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„Die Zeitung“ ein Exilblatt aus London beschreibt Gebbels und den Vergleich mit einem Kasperltheater

In der Freitagsausgabe schreibt „Die Zeitung“ am 25. Februar 1943 auf der Titelseite: Kasperltheater.

Auf einer der breiten Promenaden Roms, die zum Picio führen, spielt ein altberühmtes Kasperltheater. Hat die Handlung auf der Bühne ihren Höhepunkt erreicht, so kommt es jedes Mal zu einem viel bejubelten Intermezzo. Kasperl erscheint vor dem Vorhang und stellt Suggestivfragen an die Menge. Die erste, an die zufällig versammelten Spaziergänger gerichtet, lautet: „Seid ihr auch alle da?“ Die Menge bejaht sie erwartungsvoll, ohne sich über ihre Unlogik klar zu werden. Nachdem sich Kasperl damit sozusagen den legalen Status verschafft hat, die Handlung so weiterzuführen, wie es sein Herr und Meister hinter der Bühne beschlossen hat, kommt er zur Sache: „Ich frage Euch, soll der Teufel versohlt werden?

"Die Zeitung", Ausgabe London von Freitag, den 30. Juli 1943. Foto: Archiv/RvAmeln

„Die Zeitung“, Ausgabe London von Freitag, den 30. Juli 1943. Foto: Archiv/RvAmeln

Und wollen wir seiner Großmutter Hörner und Bart ausreißen? Wünscht Ihr, dass der in ein Krokodil verwandelte Prinz von der schönen Prinzessin erlöst wird?“ Alle diese Fragen werden stürmisch bejaht. Um aber einem jederzeit möglichen Betriebsunfall radikal vorzubeugen, hat der tüchtige Puppenspieler mit ein paar Soldi Straßenjungen angestellt, welche in der Menge verteilt, genau darüber instruiert sind, welche Antwort Kasperl erwartet. Mussolini hat viel von dem Volkspsychologen gelernt, der hinter den schäbigen Brettern dieser Bühne agiert, und man konnte nach seinen marktschreierischen Balkontiraden öfters die Scherzfrage hören, seit wann denn das Pincio-Theater auf der Piazza Venezia aufgeschlagen sei.

Nun – jetzt hat es seinen Weg auch in den Sportpalast nach Berlin gefunden. Die Fragen, die Kasperl-Goebbels dort an ein sorgfältig ausgewähltes Publikum gerichtet hat, sind im Ausland viel belacht worden. Tatsächlich waren sie das einzig neue, das in der Rede des Propaganda-Kasperle enthalten war. Weder vom Bolschewistenschreck, noch von Hitlers vermeintlicher Rolle als Retter Europas dürfte sich dieser gewitzte Agitator heute noch viel versprechen. Und um Schwarz in Schwarz zu malen, um die neuen Mobilisierungsmaßnahmen, nochmals zu begründen, brauchte es nach der Stalingrad-Trauerwoche keine neue Rede mehr.

Was also wollte Goebbels? Die Antwort liegt in einer Bemerkung, die er an versteckter Stelle selbst deutlich machte: der Nation ganz klar zu machen, dass es sich heute um eine ähnliche „metaphysische Krise“ handelt, wie die, in welche die Partei Ende 1932, kurz vor der „Machtübernahme“ geraten war. Wie wurde diese Krise damals gelöst? Wenn man Goebbels hört: durch ein Wunder. Was war dieses Wunder? Der fanatische Glaube an den Führer. Das Gleiche, erklärte Goebbels, ist heute möglich. Ist möglich, wenn sich die Nation in die Hysterie tanzender Derwische und blindwütiger Amok-Läufer hineinsteigert. Dann wird aus dieser Trance das Wunder geboren werden. Darum das zum johlenden Massenchorus anschwellende Frage- und Antwortspiel, darum das ekstatische Ja-Gebrülle, dem sich der Anwesende nicht entziehen kann und das den Außenstehenden, vielleicht noch Zögernden, vor eine vollendete Tatsache stellt.

Der zynische Puppenspieler Goebbels glaubt sicherlich nicht an Wunder. Er will nur Zeit gewinnen, die Spanne verlängern, die ihm und seinesgleichen noch zum Leben bleibt. Der Maestro vom Pincio, der seinen Kasperl rhetorische Fragen stellen lässt, ist ehrlicher. Er kann die provozierten Wünsche seiner Zuhörer erfüllen und den Teufel wirklich verbläuen lassen. Aber Goebbels?

Das in ein scheußliches Krokodil verwandelte Deutschland wird kein Nazi-Prinz mehr erlösen!

„Die Zeitung“ wurde hauptsächlich von exilierten deutschen und österreichischen Journalisten gestaltet.Sie berichteten oft humorvoll aber auch sehr, sehr ernst. Doch darüber wird später einmal berichtet.

Von Rolf von Ameln

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Von am 22/06/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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