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Die Kulturpolitik des Nazi-Regimes und ein Kampfbegriff mit Folgen: „Entartete Kunst“

Lange Zeit vor der Eröffnung der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Jahre 1937 gab es bereits eine heftige öffentliche Auseinandersetzung über Gegenwartskunst, Avantgarde und Moderne, die sehr häufig auch mit antisemitischen Argumenten untermauert wurde.

Adolf Hitler hielt am 18. Juli 1937 eine Rede anlässlich der Eröffnung der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ am 18. Juli 1937. Seine Anschauung prägte unter anderem folgenden Satz: „Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung. Diese vorgeschichtlichen prähistorischen Kultur-Steinzeitler und Kunststotterer mögen unseretwegen in die Höhlen ihrer Ahnen zurückkehren, um dort ihre primitiven internationalen Kritzeleien anzubringen.“

Als die Ausstellung „Entartete Kunst“ am 19. Juli 1937 in München eröffnet wurde, waren für diesen Zweck etwa 700 Werke „deutscher Verfallskunst“ zusammengetragen und in die Räume der Gipsabguss-Sammlung des Archäologischen Instituts in den Hofgarten-Arkaden in die Galeriestraße 4 abtransportiert worden. Widerstand seitens der Mitarbeiter der 32 von den Konfiszierungen betroffenen Sammlungen gab es kaum. Längst schon waren die kulturpolitischen rassistischen Vorgaben des Nazi-Regimes umgesetzt worden, nicht nur Künstler jüdischer Herkunft wurden ausgegrenzt.

Hitler beim Festzug: "Der Tag der Deutschen Kunst",  Dortmunder Zeitung vom Dienstag, 20. Juli 1937.

Hitler beim Festzug: „Der Tag der Deutschen Kunst“, Dortmunder Zeitung vom Dienstag, 20. Juli 1937.

Verspottet und diffamiert wurden Künstler aller Richtungen der Moderne: des Impressionismus, Expressionismus, Kubismus, der abstrakten Kunst und des Fauvismus, des Dadaismus oder der neuen Sachlichkeit – ebenso wie politisch nicht genehmigte Werke. Bereits im Jahre 1933 begann eine Serie von Ausstellungen, in denen die verfemte Avantgarde als „entartet“ gebrandmarkt wurde. „Entartete Kunst“ wurde zum Schlagwort für die Verfolgung von Künstlern, die Beschlagnahme und teilweise Vernichtung ihrer Kunstwerke. Ziel der nationalsozialistischen Kunstpolitik war es, ausgehend von einem Schaffens- und Auftrittsverbot für alle jüdischen Künstlerinnen und Künstlern die Basis für eine reine „Deutsche Kunst“ zu schaffen, ein menschenverachtendes Projekt, das scheitern musste.

Durch diese Ausgrenzungs- und Verfolgungsstrategien sollte als „echt deutsch“ klassifizierte Monumentalkunst gefördert werden, die den Größen- und Überlegenheitswahn unterstreichen und unterstützen sollte. Auch Hitler, dieser Verbrecher, verstand sich durchaus selbst als Künstler – auch wenn er es nicht geschafft hatte, Karriere zu machen und nur als Postkartenmaler zeitweise Geld verdiente. Er war vor allem von der Monumentalarchitektur eines Albert Speer und den riesigen Männer-Statuen und Skulpturen der Bildhauer Josef Thorak, ein Österreicher, oder Arno Breker begeistert. Wenig bis nichts hielt er von dem zeitweiligen Trend, germanische oder mittelalterliche Kunst zu beleben.

Nicht urtümlicher Germanenkitsch, sondern die Größe unterstreichende Kunst mit überhöhten Abbildungen und Skulpturen von „gebärfähigen“ Frauen und starken Männern war gefragt. In Berlin, aber auch Linz sollte neue Monumentalarchitektur – vor allem Repräsentationsgebäude – mit riesigen Straßen geschaffen werden, nicht auf dem Reißbrett geplante, über Jahrhunderte entstandene, verwinkelte Städte wie Wien hatten hier keinen Platz mehr. Was zählte, war überhöhte, gestylte Männlichkeit und dieser untergeordnete Weiblichkeit, die das „Tausendjährige Reich“ tragen und vor allem den bevorstehenden Krieg mitgewinnen sollte. In diesen gigantomanisch-rassistischen Kunstvorstellungen war kein Platz für kritische und die Lebensrealität einfangende beziehungsweise hinterfragende Kunst, da diese ja auch zur Widerständigkeit anregen könnte.

Selbst im Zeichenunterricht wurden bereits 1938 diese Vorgaben an Kinder und Jugendliche vermittelt: „Wir können heute auf Grund von Erfahrungen und Forschungen feststellen, daß alle arischen Kinder schöpferisch veranlagt sind. Verschieden ist nur der Grad der schöpferischen Begabung.“ Und ein weiteres Zitat: „Der Nationalsozialismus lehnt die expressionistische Kunst ab. Mit Recht! Denn sie ist das Ergebnis der jüdischen Geisteshaltung, die wir überwinden müssen! Deutsche Kunst ist Gestaltung.“

In der Zeit zwischen dem 19. Juli und 30. November 1937 zog die Ausstellung über zwei Millionen Besucher an, aufgrund des hohen Andrangs wurde die Schau, die ursprünglich für vier Wochen geplant war, verlängert. Der Eintritt war frei, für Jugendliche allerdings verboten. Wie viele Besucher die cirka 600 Werke von 110 Künstlern wie Oskar Schlemmer, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Raoul Hausmann und Marc Chagall gesehen haben, weil sie diese Kunstwerke faszinierten und sie vermutlich die letzte Chance, diese Werke zu sehen, nutzen wollten, muss dahingestellt bleiben.

Überliefert ist die Reaktion der Nazi-Kuratoren, die aufgrund der Tatsache, dass diese Ausstellung auch manche begeisterte, die Bilder nicht mehr beschrifteten, um nicht eine ungewollt positive Reaktion zu erzeugen. Besonders attackiert wurde etwa der Österreicher Oskar Kokoschka: „Man sehe einmal lange und aufmerksam die `Selbstbildnisse´ eines Kokoschka an, um angesichts dieser Idiotenkunst das grauenhafte Innnere halbwegs zu begreifen..“, so der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg. Eröffnet wurde die Ausstellung von einem gewissen Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste.

Der Katalog erläuterte das Ziel der Schau: „Die Ausstellung will am Beginn eines neuen Zeitalters für das Deutsche Volk anhand von Originaldokumenten allgemeinen Einblick geben in das grauenhafte Schlußkapitel des Kulturzerfalles der letzten Jahrzehnte vor der Wende. Sie will, indem sie das Volk mit seinem gesunden Urteil aufruft, dem Geschwätz- und Phrasendeutsch jener Literaten- und Zunft-Cliquen ein Ende bereiten, die manchmal auch heute noch gerne bestreiten möchten, daß wir eine Kunstentartung gehabt haben. Sie will die gemeinsame Wurzel der politischen Anarchie und der kulturellen Anarchie aufzeigen, die Kunstentartung als Kunstbolschewismus im ganzen Sinne des Wortes entlarven. Sie will die weltanschaulichen, politischen, rassischen und moralischen Ziele und Absichten klarlegen, welche von den treibenden Kräften der Zersetzung verfolgt werden.“

Auf zwei Ebenen wurden in insgesamt neun Räumen die Kunstwerke gezeigt. Die Exponate wurden teilweise mit Zeichnungen von geistig Behinderten gleichgesetzt und mit Fotos verkrüppelter Menschen kombiniert, die bei den Besuchern Abscheu und Beklemmungen erregen sollten. So sollte der Kunstbegriff der avantgardistischen Moderne ad absurdum geführt und moderne Kunst als Verfallserscheinung verstanden werden. Diese Präsentation „jüdisch-bolschewistischer“ diente auch zur Legitimierung der Verfolgung „rassisch Minderwertiger“ und politischer Gegner. Auch Beschriftungen wie „Bezahlt von den Steuergroschen des arbeitenden deutschen Volkes“, oder „Wahnsinn macht Methode“ diffamierten die Künstler und ihre Werke. Nach der Schau in München sollte die Ausstellung „Entartete Kunst“ im ganzen Reich gezeigt werden.

Erste Station war auf ausdrücklichen Wunsch von Goebbels Berlin, später gastierte sie in zehn weiteren deutschen Städten. Nicht alle Werke, die im Vorfeld der Ausstellung konfisziert worden waren, kamen in der Schau zum Einsatz. Einige der Bilder und Skulpturen wurden international für Devisen verkauft, andere gegen „gute Meister“ eingetauscht. Dazu der Propagandaminister des Dritten Reiches, Dr. Josef Goebbels in seinem Tagebuch: „Göring will Werke der entarteten Kunst in das Ausland verkaufen. Für viel Devisen. Ich bin damit sehr einverstanden.“ Viele Werke landeten in den Sammlungen von Nazi-Größen. Der „unverwertbare“ Rest und damit unbezahlbare Schätze blieben im Lager und wurden vermutlich im Jahre 1939 verbrannt.

Der nationalsozialistische Staat begründete seine Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik mit der angeblich biologischen und kulturellen „Entartung“ seiner Gegner, die aus der vermeintlichen Normalität der „Volksgemeinschaft“ heraus definiert wurde. Zwar haben die Nazis den Begriff „Entartung“ nicht erfunden, ihn jedoch radikalisiert und zur Legitimation einer Vernichtungsideologie verwendet. Deshalb mutet es mehr als befremdlich an, wenn er teilweise in heutigen Tagen noch benutzt wird, um Gegenwartskunst und Avantgarde zu verunglimpfen. Damit ist er – gleichgültig in welchem Kontext er eingesetzt wird – als Nazi-Begriff zu verstehen.

Und der Kunstbegriff der Nationalsozialisten ist bestens dazu geeignet, die Philosophie dieses Systems wie seine Widersprüche aufzuzeigen!

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 04/03/2014. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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