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Berliner Morgenpost am Mittwoch 15. Juni 1938: Belangloses aus dem Reich der Nazis

An diesem Tag beschäftigte sich dieses Berliner Blatt im Wirtschaftsteil mit folgendem Titel: „Was ist mit dem Dollar los?“ In letzter Zeit war des öfteren die Rede von „einer Flucht aus dem Franc“ oder überhaupt von einer Flucht des Kapitals aus den westeuropäischen Staaten. Die durch die politischen

Berliner Morgenpost 15.Juni 1938. Foto: Archiv/RvAmeln

Spannungen verängstigten Kapitalisten sahen ihr Heil in der Flucht ihres Geldes nach Übersee; sie legten ihr Vermögen mit Vorliebe in Dollars an. In den letzten Tagen ist nun plötzlich eine „Flucht aus dem Dollar“ in die Erscheinung getreten. Plötzlich scheinen die internationalen Finanzleute dem Dollar nicht mehr recht zu trauen und ziehen ihr Geld wieder aus den Banken der Vereinigten Staaten von Amerika zurück. Der internationale Kurs des Dollar ist daraufhin in den letzten Tagen etwas gesunken. Nicht gerade viel, doch genug, um dem aufmerksamen Beobachter zu zeigen, daß hier etwas nicht stimmt. Offensichtlich befürchtet man, Amerika könne die Welt plötzlich mit einer neuen Abwertung des Dollars überraschen. Der amerikanische Staatssekretär Morgenthau hat allerdings die Gerüchte in Abrede gestellt, wonach die amerikanische Regierung an eine abermalige Abwertung herangehen wolle. Trotz dieses Dementis ist aber der Kurs des Dollar recht unsicher, und neuerdings neigt auch das englische Pfund Sterling zur Schwäche. Und aus dem Auslande kommen Gerüchte, daß bei einer Abwertung des Dollars das englische Pfund nicht abseits stehen würde. Was ist also mit dem Dollar los? Man wird die nächsten Tage abwarten müssen, um übersehen zu können, wie sich diese neueste Währungsverwirrung weiter entwickelt. Tatsache ist jedenfalls, daß die wirtschaftliche Depression in den Vereinigten Staaten recht bedrohliche Formen angenommen hat und man verzweifelt nach einem Ausweg sucht. Daß hierbei, entsprechend den Ideengängen des Kapitalismus, Hilfe in erster Linie von Währungs-Experimenten erhofft wird, ist ja bekannt.

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Und weiter schreib die „Berliner Morgenpost“: Die Lufthansa im Weltverkehr. Weiterer Strecken-Ausbau – Europa-Post im Flugzeug. Das Flugzeug als schnellstes Verkehrsmittel setzt sich immer mehr durch. Von Jahr zu Jahr kann die Deutsche Lufthansa, in der die deutsche Handelsluftfahrt zusammengefaßt ist, berichten, daß sich ihr Betrieb vergrößert hat. Im vergangenen Jahre benutzten im europäischen planmäßigen Verkehr 277.347 Fluggäste ihre Flugzeuge. Dies ist ein Fünftel mehr als im Jahre vorher. Die Flugleistung, die in Europa 18,7 Millionen Kilometer betrug, erhöhte sich auch um rund 20 Prozent. In Deutschland selbst kann kein wesentlicher Aubau des Flugnetzes mehr erfolgen, denn die größeren Geschwindigkeiten machen Zwischenlandungen nach kurzen Strecken schwieriger. Gestrebt wird aber eine Verdichtung des Verkehrs, so daß also auf einer Strecke mehr Flugzeuge fliegen.

Berliner Morgenpost 15.-Juni 1938. Foto: Archiv/RvAmeln

Die Lufthansa ist besonders um den Ausbau des Weltluftverkehrs bemüht. Die Asien-Strecke von Berlin nach Bagdad, im Vorjahr eröffnet, wurde bereits über Teheran (Iran) nach Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, verlängert. Durch die Flugzeuge der Lufthansa wird der Postdienst nach Südamerika jetzt allein durchgeführt. Der Luftweg nach dem Fernen Osten über das Pamir-Gebirge wurde erkundet. Vierzehn Ueberquerungen des Nordatlantik nach den Vereinigten Staaten haben gezeigt, daß die Lufthansa jederzeit in der Lage ist, diesen Verkehr aufzunehmen. Auch in diesem Jahr wird wieder einige Monate planmäßig nach den U.S.A. geflogen. Wir haben jetzt dafür drei Maschinen zur Verfügung. Besonders in Südamerika ist die Lufthansa selbst oder durch Gesellschaften, die mit ihr befreundet sind, erfolgreich tätig. Hier werden ständig neue Linien eingerichtet. Nach Lima, der Hauptstadt von Peru. braucht die Post von Berlin mit dem Flugzeug nur fünf Tage. Die Reichspost geht immer mehr dazu über, Briefe mit dem Flugzeug zu befördern. Nachts fliegen die besonderen Postflugzeuge der Lufthansa. Das Flugzeug nach London nimmt zum Beispiel 1.800 Kilogramm Briefe usw. mit. Im europäischen Verkehr hat die beförderte Post sich im vergangen Jahr mengenmäßig um 64 Prozent auf 3,3 Millionen Kilogramm erhöht. Diese Entwicklung wird beschleunigt weitergehen. Ziel ist, daß die europäischen Postverwaltungen auch solche Briefe, für die kein Luftpostzuschlag bezahlt worden ist, mit dem Flugzeug befördern lassen. Durch die technische Entwicklung wurde es ermöglicht, immer größere und schnellere Verkehrsflugzeuge zu benutzen. Im Laufe des Sommers – voraussichtlich Ende August – sollen die großen viermotorigen Flugzeuge in Dienst gestellt werden. Dadurch wird man später zum Beispiel in einem Tage nach Lissabon fliegen können. Die ständige Erneuerung und Verbesserung des Flugzeugparks hat im vergangenen Jahr 21 Millionen Reichsmark gekostet. Außerdem wurden umfangreiche Bestellungen erteilt, deren Wert Ende 1937 rund 11,5 Millionen Reichsmark betrug. Einen besonders großen Posten unter den Neuanschaffungen stellt das Flugsicherungsschiff „Friesenland“ dar, das im Atlantischen Ozean Dienst tut. Die Lufthansa kann ihre gesamten Ausgaben, die im vergangenen Jahr 61 Millionen Reichsmark betrugen, nur zum Teil aus eigenen Einnahmen decken. Diese brachten 36 Millionen Reichsmark; den Restbetrag von 25 Millionen Mark stellte der Staat zur Verfügung. Doch ist es der Lufthansa gelungen, einen immer größeren Teil der Ausgaben durch eigen Einnahmen zu decken. Im Jahre 1932 waren das nur 37 Prozent, aber im vergangenen Jahr fast 60 Prozent. Die sogenannte Eigenwirtschaftlichkeit hat sich also erheblich verbessert. Im laufenden Jahre litt das Geschäft anfangs unter dem schlechten Wetter, doch erwartet man angesichts des lebhaften Verkehrs, der inzwischen eingesetzt hat, weiter eine günstige Entwicklung. Besonders von der Eingliederung Oestrreichs verspricht sich die Lufthansa eine starke Belebung des Flugverkehrs. Die Strecke London-Wien wird nunmehr das ganze Jahr hindurch geflogen.

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Ab dem 1. September 1939, 04:45 Uhr war auch das nur ein Teil der deutschen Geschichte. Jetzt flog man keine Post mehr, es fielen Bomben.

Von Rolf von Ameln

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Von am 13/05/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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