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Wider das Vergessen: Der Holocaust an den ungarischen Juden und deren letzte Station

Die Vernichtung der europäischen Juden war im Jahre 1943 in weiten Teilen Europas beinahe abgeschlossen. Mit einer Ausnahme: In Ungarn lebten die Juden bis in das Jahr 1944 hinein in relativer Sicherheit.

Schon seit der Etablierung einer autoritär-konservativen Regierung unter Reichsverweser Miklos Horty in den 1920er-Jahren war in Ungarn die Bereitschaft zu einer antisemitischen Politik – unabhängig von deutscher Politik – vorhanden, denn 1920 erließ die ungarische Regierung das erste antijüdische Gesetz in Europa seit dem Ersten Weltkrieg, das sogenannte Numerus-clausus-Gesetz, das eine Beschränkung der jüdischen Studenten an den Universitäten festschrieb. Bis zum Einmarsch der „Großdeutschen Wehrmacht“ in Ungarn am 19. März 1944 folgten drei weitere antijüdische Gesetze, als deren Folge die Juden schrittweise aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt und zehntausende von ihnen zur Zwangsarbeit eingezogen wurden, was vielen das Leben kostete. Die ungarischen Gebietserweiterungen im Zuge des Ersten – 1938 – und Zweiten Wiener Schiedspruchs – 1940 – führten zu einer wachsenden wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit des Landes von Deutschland, die bald in den ungarischen Kriegseintritt auf der Seite der Achsenmächte im jahre 1941 münden sollte.

Die meisten heimatverbundenen ungarischen Juden, die sich als integraler Bestandteil der ungarischen Nation verstanden, werteten diese Entwicklung zunächst nicht als unmittelbare Gefahr und glaubten daran, dass sie unter dem Schutz der konservativ-aristokratischen Regierung den Zweiten Weltkrieg überdauern würden. Die vorerst widersprüchliche Umsetzung antijüdischer Maßnahmen schien sie in diesem Glauben zu bestärken: So widersetzte sich sich die ungarische Regierung – abgesehen von kurzzeitigen Deportations- und Exekutionsmaßnahmen im Jahr 1941 und 1942, die sich in erster Linie gegen staatenlose oder ausländische Juden richteten – der deutschen Forderung, die ungarischen Juden zu deportieren. Mehr noch, bis zu 70.000 Juden aus anderen Ländern, vor allem aus Polen, fanden in Ungarn Zuflucht. Nach der vernichtenden Niederlage der ungarischen Armee am Don im Januar 1943 begann die ungarische Regierung schließlich, die Möglichkeit eines Separatfriedens mit den Alliierten zu sondieren. In Hinblick darauf mäßigte man sich auch in der Judenpolitik.

Ungarische und deutsche Soldaten treiben verhaftete Juden ins Stadttheater, 20./22. Oktober 1944. Foto: Archiv/RvAmeln

Ungarische und deutsche Soldaten treiben verhaftete Juden ins Stadttheater, 20./22. Oktober 1944. Foto: Archiv/RvAmeln

Als sich Anfang des Jahres 1944 die Anzeichen dafür mehrten, dass Horthy versuchen würde, das Bündnis mit Deutschland zu lösen und Ungarn aus dem Krieg hinauszuführen, gab Hitler im März den Befehl zur „Operation Margarethe“, der Besetzung Ungarns durch Einheiten der Wehrmacht und der SS..! Wenige Tage nach dem Einmarsch wurde eine prodeutsche Regierung gebildet, Reichsverweser blieb aber vorerst Horthy. Bereits am ersten Tag der deutschen Besatzung kam es zu Massenverhaftungen und Geiselnahmen. Im Konzentrationslager Mauthausen traf schon am 25. April 1943 ein Transport mit 53 Angehörigen des ungarischen Adels sowie Politikern und Industriellen aus Budapest ein. Einer der prominentesten ungarischen Häftlinge in Mauthausen war wohl der Sohn Horthys. Bald wurde ein Sondereinsatzkommando (SEK) unter der Führung von Adolf Eichmann mit der Konzentrierung und Deportation der ungarischen Juden betraut.

Da diese „Arbeit“ von den wenigen deutschen Kräften nicht im erwünschten Ausmaß beziehungsweise der gewünschten Schnelligkeit durchgeführt werden konnte, erfolgte sie in enger Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden. Dienstellen der Polizei, der ungarischen Gendarmerie und Verwaltung internierten die ungarischen Juden und bereiteten die Deportationen vor, wobei Vertreter des SEK stets als „beratende Organe“ anwesend waren. Am 7. April 1944 wurde die streng geheim gehaltene Anordnung getroffen, die Juden in regionalen Sammellagern unterzubringen. Wenige Wochen später erreichten die ersten Züge mit ungarischen Juden die Todesfabrik Auschwitz-Birkenau. Insgeamt wurden in weniger als zwei Monaten über 473.000 Menschen aus Ungarn deportiert, von denen der Großteil kurz darauf in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Jedes dritte Opfer von Auschwitz-Birkenau kam aus Ungarn.

Erst aufgrund massiven ausländischen Drucks verfügte Horthy Anfang August 1944 den Stopp der Deportationen. Zu diesem Zeitpunkt war Ungarn jedoch bis auf die Budapester Juden und etwa 80.000 jüdsiche Männer, die in der ungarischen Armee Arbeitsdienst leisten mussten, bereits „judenfrei..!“ Nachdem Horthy im Oktober 1944 den Kriegsaustritt erklärt hatte, wurde er von den Nazis zur Abdankung gezwungen. Die Regierung übernahm nun Ferenc Szalasi, der Führer der ungarischen faschistischen Pfeilkreuzler. Nach dem Machtwechsel kam es durch unkontrollierte Pfeilkreuzlertrupps zu zahlreichen Massakern an Juden. Tausende Budapester Juden wurden am Ufer der Donau erschossen. Auch die Deportationen wurden wieder aufgenommen. Gleichzeitig kam die Front immer näher, weshalb die Budapester Juden und Arbeitsdienstler ab November 1944 zu Fuß in richtung Österreich getrieben wurden. Insgesamt wurden nach der Machtübernahme durch die Pfeilkreuzler noch knapp 76.000 Juden aus Ungarn deportiert. Die tragische Bilanz des knappen Jahres der Nazi-Besatzung in Ungarn betrug eine halbe Million jüdischer Opfer.

Während die Deportation der ungarischen Juden anlief, waren jüdische und internationale Organisationen um die Rettung der Verfolgten bemüht. So versuchte der Budapester Rettungsausschuss durch Verhandlungen und Lösegeldzahlungen Leben zu retten. Im Rahmen der sogenannten Kasztner-Aktion wurden 1.684 Personen in das Konzentrationslager Bergen-Belsen eingeliefert, anschließend wurde ihre Ausreise in die Schweiz gestattet. Zudem konnte der Budapester Rettungsausschuss die Deportation von 18.000 ungarischen Juden in das Lager Strasshof/Nordbahn – anstatt wie vorgesehen nach Auschwitz-Birkenau – aushandeln. Die zionistischen Jugendorganisationen waren bei der Flucht, beim Verstecken und bei der Beschaffung falscher Papiere behilflich. Eine vergleichsweise hohe Zahl ungarischer Juden ist durch die Hilfe internationaler Organisationen und diplomatischer Vertretungen gerettet worden. Diese versuchten, Menschen vor der Deportation zu bewahren, indem sie Schutzbriefe oder Schutzpässe ausstellten. Durch diese Tätigkeiten konnten mehrere tausend Menschen gerettet werden.

Geschrieben für Olga Metis s.A., die Budapest verlassen und nach Palästina fliehen konnte.

Von Rolf von Ameln

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Von am 17/07/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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