dunam Boden besetzt. Besetzt, denn jede Siedlung ist eine Festung. Riesige Summen wurden dafür verwendet und mit ungeahntem Mut und Energie wurden diese Ansiedlungen durchgeführt. Die meisten Punkte lagen in unbekannter, gefährlicher Gegend und das Lager wurde an einem Tage errichtet. Bei jeder solchen Ansiedlung waren einige hundert Freiwillige tätig, aus allen Gegenden des Landes – ein Wunderwerk der Solidarität.

Diese Siedlungen werden jetzt ausgebaut, Betonhäuser und Wirtschaftsgebäude werden errichtet und der Boden wird bearbeitet. Von Jahr zu Jahr wachsen die Kwuzoth und zählen jetzt etwa 15.000 Seelen. Viele Kinder sind da, schön und gesund und gehalten wie die Prinzen. Aber die Eltern arbeiten schwer, sehr schwer, denn heute sind noch weite Strecken des Landes nur Sand und Stein. Kahl sind dort die Berge und verbrannt die Täler. Alles müssen wir bringen, Felder und Wiesen und Wälder und Wasser. Aber wir sind dazu bereit und wir können es auch, denn wir sind zusammen. Niemand kann ermessen, welche Stärke das gibt. Unser Glück, daß wir in unserem Kampf den richtigen Weg erkannt haben: sich zusammenzutun. Wenn Euch das ein Trost sein kann zu wissen, daß es in Erez Israel starke Juden gibt, so wisset, daß sie stark sind auch für Euch. Wenn wir leben, so werdet Ihr es auch.(Josef)

Wie im Traum….

Nahalal, 21. Oktober 1938.

Liebste Eltern!
Also, ich sage Euch, ich bin sprachlos. Wir sind gestern hier angekommen, einfach herrlich, nicht zu schildern. Haifa liegt an einem Berg, langsam ansteigend. Neue, moderne Häuser, riesige Hafenanlagen. Ich komme mir wie im Traum vor. Ich glaube immer noch nicht, daß das Wirklichkeit ist. Wir fuhren mit dem Autobus nach Nahalal. Herrliche Landschaft, alles in Blüte. Ich war auf Nahalal schon sehr neugierig. Vor der neuen Schule in Nahalal stiegen wir aus. Nun erfuhren wir jeder den Namen de Bauern, zu dem wir hinkamen. Meiner heißt Josef Erhart. Ein Bub führte mich hin. Das Haus ist ein schöner moderner Bau. Eine Frau empfing mich sehr liebenswürdig, sie kann kaum ein bißchen Deutsch. Sie ist noch sehr jung. Sie bot mir an, ich solle mich waschen und führte mich in ein modernes Badezimmer mit einem schönen Gasbadeofen. Der Strom ist hier 240 Volt, auch ein gutes Radio ist hier. Nun sitze ich gebadet und umgezogen am Tisch im ersten Zimmer und schreibe selig und frei. Euer Herbert.

Und weiter geht es auf Seite fünf in Fettdruck: Helfet Euren Kindern! – An die Juden Wiens!

In den wenigen Sommermonaten dieses Jahres sind mehr als 400 Jugendliche aus Österreich zur Jugendalijah gebracht und in Erez Israel in landwirtschaftlichen Siedlungen, Heimen und Schulen eingeordnet worden. So wurde jüdischen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, ein produktives Leben schaffender Arbeit zu beginnen und gemeinsam mit Tausenden, die vor ohnen zur Jugendalijah gegangen sind, sich selbst und voraussichtlich auch ihren Angehörigen eine glückliche Zukunft auf eigenem Boden vorzubereiten. Damit ist der Grund für den Ausbau und die Fortsetzung des Werkes gelegt. Während die ersten jugendlichen Olim in Erez Israel Fuß fassen, steht vor vielen, vielen noch die bange Frage ihres eigenen Schicksals. Und so lange es noch Jugendliche gibt, die zur Alijah bereit sind und für deren Zukunft Sorge getragen werden muß, darf unsere Tätigkeit nicht vermindert werden. Die Unterstützung des Werkes der Jugendalijah ist gemeinsame Aufgabe aller. Um die Alijah zu ermöglichen, müssen alle Jugendlichen durch Kurse gehen, in denen sie in theoretischer und fachlicher Beziehung ausgebildet werden. Vielen müssen Ausrüstungsgegenstände beigestellt werden. Die Jugendalijah ruft zur Sammlung auf, die sie gemeinsam mit dem Keren Hajessod durchführt.

Niemand fehle beim Werk der Selbsthilfe der jüdischen Jugend! Keiner schließe sich aus, wenn es darum geht, durch seinen Beitrag am Aufbau des Jischuws und an der Ermöglichung der Alijah der Jugend teilzunehmen!
Dr. Leo Goldhammer, Leiter des Keren Hajessod, Wien.

Ein aufrüttelndes Gedicht findet man auf Seite sieben:

WANN? von Mose Ibn Esra

Schwer wuchten Leid und Sorgen.
Früh sprech ich: wär´s schon Abend!
Und Abends: wär´s schon Morgen!
O Herr, wann kommt der Morgen,
An dem ich, ruhgeborgen,
Die Nacht erwarten mag?
O Herr, wann kommt der Tag?
Deutsche Nachdichtung von Jakob O. Fischer.

Eine Fortsetzung aus diesem zeitgeschichtlichen Dokument folgt nächste Woche.

Von Rolf von Ameln

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Von am 08/01/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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