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Wider das Vergessen: Die Todesfabriken des „Dritten Reiches“ 1. Teil

Zu Beginn des Jahres 1942 gab es im gesamten von der „Großdeutschen Wehrmacht“ besetzten Europa nur eine Todesfabrik; – das Konzentrationslager Kulmhof. Gleichwohl hielten die Nazis an ihrem Programm zur Vernichtung des jüdischen Volkes, das in Europa lebte, fest. Sie begannen mit den Deportationen von Juden, noch bevor ein einziges der von ihnen ausgedachten Methoden zu deren Vernichtung „erprobt“ worden oder auch nur fertig gestellt war. Auf diesem Fundament der Unordnung, das sich daraus entwickelte, errichteten sie die Maschinerie des Völkermordes; – und die Geschichte, wie sie diese mörderische „Aufgabe“ organisierten.

Auschwitz sollte bei den Massenmorden im Jahre 1942 n o c h nicht die wichtigste Rolle spielen, doch sollte es das Jahr werden, in dem sich die Existenz des Konzentrationslagers zum ersten Mal auf ganz Westeuropa auswirken sollte. Nur einige Tage, nachdem die Behörden der Rest-Slowakei mit dem Nazi-Regime vereinbart hatten, ihre dort lebenden Juden nach Auschwitz zu deportieren, schickte ein weiteres westeuropäisches Land den ersten Transport mit Juden dorthin: Frankreich! Juden und Kommunisten wurden im Rahmen einer Reihe von Repressalien gegen jegliche französische Widerstandshandlungen „zur Zwangsarbeit nach Osten“ verbracht. Der erste dieser Transporte verließ französischen Boden im März 1942 mit dem Ziel Auschwitz.

Deutsche Wehrmachtsoffiziere, geleitet von dem Wunsch, sich für die zuvor sich häufenden Geiselerschießungen nicht eines Tages „vor Gericht“ verantworten zu müssen, hatten diese Menschen der wohl denkbar höchsten Gefahr ausgesetzt. Sie kamen durch Unterernährung, Misshandlungen und Krankheit um. Von den ursprünglich 1.112 Menschen, die in Compiegne den Zug bestiegen, waren fünf Monate später 1.008 nicht mehr am Leben. Heute nimmt man an, dass lediglich 20 von ihnen den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, und demnach starben mehr als 98 Prozent dieses ersten Transportes in Auschwitz. Genau zu diesem Zeitpunkt fügte sich die Deportation von Juden aus dem besetzten Frankreich nahtlos in eine weitere, wesentlich umfassendere Vision des Nationalsozialismus ein – die „Endlösung der Judenfrage“.

Am 6. Mai besuchte Reinhard Heydrich Paris und enthüllte in kleinem Kreis: „Wie über die russischen Juden in Kiew, ist auch über die Gesamtheit der europäischen Juden das Todesurteil gesprochen. Auch über die französischen Juden, deren Deportation in diesen Wochen beginnt..!“ Die Verantwortung für die Durchführung dieses „Programmes in Frankreich“ fiel Theodor Dannecker zu, dessen Vorgesetzter Adolf Eichmann unmittelbar Heydrich unterstellt war. Bei ihren Anstrengungen, ein „judenfreies“ Frankreich zu schaffen, stießen die deutschen Besatzer auf ein massives Problem – die französischen Behörden. Ausreichendes deutsches Personal stand in Frankreich nicht zur Verfügung, um die dort lebenden Juden zu registrieren, zusammenzutreiben und zu deportieren.

Dazu war die aktive Beteiligung der französischen Verwaltung und Polizei erforderlich, zumal die Deutschen anfangs verlangten, aus Frankreich müssten mehr Juden deportiert werden als aus jedem anderen Land im besetzten Westeuropa. Anlässlich einer Besprechung in Berlin am 11. Juni 1942 unter dem Vorsitz Eichmanns wurde ein Plan zur Deportation bekanntgegeben, dem zufolge 10.000 belgische, 15.000 niederländische und 100.000 französische Juden nach Auschwitz deportiert werden sollten. Die mussten zwischen 16 und 40 Jahre alt sein, und der Anteil der „Arbeitsunfähigen“ durfte höchstens zehn Prozent betragen. In heutige Zeit muss man davon ausgehen, dass der vorläufige Ausschluss von Kindern und alten Menschen mit der zu diesem Zeitpunkt noch beschränkten Vernichtungskapazität des KL Auschwitz zusammenhing.

Der immer pflichteifrige Dannecker sagte zu, alle französischen Juden zu deportieren, die in die vorgegebene Kategorie fielen, und kurz nach dieser Zusammenkunft erstellte er einen Plan, innerhalb von drei Monaten 40.000 Juden aus Frankreich in den Osten zu schicken. Mit Drohungen und weiteren Maßnahmen brachte man die französische Polizei dazu, die Verhaftungen von Juden – auch in der unbesetzten Zone – vorzunehmen. Bei einem Treffen zwischen Dannecker und dem französischen Ministerpräsidenten Pierre Laval machte dieser das Angebot, „dass während der Evakuierung jüdischer Familien aus der unbesetzten Zone Kinder unter 16 Jahren ebenfalls abtransportiert werden könnten. Was die jüdischen Kinder in der besetzten Zone angehe, so ist das nicht von Interesse.“

Auch begann die Verhaftung ausländischer Juden durch die französische Polizei in Paris in der Nacht zum 16. Juli. Da die deutsche Militärverwaltung von den Franzosen ursprünglich verlangt hatte, nur erwachsene und arbeitsfähige Juden für die Deportationen zu bestimmen, und die Kinder erst nachträglich dazu genommen waren, um die „Quote“ zu erfüllen, hatte man in Berlin noch keine formelle Entscheidung darüber getroffen, die Familien komplett zu deportieren. Doch obgleich die französischen Behörden wussten, dass derartige Beschlüsse von den Nazis höchstwahrscheinlich in den kommenden Wochen gefasst würden, erklärten sie sich einverstanden, die Kinder von den Eltern zu trennen und zuerst die Erwachsenen zu deportieren.

Jean Leguey, der Vertreter der Vichy-Polizei, schrieb an den Präfekten von Orleans: „Die Kinder dürfen nicht in denselben Transporten mitfahren wie ihre Eltern. Während sie auf ihren Abtransport warten, um mit ihren Eltern wieder zusammen zu kommen, wird man sie betreuen..!“ Dass Leguey über die Absichten der Nazis informiert war, die Kinder in Kürze ebenfalls zu deportieren, ging aus seiner Ankündigung hervor, „die Transporte mit den Kindern beginnen in der zweiten Augusthälfte!“ Die französischen Behörden unternahmen somit keinen Versuch, das entsetzliche Leid zu verhindern, das den Eltern und Kindern bevor stand, indem sie den Deutschen den Vorschlag machten, die Deportationen um einige Wochen zu verschieben, bis die Familien vereint das Land verlassen konnten.

Fortsetzung folgt.

Von Rolf von Ameln

 

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Von am 22/02/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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