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Zeitgeschichte in den Israel Nachrichten: Hitlers Wehrmacht überfällt im Juni 1941 Russland

Frühsommer des Jahres 1941: Der finale Akt des großen Krieges, den Hitler und seine Helfer am 1. September 1939 begonnen hatte, steht unmittelbar bevor – der Überfall auf die Sowjetunion, das lange geplante „Unternehmen Barbarossa“. Reichsdeutsche- und Exilanten-Zeitungen konnten kaum gegensätzlicher über Anfang und Aussichten des deutschen Angriffs auf Russland berichten.

Deutsche Wehrmacht in Russland 1941. Foto: US-Archiv

Drei Millionen deutsche Soldaten mit fast 3.400 Panzern, weitere 600.000 Männer aus Italien, Ungarn, Finnland, Rumänien und der Slowakei greifen am 22. Juni zwischen Ostsee und Schwarzem Meer die UDSSR an. Nach dem Vorbild des Überfalls auf Frankreich ein Jahr vorher sollte auch das ein „Blitzkrieg“ werden: „Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen“, schrieb der „Führer“ als Oberster Befehlshaber dem Führungsstab im Oberkommando der Wehrmacht in seiner Weisung Nummer 21 bereits im Dezember 1940. „Entscheidender Wert ist jedoch darauf zu legen, dass die Absicht eines Angriffs nicht erkennbar wird“, so Adolf Hitler.

Aber mit der Verschleierung seiner Absicht war es schon seit dem Frühjahr 1941 nicht mehr weit her. „Die Zeitung“: Das kleine, aber nicht unbedeutende Londoner Blatt deutscher Exilanten titelt in seiner Ausgabe vom 23. Juni 1941 recht sachlich „Deutsch-Russischer Krieg“. Der anonyme Leitartikler analysiert in der linken Spalte unter der Überschrift „Das rote Tuch“: „Hitlers Angriff auf Russland ist keine Überraschung. In der ersten Nummer der Zeitung am 12. März 1941, schrieben wir – und wir standen nicht allein mit dieser Erkenntnis -, dass Amerikas Aufmarsch nur die Wahl zwischen zwei ungeheuren Entscheidungen lasse: Invasion Englands, um den Krieg zu beenden, ehe Amerika bereit sei – oder Invasion Russlands, um sich ein Ausgleichsreservoir zu schaffen, ein eigenes <Amerika>. Wie es seine Art ist, hat Hitler lange geschwankt; er hat einen Ausweg gesucht: ein Erpressungsmanöver gegen Russland, das in <Zusammenarbeit> hätte enden können. Die Erpressung ist gescheitert. Nun hat er den russischen Krieg gewählt.“

Auch im April 1941, nach dem Überfall der Wehrmacht auf Jugoslawien, hatte der „Zeitung“-Leitartikler „SH“ unter der knappen Überschrift „Ostfront“ die Entwicklung richtig eingeordnet: „Russland hat die drohende Gefahr erkannt und seinen Stand gewählt, die politische Wendung ist vollzogen. Die Macht, die vor dem Überfall auf Polen sich mit Hitler verband, hat die Verbindung vor dem Überfall auf Jugoslawien gelöst. Nun hat nun auch den Krieg im Osten begonnen.“ Die klugen Voraussagen der „Zeitung“ entsprechen dem Potential ihrer Autoren, von denen einige zur publizistischen Elite der späten Weimarer Zeit und der Nachkriegsjahre gehören.

Hinter „SH“ etwa verbirgt sich die Feder Sebastian Haffners: Der sollte in der späteren Bundesrepublik zu einem der führenden deutschen Publizisten in Deutschland aufsteigen. Neben Haffner versammelt „Die Zeitung“ in jenem Frühsommer 1941 eine Reihe führender Exilfedern, die dem „Dritten Reich“ den Rücken gekehrt haben: Peter de Mendelsohn und Wolfgang von Einsiedel sind die bekanntesten. Mendelsohn, der sich sein französisches Adelsprädikat selbst zugelegt haben soll, war jüdischer Abstammung und hatte Deutschland bereits 1933 verlassen. Nach dem Krieg avancierte er zum Pressechef der Britischen Kontrollkommission in Düsseldorf, war dann an der Gründung von „Tagesspiegel“ und „Welt“ beteiligt.

Der genaue Blick auf Nazi-Deutschland, das sie zurücklassen mussten, zieht sich durch viele Ausgaben der „Zeitung“. Das Blatt weiß von der Themse aus Geschichten zu erzählen, die im Nazi-Reich nirgendwo Erwähnung fanden. „Pester Lloyd“: Die in Budapest erscheinende Zeitung in deutscher Sprache schlägt – obwohl nicht unter der Ägide der Goebbel´schen Propagandamaschinerie – an jenem 23. Juni 1941, dem Tag nach dem Überfall auf Russland, einen ganz anderen Ton an. Sachlich noch die Überschrift auf der Titelseite: „Deutschland beginnt gegen Sowjetrussland den Krieg“.

Deutlich unter dem Einfluss der Nazis, der damals ohne Frage auch in die Metropole des Hitler-Verbündeten Admiral Horthy reicht, stehen die wohlmeinenden Begründungen für den Überfall in der rechten Spalte der Titelseite: „…als die unmittelbaren sowjetrussischen Kriegsvorbereitungen, die Ansammlung großer militärischer Kräfte an der deutsch-sowjetischen Interessengrenze und die immer provozierendere Haltung dieser Streitkräfte keinen Zweifel mehr über unmittelbare Bedrohung deutscher Hoheitsgebiete übrig ließ, entschloss sich der Führer des Deutschen Reiches zum entscheidenden Schritt und gab der in allen ihren bisherigen Kämpfen unvergleichlichen deutschen Wehrmacht den Befehl, der Bedrohung durch die Sowjetunion ein Ende zu bereiten.“

Und auf Seite zwei geht es im gleichen Geiste weiter: „Damit fährt Deutschland wieder in der Rolle fort, die es unter Führung Adolf Hitlers vor mehr als acht Jahren übernommen hatte: in der Verteidigung der Welt und der europäischen Zivilisation gegen die Bedrohung durch das Moskauer System der Kulturvernichtung!“ Das seit dem Jahre 1845 erscheinende Traditionsblatt der bürgerlichen ungarischen Finanz- und Handelselite hatte sich noch bis weit in die 1930-er Jahre eine liberale Linie bewahrt, auch unter dem autoritären, seit 1920 regierenden Horthy-Regime: Der redaktionelle Freiraum bot so unterschiedlichen Autoren wie Stefan Zweig und Leo Trotzki, aber auch Franz von Papen und Mussolini Platz. Der Kriegseintritt Ungarns an der Seite des „Dritten Reiches“ machte dem jetzt ein Ende, die Berliner Weltsicht wird auch in Budapest verbindlich.

Ob „Märkischer Stadt- und Landbote“ oder die „Kölnische Zeitung“ überschlugen sich mit Lobpreisungen auf des Führers „weise“ Entscheidung. Die gesamte Diktion ähnelt in vielem dem Stil des wöchentlich erscheinenden NS-Intelligenzblattes „Das Reich“, nur die Ausrichtung ist im Kern ähnlich wie bei den Budapester oder Eberswalder Autoren jener Tage im Juni des Jahres 1941.

Wie geschichtlich belegt, blieb der deutsche Vormarsch im Herbst 1941 – so die Landserlegende – im Schlamm der russischen Weiten stecken, in Wahrheit stoppte die Rote Armee den Vormarsch letztlich vor Moskau. Noch dreieinhalb Jahre sollte es dauern, bis Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ endete – mit dem Hissen der Roten Fahne auf dem Zerschossenen Reichstag in Berlin.

Von Rolf von Ameln

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Von am 25/05/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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