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Alltagsleben im „Dritten Reich“ 1933: Scheinheilige Pressemeldungen über Juden

„Der Angriff“ schreibt in seiner Ausgabe von Freitag, den 24. März 1933 unter anderem:

In SA-Uniform mit gefälschten Papieren. Schwindler am Werk.

Berlin, 24. März: Durch die Aufmerksamkeit eines Parteigenossen gelang es, einem angeblichen SA-Mann zu verhaften, der mit gefälschten Papieren und Urkunden bei jüdischen Geschäftsleuten vorsprach und im „Auftrage des Polizeipräsidenten“ Geld verlangte. Mit diesem Geld sollte angeblich eine „Schutzformation für jüdische Geschäfte gegen Ueberfälle der SA.“ ins Leben gerufen werden. Am 22. März erschien der Schwindler bei dem jüdischen Pfandleiher Israelski, Joachimsthaler Straße 6, legitimierte sich als Kapitän Petersen, Geheimagent des Polizeipräsidenten von Levetzkow und legte dem Juden einen weiteren gefälschten Ausweis vor, in dem sich der Betrüger als Polizeibeauftragter der Standarte I. und als Polizeiführer der SA. bezeichnete.

Er verlangte von Israelski zu oben erwähnten Zwecken 2500 Mark. Der Pfandleiher bestellte den „Geheimagenten“ zum Abend in seine Wohnung, um ihm dann die verlangte Summe auszuhändigen, benachrichtigte aber inzwischen einen Nationalsozialisten und bat ihn um nähere Aufklärung. Der Nationalsozialist erkannte, daß es sich um einen Betrüger handelte, ging abends in die Wohnung des Juden, und als der „Polizeiführer der SA.“ erschien, nahm er ihn fest und lieferte ihn der Polizei aus. Auf der Polizeiwache stellte sich heraus, daß der „Kapitän Petersen“ ein mehrfach vorbestrafter Betrüger namens Ernst Grischkat, wohnhaft Ansbacher Straße 5, ist. Der Schwindler ist niemals Mitglied der NSDAP gewesen.

Da Grischkat Ausweise und Anschriften aus aller Herren Länder bei sich führte, besteht der dringende Verdacht, daß er der KPD. angehört. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß G. noch einen Komplizen hat, der allerdings noch nicht gefaßt werden konnte. Es handelt sich hierbei um einen gewissen Wittenbecker, Wartburgstraße 52. Dieser W. unternimmt ähnliche „Geschäfte“ in voller SA-Uniform. Hoffentlich gelingt es, auch diesen Burschen dingfest zu machen.

(Ob diese Story der Wahrheit entsprach, kann heute nicht mehr nachgeprüft werden. Jedenfalls wollte man den Eindruck erwecken, dass man in einem „Rechtsstaat“ lebte. Anm.d.Verf.)

Der Angriff Seite 2, „Der starke Schild der Wahrheit.“ Foto: Archiv/RvAmeln

Auf Seite zwei ändern sich die Meinungen der Presse mit der Meldung: Neue Verhaftungen: Wie die Telegraphen-Union mitteilt, ist der frühere Ministerialrat im Preußischen Innenministerium, Dr. Hirschfeld verhaftet worden. Vor der Landwirtschaftskammer in Wiesbaden erschienen eine Anzahl Bauern und verlangten den Rücktritt des Präsidenten Hepp und den Direktoren Eisinger und Löwe. Eisinger und Hepp wurden in Schutzhaft genommen. Durch die Wachsamkeit der Hilfspolizei in Lemkenhaven ist es geglückt, den gefährlichen kommunistischen Agitator Paul Fröhlich vor seiner flucht nach Dänemark zu verhaften. Fröhlich hatte die Absicht unter Führung eines ortskundigen Begleiters mit einem boot nach Dänemark zu entfliehen.

Nach einer Durchsuchung der Wohnungen von etwa 55 Mitgliedern des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ in Beuthen wurden 49 Personen, zumeist J u d e n verhaftet. Das bei der Durchsuchung beschlagnahmte Material ist, wie der Regierungspräsident mitteilt, zum Teil sehr belastend. In Andreasberg, konnten 20 Personen, die mit den kommunistischen Umtrieben in Verbindung stehen, festgenommen werden.

Interessant wird es jedoch erst auf Seite fünf in der Beilage, in dem von einem Konzentrationslager berichtet wird. Obgleich: Niemand hat bei Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 davon etwas „gewusst“.

Für Kommunisten und Reichsbannerleute. Konzentrationslager bei Oranienburg. Vernehmung der Verhafteten. Am 21. März gegen neun Uhr abends wurde in der Lungenheilstätte Grabowsee bei Oranienburg von unbekannten Tätern ein Brand angelegt. Zwei etwa fünfzig Meter lange Liegehallen wurden vollkommen eingeäschert. Nur dem schnellen Eingreifen der Feuerwehren und dem Umstand, daß an diesem Abend Windstille herrschte, war es zuzuschreiben, daß ein Uebergreifen des Feuers auf die anderen Gebäudekomplexe verhindert werden konnte. Der Brand brach aus, als sich die gesamte nationale Bevölkerung der näheren Umgebung Grabowsees zu einem Fackelzug in dem Dorf Friedrichsthal zusammengefunden hatte.

Man geht sicher nicht fehl, wenn man die Brandstifter in Anhängerkreisen der KPD. und SPD. sucht. Erst kürzlich wurde, wie der „Angriff am Montag“ bereits berichtet hat, unter ähnlichen Begleitumständen eine Scheune in Schmachtenhagen durch Brandstiftung dem Erdboden gleichgemacht. Die Standarte 208 hat auf Anordnung des Standartenführers in Verfolg dieser Vorfälle zahlreiche Verhaftungen im Kreise Niederbarnim vorgenommen. Die Festgenommenen sind in ein provisorisches Konzentrationslager in Oranienburg eingeliefert worden. Es handelt sich bei den Inhaftierten um Kommunisten und Reichsbannerleute, zum Teil vollkommen verwahrloste Menschen – unter ihnen befindet sich ein Jude, der neun uneheliche Kinder von neun verschiedenen Frauen hat!

Die Vernehmungen der Verhafteten durch den Sturmbannführer II/208 W. Schäfer, ehemaliger Polizeiwachtmeister, sind augenblicklich im Gange. Obwohl das Ergebnis der Ermittlungen noch kein abschließendes Urteil erlaubt, steht jetzt schon fest, daß einige dieser Burschen noch vor kurzer Zeit Ueberfälle auf SA-Männer vollführten.

Hier ist jeder Kommentar überflüssig.

Fortsetzung in der nächsten Woche.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 29/01/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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