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Auschwitz in den Anfangsjahren: Nach Aufzeichnungen von SS-Gruppenführer Hans Georg von Mackensen; 1883-1947

…der Zug hatte außer Sichtweite hinter einer Kurve gehalten. Jetzt ertönt ein schrilles Pfeifen; es ist fünf Minuten vor 15:00 Uhr. Wartend stehen der Reichsführer SS, Heinrich Himmler und sein Stab mit dem Kommandanten Höß auf der langen hölzernen Plattform. Es ist mal wieder ein wunderschöner Tag, und die belaubten Bäume neben den Rangiergleisen gewähren angenehmen Schatten in de noch heißen Sonne. Alle hatten im Kasino nach Herzenslust gegessen, und bis jetzt ist die ganze Besichtigung reibungslos abgelaufen. Himmler ist von dem Wachstum des Lagers tief beeindruckt. Von den landwirtschaftlichen Einrichtungen, von jeher sein Lieblingsprojekt beim gesamten „Auschwitzunternehmen“, war er, der gelernte Landwirt, hellauf begeistert.

Selbst das noch nicht fertige IG-Farben-Werk von Monowitz hatte seinen Beifall gefunden. Höß steht wie auf heißen Kohlen, denn wenn die Vorführung jetzt reibungslos abläuft, darf er sich von diesem Besuch zuversichtlich positive Resultate erhoffen. Nun wird der Qualm der Lokomotive sichtbar. Der Zug kommt an. Es handelt sich um einen kleinen Transport, der von Höß absichtlich so ausgewählt wurde: zehn Güterwaggons mit rund 800 Menschen. Die Wehrmacht und Polizei in Kattowitz hatte sie zusammengetrieben und ein paar Tage unter Bewachung gehalten. Der Bunker kann gerade mal um die 800 Personen aufnehmen, allerdings stehen sie dann wie die Ölsardinen! Himmlers persönliches Schreiben an Höß ließ keinen Zweifel zu: „Eine ganze Aktion, von Anfang bis zum Ende!“

Der Zug hält, die ersten Juden kommen herunter. SS-Wachen neben dem Gleis treten zurück, vermeiden jeden Eindruck von Drangsalierung und Bedrohlichkeit. Es sind Juden aus einer größeren Stadt, die einen wohlhabenden Eindruck machen. Sie blicken in das grelle Licht der Sonne, während sie aus den Viehwaggons herausquellen, alten Menschen, Behinderten und den kleinen Kindern herunterhelfen. Voller Angst blicken sie sich um, Mütter halten die Kinder eng an sich gedrückt. Aber sie zeigen keinerlei Erregung, hören den worten von Untersturmführer Hössler aufmerksam zu, wo sie untergebracht werden, welche Verufe am gefragtesten sind, und so weiter und so fort.

All das klingt sehr überzeugend, denn Hössler und sein SS-Helfer Aumaier feilen immer weiter an dieser Komödie herum und vervollkommnen sie. Danach stellen sich die Juden ohne Schwierigkeiten zur Selektion auf. Bald marschieren die wenigen Männer, die für das Arbeitslager ausgesucht wurden, zu Fuß durch die dicht stehenden Bäume in richtung Birkenau ab. Der Rest klettert ruhig auf die wartenden Lastkraftwagen. Auf der nun leeren Plattform steht ihr Gepäck, schöne Sachen zum Teil, echtes Leder. Das wir ein schöner Fischzug, wenn die Aufräumtrupps die Sachen aussortieren. Die Juden scheinen alles zu glauben, was Hössler ihnen gesagt hatte, sogar, dass ihr Gepäck in die Unterkünfte gebracht würde.

Dennoch werfen einige Juden einige furchtsame Blicke auf die SS-Führer, die das Ganze beobachten; aber dem Kommandanten scheint, dass keiner von ihnen den Reichsführer SS erkennt. Vielleicht haben sie andere Sorgen. Die voll beladeten Lastwagen warten, und die SS-Gruppe fährt voraus zum Bunker, um sich dort noch rasch umzuschauen. Höß ist stolz auf das harmlose Aussehen des Ganzen. „Desnifektion“ steht auf einem großen Schild aus Holz am Straßenrand. Man sieht nur ein mit Stroh eingedecktes Bauernhaus in einem Obstgarten, ein Haus, wie sie zu Tausenden in polnischen Dörfern stehen. An der Haustür nochmals ein Pfeil: „Zur Desinfektion“. Die Entkleidungsräume, neu errichtete Holzhütten, ein paar Meter abseits, haben gleichfalls nichts Bedrohliches.

Die Gruppe der SS-Führer tritt in eine Hütte, an der Frauen und Kinder steht. Bänke stehen an der Wand, darüber nummerierte Kleiderhaken, an denen die Juden ihre Kleider aufhängen sollen. Himmler enthält sich jeden Kommentars; sein charakteristisch knappes Nicken zeigt, dass er genug gesehen hat: – weiter. Die SS-Führer durchqueren den Garten und betreten das Haus. Hier die schweren Holztüren in den vier großen, leeren, weiß gekalkten Räumen; die Tür mit der Aufschrift „Waschraum“ sieht etwas merkwürdig aus. Ein SS-Mann im weißen Kittel steht auf dem Gang neben einem Tisch mit ganzen Stößen von Handtüchern und Seifenstücken. Es riecht nach einem starken Desinfektionsmittel.

Die Türen zu den Kammern sind aufgehakt, Höß hakt eine los und zeigt Himmler die schweren Eisenriegel, mit denen die Türen luftdicht verschlossen werden. Ohne ein Wort zeigt er auf die Öffnungen in den Wänden, durch welche das Zyklon-B hereingeschüttet wird. Der Reichsführer nickt, und mit einer fragenden Gebärde zeigt er auf die Aufschrift „Waschraum“. „Führt nach draußen, Leichenbeseitigung“, entgegnet Höß. Himmler nickt. Die Lastwagen kommen an, und die Besichtigungsgruppe verlässt den Bunker, um in einiger Entfernung dem weiteren Geschehen beizuwohnen. Im ersten Lastwagen befinden sich – wie gewöhnlich – Angehörige des Sonderkommandos; – jüdische Häftlinge, die an der Prozedur teilnehmen müssen.

Sie helfen den Frauen und Kindern herunter und reden auf Jiddisch oder Polnisch über den Desinfektionsvorgang, die Unterkünfte im Lager und die Arbeitsbedingungen. Die Juden haben nur noch wenige Minuten zu leben, und da will man kein Risiko eingehen. Die SS-Wachen stehen mit Maschinenpistolen und Schlagstöcken auf dem schmalen Zugangsweg, den die Juden passieren müssen. Diese eilen jetzt in dichtem Zug zur Entkleidungshütte. Auf jeden Fall geht es jetzt schnell. Die Doppelreihe der SS-Wachen nimmt abermals Aufstellung, diesmal von der Hütte zum Bunker.Zuerst kommen die nackten Männer heraus. Die bekleideten Angehörigen des Sonderkommandos sind immer noch unter ihnen, reden immer noch auf sie ein und versuchen, ihnen Mut zu machen.

Aber jetzt sind diese Juden dem Tod so nahe, daß es sich doch auf ihren Gesichtern zeigt. Irgendwie haben die Frauen mehr Mut. Vielleicht lenkt aber auch der Schock, sich ausziehen zu müssen, und die sorge um ihre Kinder sie ab. Viele sehen trotzig aus, als sie durch die Reihen der jungen deutschen SS-Leute gehen. Die SS hat strengste Anweisungen, Schweigen und Ernst zu bewahren; dennoch können sie nicht umhin, die eine oder andere Schöne anzugrinsen. Die letzte Frau verschwindet im Bunker. Die SS-Männer stürzen hinein, die Sonderkommandos springen hinaus, zusammen mit dem SS-Mann im weißen Kittel, der bei Seife und Handtüchern gestanden hat.

Die Besichtigungsgruppe hört das Zuschlagen der Türen und das Knirschen der eisernen Riegel, mit denen sie luftdicht verschlossen werden. Aus dem Krankenwagen mit dem Roten Kreuz, der inzwischen herangefahren ist, springen die Männer von der „Hygiene-Abteilung“ mit ihren Gasmasken; sie tragen die Kanister mit den Zyanidkristallen. Es ist ein scheußliches Zeug, mit dem sie da umgehen. Sie bringen ihre Aufgabe in wenigen Minuten hinter sich, schrauben die Kanister auf und schütten den Inhalt in die Wandlöcher. Dann steigen sie in ihren Rot-Kreuz-Wagen und fahren davon. Höß fragt mit unbewegter Stimme, ob der Reichsführer SS an der Bunkertür lauschen oder einen Blick hineinwerfen möchte.

Himmler geht mit Höß hinein, lauscht und späht. Innen hört sich ein Transport von Juden ganz anders an: traurige, resignierte Klagelaute, die fast wie Gebete klingen; keine Spur von dem tierischen Gekreische der russischen Gefangenen oder den Polacken.Höß begibt sich mit Himmler zur Rückseite des Bunkers, wo sie darauf warten, dass das Gas seine Wirkung tut. Er zeigt Himmler das enorme Ausmaß der sich ständig ausdehnenden Massengräber und erklärt ihm das immer dringender werdende Problem der Leichenbeseitigung. Das Tor des hinteren Zauns schwingt auf. Aus der offenen Tür des Bunkers kommt eine Lore heraus, die hoch mit nackten Körpern beladen ist und auf die Gruppe von SS-Führern zugerollt kommt.

Geschoben und teils gezogen wird sie von Leuten eines weiteren Sonderkommandos, das für das Wegschaffen der Leichen zuständig ist. Die nackten Menschen sehen nicht viel anders aus als vor einer halben Stunde, nur dass sie sich jetzt überhaupt nicht mehr rühren. Am Rand der Grube angelangt, stößt man die Leichen herunter. Das erregt Himmlers Interesse. Er tritt an den Rand der Grube und sieht zu, wie die Angehörigen des Kommandos die warmen Leichen auf dem Boden der Grube in langen Reihen nebeneinander legen und ein weißes Pulver über sie streuen. Das, erklärt Höß, sei ungelöschter Kalk. Man müsse in dieser Hinsicht etwas tun, denn das Grundwasser der ganzen Gegend sei in Mitleidenschaft gezogen. Auf die Dauer sei, wie er Berlin schon mehrmals mitgeteilt habe, das Vergraben der Leichen keine Lösung; zumindest dann nicht mehr, wenn der von Obersturmbannführer Eichmann ins Auge gefasste Pegel von hunderttausend Juden alle paar Wochen erreicht würde. Das ganze System würde zusammenbrechen, wenn nicht sofort drastische Schritte unternommen würden. Der Bauernhaus-Bunker sei nur ein Notbehelf. In der Nähe werde ein zweiter fertiggestellt, aber auch der reiche nicht aus. Die Krematorien blieben in der Zentralen Planungsstelle nur Modelle Berlin habe an das Problem der Leichenbeseitigung bisher keinen einzigen Gedanken verschwendet.

„Die Krematorien werden gebaut!“, erklärt er am nächsten Tag kurz vor seiner Abfahrt zum Flugplatz. Die Besprechung ist nahezu beendet. Der letzten ernsthaften Bitte, man möge gestatten, Juden zu Sterilisations-Experimenten zu benutzen, die der Kommandant nur zögernd vorgebracht hat, wird fröhlich entsprochen. Sie sitzen im Büro der Baugruppe. Nur Obergruppenführer Schmauser, verantwortlich für ganz Südpolen und damit auch für Auschwitz, ist dabei. „Der Bau der Krematorien hat Vorrang selbst vor IG-Farben“, erklärt Himmler. „Sie werden vor Ende des Jahres fertig sein, Schmauser. Alle anderen Projekte in diesem Teil Polens, was Arbeitskräfte und Baumaterial betrifft, sind zurückzustellen..!“ Himmler stößt dem Gruppenführer mit dem Finger vor die Brust, und Schmauser beeilt sich, zu nicken. „Was das Problem der Leichenbeseitigung betrifft, hören Sie noch von mir. Sie haben mir Ihre Schwierigkeiten dargelegt und mir ungeschminkt gezeigt, wie es hier in Auschwitz aussieht. Ich freue mich, dass Sie unter härtesten Bedingungen Ihr Bestes tun. Es ist Krieg, darauf muss man sich einstellen. Setzen Sie Ihre besten Arbeitstrupps zum Bau der Krematorien ein. Und wenn sie fertig sind, liquidieren Sie sie. Verstanden?“ – „Jawohl, Reichsführer, verstanden.“

„Ich befördere Sie zum Obersturmbannführer. Herzlichen Glückwunsch. Und nun muss ich los.“

Eine Woche später wird auch Ernst Klinger zum Untersturmführer befördert. Gleichzeitig bekommt seine Arbeitsgruppe einen neuen Auftrag. Sie trägt fortan eine neue Bezeichnung: Arbeitskommando, Krematorium II. !

Von Rolf von Ameln

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Von am 12/08/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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