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Zeitgeschichte in den Israel-Nachrichten: Wie Adolf Hitler zum Antisemiten wurde

(Vom Möchtegern-Künstler zum Judenhasser; – Versuch einer Analyse)

Als junger Mann verehrte Adolf Hitler den jüdischen Armenarzt Eduard Bloch ebenso wie Gustav Mahler und pflegte in seinen Wiener Jahren zahlreiche Kontakte zu Juden. Erst nach der Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg änderte er seine Einstellung radikal. Es wäre an sich einfach, über den Antisemitismus des jungen Hitlers zu schreiben und sich dazu die wichtigsten Informationen aus „Mein Kampf“ anzueignen. Denn dort finden sich über Hitlers frühe Zeit in Wien zahlreiche prägnante antisemitische Sätze, die der damalige Landsberger Häftling im Jahre 1923 seinem Sekretär Rudolf Heß diktierte. Kaum jemand bezweifelte vor 1945 diese Aussagen.

Aber „Mein Kampf“ ist alles andere als eine Autobiografie, vielmehr ist das Werk eine politische Propagandaschrift für eine neue, radikal deutschnationale und antisemitische Bewegung. Hitler krempelte hier seine von Kindheit an schwierige Lebensgeschichte um und schrieb nur, was seinem politischen Aufstieg von Nutzen war. Die Tantiemen für das bald in Unmengen unter die Deutschen gebrachte Buch machten ihn zu einem sehr reichen Mann. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war der junge Hitler kein Antisemit. Der damals 17-jährige vergötterte den Linzer jüdischen Armenarzt Dr. Eduard Bloch, der die an Krebs erkrankte, erst 47 Jahre alte Mutter Klara hingebungsvoll bis zum Tod betreute. Für den Sohn war das qualvolle Ende der über alles geliebten Mutter am 21. Dezember 1907 ein einschneidendes Erlebnis.

Er und seine jüngere Schwester Paula waren nun Vollwaisen mit einer kleinen, untereinander zu verteilenden Waisenrente. Adolf Hitler verließ Linz, da er an der Kunstakademie in Wien studieren wollte. Aber ebenso wie beim ersten Versuch im Jahre zuvor scheiterte er auch jetzt, 1908, bei der Aufnahmeprüfung. Ein dritter Versuch war nicht möglich. Immerhin hatte der 18-jährige noch ordentliche Kleidung und so viel Geld, dass er sich Stehplatzkarten in der Wiener Hofoper leisten konnte, vor allem bei Wagner-Abenden. Er bestand aber auf dem teureren Parterre-Stehplatz, wo nur Männer zugelassen waren, und rühmte seine jüdischen Kollegen, die wie er Wagner verehrten.

Und als im Jahre 1908 eine antisemitische Hetz-Kampagne gegen den früheren Operndirektor Gustav Mahler in der Oper wütete, hielt Hitler an seiner Bewunderung für Mahler fest. Jedenfalls ärgerte er sich über die Wiener, die lieber beim Heutigen saßen als in der Oper. Einmal führte ihn sein Zimmerkollege, der Violinist August Kubizek, in ein sehr elegantes Haus zu einem abendlichen Konzert. Der Hausherr, Doktor Rudolf Jahoda, Inhaber einer chemischen Fabrik, war jüdischer Herkunft, aber konfessionslos. Einst war er ein Schüler von Johannes Brahms gewesen und veranstaltete nun regelmäßig musikalische Abende. Es war dies das erste Mal, dass Hitler in ein reiches, großbürgerliches, sehr gepflegtes und musikalisches Haus eingeladen war.

So gerne er auch sonst redete, brachte der 19-jährige in diesem hochkarätigen Kreis kein Wort heraus. Im November 1908 ging Adolf das Geld aus und er verließ seine nette Wiener Vermieterin. Nach zahlreichen Umzügen oder Fluchten, wenn er die Miete schuldig geblieben war, war er so arm, dass er einige Monate lang als Obdachloser auf Wiener Parkbänken, in einem Obdachlosenheim oder einem Nachtasyl schlafen musste. Dass er als Bauarbeiter arbeitete, wie er in „Mein Kampf“ niederschrieb, ist eine glatte Lüge; – denn er war erstens körperlich zu schwach, um schwer zu arbeiten und hatte außerdem keinerlei praktische Erfahrung.

Immerhin standen täglich kräftige Bauarbeiter in langen Reihen vor den Baustellen und hofften auf Arbeit – und nur die besten wurden genommen. Als Hitler eines Tages im Winter Schnee schaufeln sollte, brach er nach einer halben Stunde erschöpft ab – und verdiente wieder nichts. Erst im Februar des Jahres 1910 änderte sich die Lage: Im Meidlinger Asyl lernte Adolf Hitler einen erfahrenen Pritschenkollegen kennen, eine Art Stadtstreicher mit dem falschen Namen Reinhold Hanisch. Als dieser ihn ausfragte, was er gelernt habe, antwortete Hitler, er habe die Kunstakademie in Wien besucht, was ja nicht stimmte. Daraufhin schlug ihm Hanisch vor, doch Ansichtskarten zu malen, die man in Gasthäusern verkaufen könne.

Hitler aber war zu schüchtern und zu schlecht gekleidet, um die Karten selbst anzubieten. Außerdem hatte er Angst, von der Polizei erwischt zu werden. Hanisch bot sich ihm als Verkäufer an. Aber Hitler hatte kein Geld für Papier und Farben und bat seine Tante im Waldviertel brieflich um Geld; – es ging um 50 Kronen. Sie half und er kaufte sich für zwölf Kronen Papier, Farben und Pinsel und im Pfandleihhaus Dorotheum einen gebrauchten Wintermantel. Die Karten zeichnete und aquarellierte er nach Vorlagen aus einem kleinen Wien-Buch. Den Erlös teilten sich Hitler und Hanisch. Hitlers dunkelste Zeit war vorüber. Nun zog er im neu erbauten, sehr modernen Männerheim in der Brigttenau ein und blieb dort bis 1913.

Das Essen war billig und gut, die hygienischen Verhältnisse waren vorbildlich. In der kleinen Bibliothek konnte er in Ruhe seine Bilder malen. Hanisch, der ein geschickter Verkäufer war, forderte von ihm eine Karte pro Tag. Nach und nach freundete sich Adolf Hitler mit hilfsbereiten, vor allem jüdischen Männerheim-Kollegen an, die ihm Essen, gebrauchte Kleider, Schuhe und manchmal auch etwas Geld gaben. Der Kupferputzer Josef Neumann half Hitler beim Verkauf der Karten, ebenso wie der einäugige jüdische Schlosser Simon Robinson, ein Invalide aus Galizien, und der jüdische Vertreter Siegfried Löffner aus Mähren. Zu diesem Kries gehörte auch der ledige jüdische Beamte Rudolf Redlich aus Mähren, der sich ebenfalls mit Hitler anfreundete und ihm immer wieder half.

Bald wagte es der schüchterne Adolf, seine besten Kunden persönlich aufzusuchen, vor allem Samuel und Emma Morgenstern, die im 19. Wiener Bezirk eine Glaserei betrieben und dafür Bilder brauchten. Die beiden mochten den schüchternen jungen Mann, und dieser mochte die beiden gläubigen Juden. Sie kauften ihm so viele Ansichtskarten ab, dass sie noch im Jahre 1938 zahlreiche unverkauft auf Lager hatten. (Diese Karten wurden sofort von der Gestapo konfisziert. Anm.d.Verf.) Auch der jüdische Rahmenhändler Jakob (Jaques) Altenberg war dem jungen Mann wohlgesinnt und kaufte viel von ihm. Unter den Städten Westeuropas hatte Wien um 1900 die meisten Juden. Sie waren seit der Emanzipation 1867, die den Juden endlich die bürgerliche Gleichberechtigung gebracht hatte, vor allem aus den östlichen Kronländern nach Wien geströmt.

Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger stellte sich gegen die jüdischen Einwanderer. Aber Kaiser Franz Joseph schützte sie. Trotzdem aber hingen an immer mehr Wiener Geschäften Schilder mit Aufschriften wie „Kauft nicht bei Juden!“ So sehr der junge Hitler den Bürgermeister als brillanten Volksredner bewunderte – und von seinem Beispiel später vieles übernahm -, so wenig ließ er sich von Luegers Antisemitismus anstecken. Wegen der vielen Umzüge erhielt Hitler keine Einberufung in die k.u.k. Armee. Ungeduldig und nervös wartete er auf seinen 24. Geburtstag, an dem ihm das Erbe seines Vaters ausgezahlt werden sollte, sodass er Österreich ohne Militärdienst verlassen konnte.

Österreich und vor allem Wien war ihm wegen der national gemischten „undeutschen“ Bevölkerung zuwider. Er verließ Wien im Mai 913 gut gekleidet und ließ sich in München nieder. Als im Sommer des Jahres 1914 der Weltkrieg ausbrach, meldete sich Hitler nicht zur österreichisch-ungarischen, sondern zur bayrischen Armee. Er wollte nicht für das Vielvölkerreich der Habsburger, sondern für Deutschland kämpfen. In vier Kriegsjahren bewährte er sich vor allem als Meldegänger. Sein Vorgesetzter, der jüdische Offizier Hugo Gutmann, der Hitler mochte, setzte noch im Oktober 1918 durch, dass ihm das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen wurde.

Diese Auszeichnung trug der spätere „Führer“ noch während des Zweiten Weltkriegs voll Stolz an seiner Uniform. Wo aber, so stellt sich die Frage, ist der Zeitpunkt, als sich Adolf Hitler so radikal dem Antisemitismus zuwandte? Nach einem Senfgasangriff am 14. Oktober 1918, der Hitler kurzzeitig blind und kriegsuntauglich machte, erfuhr er im Lazarett von Pasewalk vom Ansuchen der deutschen Armee um einen Waffenstillstand. Alle Mühen und Opfer der vier Kriegsjahre waren vergeblich gewesen. Es herrschten Hunger, Elend, Epidemien und Krankheiten jeglicher Art. Der 29-jährige Hitler übernahm nun den populären Satz: „Der Jude ist an allem schuld..!“ In „Mein Kampf“ schrieb er wenige Jahre später: „Mit den Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder. Und ich beschloß, Politiker zu werden.“

Dass er und seine Helfer zu Massenmördern wurden; – wer hätte das damals gedacht?

Von Rolf von Ameln

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Von am 16/02/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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