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Was „Das freie Wort“, Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion in der Ausgabe vom Februar 1943 zu berichten wusste

Auf der letzten Seite berichtet das Blatt vom „Stalingrader Tagebuch“: Die folgenden Aufzeichnungen eines Gefreiten der 10. Kompanie des Infanterie-Regiments 578 der 305. Infanterie-Division wurden auf einem Schlachtfeld im Raum von Stalingrad gefunden. Sie sind eine furchtbare Anklage gegen das Hitlerkommando, das die eingekesselten Truppen dem Tode preisgab und sie bewußt betrog, in dem es ihnen Hilfe versprach zu einer Zeit, wo die Eingekesselten schon weit im Rücken der deutschen Armee waren. Die Redaktion…

Titelseite der Zeitung „Das freie Wort“. Foto: Archiv/RvAmeln

22. – 23. November. Nachts Flüchtlinge von Kalatsch. Liegen in Stellung vor dem Ort.

25. November. Ganzen Tag in Stellung ohne Schlaf. Wir haben Vermißte. Keine Wärmemöglichkeit, kaltes Erdloch. Ganzen Tag im Umkreis schwere Detonationen, Bomben, Flieger, Artillerie.

27. November. Wir ziehen uns nach beschwerlichem Marsch in die Dünen zurück. Wir sind eingeschlossen. Es ist kalt, ich habe schweren Schüttelfrost. Wir werden beschossen.

30. November. In der Frühe komme ich zu meinem Zug. Grabe mich in kalte Erde ein. Tag und Nacht starke Gefechtstätigkeit. Am Nachmittag brechen russische Panzer durch, wir werden zur Abkehr gezwungen. Flieger beschießen uns. Außerdem werden wir mit Granaten beschossen. Vorher hatte ich 36 Stunden nichts gegessen. 1/8 Brot und 1/16 Konserve pro Mann und einige Löffel Bohneneintopf, einen Becher Ersatzkaffee.

1. Dezember. Liege buchstäblich im Dreck. Alles ist naß, friere entsetzlich.

2. Dezember. Wir marschieren 12 Kilometer total erschöpft und verhungert. Wieder ein Tag ohne Essen. Ich bin schon ganz schwach. Liegen in einer Scheune.

3. Dezember. Wieder 12 Kilometer Marsch mit wenig Essen, nichts zu trinken, mir ist furchtbar schlecht, esse Schnee. Abends langen wir an. Kein Quartier, Schnee fällt, bin ganz naß, in den Stiefeln habe ich Wasser. Es gelingt uns, eine Erdhöhle zu bekommen. Sitzen mit 6 anderen Kameraden hier, kochen etwas Pferdefleisch in Schneewasser. Pferde krepieren hier haufenweise. Wir sind eingeschlossen, bekommen jeder 1/12 Brot!!!!

5. Dezember. Es wird immer ärger, hoher Schnee, 20 Zentimeter, habe erfrorene Zehen und Fingerspitzen. Viel Hunger. Abends nach schwerem Marsch in Stalingrad angelangt. Detonationen, Einschläge begrüßen uns. Endlich gelingt es uns, in einem Keller unterzukriechen. 30 Mann. Wir sind unheimlich dreckig, unrasiert, können uns kaum bewegen. Wenig Essen. Ein furchtbar wüster Haufen. Ich bin ganz unglücklich. Habe alles verloren, alles wurde mir geraubt, nur was ich auf dem Leib habe, besitze ich noch. Es gibt ununterbrochen Streit. Alles ist auf den Nerven kaputt.

7. Dezember. Bis jetzt alles wie gestern. Herrgott, gib, daß ich wieder gesund nach Hause komme. Meine arme Frau und meine lieben Eltern. Welche Ängste werden sie ausstehen? Allmächtiger, beende dies alles, gib uns den Frieden wieder. Nur wieder heim, zurück in ein menschliches Leben.

10. Dezember. Seit gestern habe ich nichts gegessen, außer schwarzem Kaffee und 1/16 Wurstkonserve. Ich bin ganz verzweifelt. Herrgott, wie lange soll dies noch dauern? Wir haben Verwundete unter uns, können nicht abtransportiert werden. Wir sind eingekreist. Artillerie schießt. Stalingrad ist eine Hölle. Wir kochen Pferdefleisch von den zugrunde gehenden Pferden. Kein Salz und nichts sonst. Viele haben Durchfall. Auch die Küche kocht Pferdefleisch. Wie grausam ist das Leben! Was habe ich schon Schlechtes im Leben getan, daß ich so gestraft werde!

11. Dezember. Gestern bekamen wir keinen Bissen Brot. Am Abend brach ich vor Schwäche zusammen.

12. Dezember. Gestern erreichte ich noch etwas Pferdefleisch. Heute habe ich leider nichts. Heute Nacht war es sehr lebhaft, Artilleriefeuer, Granateinschläge überall; Boden zitterte unaufhörlich. Haben Ruhrkranke bei uns liegen. Habe schrecklichen Hunger. Wenn es nur bald besser wird. Herrgott, beschütze mich. Unaufhörlich krachen die Kanonen, bellen die Maschinengewehre.

13. Dezember. Heute Abend gab es Milchreis und 1/16 Konserve. Ich war ganz glücklich. Ich fühle mich sehr schwach, habe Schwindelanfälle.

15. Dezember – 16 Uhr. Von uns bleiben 13 Mann zurück. Ich bin unter diesen Leuten der Dienstälteste. Alles ist voll Schmutz und Schutt, raus darf niemand. Aus allen Ecken kracht es in dieser Ruinenstadt. Alles bebt und dröhnt von den Einschlägen der russischen Artillerie.

19. Dezember. Sitze jetzt im Loch mit Ziegler, einem 20jährigen aus Österreich. Der arme Kerl hatte die Ruhr und stinkt erbärmlich. Es ist jetzt 10.20 Uhr. Stundenlang geht ein Granathagel auf und über uns hinweg. Wenn ich über den Grabenrand blicke, sehe ich 50 Meter vor mir die Wolga. Liege ganz dicht am Gegner. Ich bin ganz gleichgültig geworden, ich sehe keinen Ausweg mehr aus dieser furchtbaren Hölle. Verwundete können nicht abtransportiert werden, liegen über Nacht in den Dörfern des Kessels, in dem wir eingeschlossen sind. Ich glaube nur mehr an ein Gotteswunder, denn anderes kann hier nicht mehr helfen. Unsere Artillerie schweigt vollkommen. Wahrscheinlich Munitionsmangel. Ich habe Hunger, kalt und meine Füße und Finger wie Eis. Wir beide sprechen hier fast kein Wort miteinander, was gibt es dann auch zu sagen? Das schönste Fest für uns Menschen steht vor der Tür. Weihnachten, welch schöne Erinnerungen an die Kindheit. Ihr lieben Eltern, ich grüße Euch aus weiter Ferne. Ich habe im Leben nichts so aufrichtig geliebt wie Dich, meine einzige Frau, mein blondes Mitzerl. Was gäbe ich darum, wenn ich wüßte, daß wir uns glücklich wiedersehen. Möge Gott Dich stark werden lassen und Dich trösten, falls mir etwas geschehen sollte. Vorläufig will ich aber trotzdem hoffen, daß Dir dieses erspart bleibt. Das Leben ist ja so schön, so herrlich schön, ach, könnte man doch in Frieden leben! Ich kann mich halt noch immer nicht damit abfinden, schon sterben zu müssen. Diese fürchterliche Orgie von heulendem, krachendem Tod will kein Ende nehmen. Ununterbrochen schlagen die Granaten um uns ein. Ich bin tatsächlich schon ganz erledigt. Wird das denn zu überleben sein? Alles bebt, es ist wie bei einem Erdbeben!

„Das freie Wort“ Bildbericht. Foto: Archiv/RvAmeln

Hier bricht das Tagebuch ab. Der Verfasser ist tot. In seiner Todesagonie fragte er: „Was habe ich Schlechtes getan, daß ich so gestraft werde?“ Er fand nicht die Antwort: das Schlechte war, daß er als blindes Werkzeug Hitlers den verbrecherischen Krieg mitmachte.

Auf Seite 3 schreibt man: Die Gobbels-Propaganda in Verlegenheit. Die deutsche Agentur Transozean verbreitete am 2. Februar 1943 folgende Rundfungmeldung: „Generalfeldmarschall Paulus trug während seines Aufenthaltes in Stalingrad zwei Revolver und Gift bei sich. Ob er in bewußtlosem Zustande – da er einige Tage vorher schwer verwundet worden war – oder tot in russische Hände geraten ist, ist noch nicht festgestellt!“

Diese Verlegenheitslüge der Hitlerclique ist ebenso dumm wie ungeschickt. Allein schon das in dieser Zeitung veröffentlichte Lichtbild zeigt, daß Generalfeldmarschall Paulus heil und gesund in russischer Gefangenschaft ist.

„Das freie Wort“: Die objektivste Berichterstattung über die Vorgänge in Stalingrad findet man in dieser Zeitung, denn sie wurde von deutschen Soldaten gelesen, die sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befanden. Die Inhalte sind natürlich auch hier gefärbt, schließlich wollte man damit ja auch aus überzeugten Nazis neue Gegner des NS-Regimes machen. Trotzdem entspricht die Berichterstattung im „Freien Wort“ einer unaufgeregren Auflistung der vernichteten Truppen, der gefangen genommenen Generäle sowie der erbeuteten deutschen Waffen. Und so endete Stalingrad für die Deutschen in einem Desaster.

Von Rolf von Ameln

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Von am 10/07/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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