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Beginn der Judenverfolgung im Reich der Nationalsozialisten: Abschiebungsorte. Folge 1

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, versuchten die „gleichgeschalteten“ deutschen Nazi-Behörden den Auswanderungsdruck auf die deutschen sowie die aus Österreich stammenden Juden ständig zu erhöhen. Indem das Hitler-Regime die Juden nicht nur vertreiben, sondern vorher mittellos machen wollten, indem sie Enteignungen vornahmen, und sich auch die ausländischen Regierungen zunehmend weigerten, jüdische Flüchtlinge – zumal ohne jegliche Mittel – in ihre Länder zu lassen, verbauten sie sich selbst die Ziele ihrer Realisierung zunehmend, und das erst recht mit dem Angriffskrieg auf Polen.

Reinhard Heydrich, ein hochrangiger SS-Offizier, schwenkte in dieser Situation sofort um: Anstatt der erzwungenen Auswanderung der Juden räumte er jetzt der Abschiebung an den äußersten Rand des Nazi-Machtbereiches absolute Priorität ein. Dies bedeutete jedoch, dass die Juden, – wie ausgeplündert und erniedrigt sie auch immer waren -, nun nicht mehr in das Hoheitsgebiet eines anderen Staates gelangen konnten, sondern vollkommen dem Zugriff „deutscher Maßnahmen“ ausgesetzt waren. Wenn auch nicht direkt, so redete Heydrich in der Richtlinie vom 21. September des Jahres 1939 klar und deutlich von der geplanten Bildung eines „Judenreservates!“

Schutzpolizei und SA überprüfen Ausweise von Juden, Berlin, Mitte April 1933. Foto: Archiv/RvAmeln.

Und er ordnete an, die Juden eines bestimmten Gebietes an der neuen südostpolnischen Grenze von der generellen „Konzentrierung“ deshalb auszunehmen, weil er zu dieser Zeit schon beabsichtigte, alle Juden, Sinti und Roma in einem „Judenstaat“ unter deutscher Zivilverwaltung bei Krakau zu deportieren. Am gleichen Tag konkretiesierte Heydrich dann auch vier Ziele: 1. Juden so schnell wie möglich in die Städte, 2. Juden aus dem Deutschen Reich nach Polen, 3. Die „restlichen“ Zigeuner – 30.000 an der Zahl – auch nach Polen, 4. Systematische Ausschickung der Juden aus den deutschen – vormals polnischen Gebieten – mit Güterzügen.

Bereits am 19. September 1939 hatten die Mitglieder des Ministerrates für Reichsverteidigung unter dem Vorsitz von Hermann Göring und im Beisein Heydrichs Pläne ausgearbeitet, die über den Inhalt der zweit Tage später schriftlich fixierten Richtlinien hinausgingen, aber das Missfallen des Militärs hervorgerufen hatten. Im Kurzprotokoll war die „Frage der Bevölkerung des zukünftigen polnischen Protektorat-Gebietes und die Unterbringung im Deutschen Reich lebender Juden“ festgehalten. Noch am gleichen Tag sprachen Heydrich und der Generalquartiermeister des Heeres, Eduard Wagner, über die Möglichkeit, alle Juden aus dem Reich in eine entlegene Ecke des zerstückelten Polens abzuschieben.

Doch bereits am 22. September 1939, also einen Tag nach Heydrichs „Richtlinien zur künftigen Judenpolitik“, verlangte der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, ausdrücklich, dass Verschiebungen von Bevölkerungsgruppen vorerst nicht durchgeführt werden sollten und künftig auch nicht von „zivilen Stellen“ wie der SS, sondern von „militärischer Seite gesteuert“ werden sollten. Im Angesicht des ihm bekannten Widerstandes des Militärs hatte Heydrich die schriftliche Erörterung seines Planes zurückgestellt, auch die deutschen, österreichischen und tschechischen Juden in eine südöstliche oder östliche Ecke des künftigen Generalgouvernements zu deportieren.

Um die Einwände des Walther von Brauchitsch zu unterlaufen, hatte Heydrich taktisch zwischen „Endziel“ und kurzfristigen, vorbereitenden Maßnahmen unterschieden und die „Konzentrierung der polnischen Juden“ als – vorläufige – Alternative zur „sofortigen Freimachung“ gelten lassen. Brauchitsch jedoch widersprach wieder, und am 1. Oktober 1939 revidierte Heinrich Himmler höchstpersönlich Heydrichs Anordnung vom 21. September. Demzufolge durften die SS-Einsatzgruppen vorerst „nur vorbereitende Maßnahmen“ zur Konzentrierung und Deportierung der Juden „auslösen“, mit allem weiteren mussten sie „bis zu einem späteren Zeitpunkt“ warten.

Der Übergang von der Militär- zur Zivilverwaltung im von den Deutschen besetzten Polen, offiziell am 26. Oktober 1939 besiegelt, bedeutete für die Juden nichts Gutes, denn dadurch gewann das „noch zivile“ Reichssicherheitshauptamt erheblichen Handlungsspielraum. In den Worten vom „Märchenerzähler“ Goebbels klang das so: „In Polen soll die Militärverwaltung möglichst schnell durch Zivilverwaltung abgelöst werden. Die Militärstellen sind zu weich und zu nachgiebig. Und bei den Polen wirkt nur die Gewalt.“

Mit Beginn des von Hitler angezettelten Krieges hatte sich die Judenpolitik also grundlegend verändert: An die Stelle der Zwangs-Emigration wurde die Politik der Deportation gesetzt; – genauer: der Pläne zur Deportation! Dies wiederum geschah nicht in erster Linie wegen der etwa 350.000 Juden, die zu dieser Zeit noch im „Großdeutschen Reich“ – einschließlich Protektorat – lebten, sondern insbesondere deshalb, weil mit jedem militärischen und wirtschaftlichen Expansionsschritt immer neue Juden in die Machtsphäre der Deutschen gerieten; – nicht mehr Hunderttausende, sondern Millionen. Zwischen dem September 1939 und 1941 erweiterten die Nazis ihren Herrschaftsbereich gleich viermal: Der Unterwerfung und Aufteilung Polens im September 1939 folgte, sieht man von der Besetzung Dänemarks und Norwegens, die Eroberung der Benelux-Staaten und Frankreichs im Frühsommer 1940, dann im Sommer 1940 die „friedliche Unterwerfung Südosteuropas als Wirtschaftsraum des deutschen Volkes“, – flankiert durch den Krieg gegen Jugoslawien und Griechenland im Frühjahr 1941 -, und schließlich der Krieg gegen die Sowjetunion, der vom Winter 1940/41 an konkret vorbereitet wurde!

Alle vier Expansionsschritte beeinflussten unmittelbar die Pläne zur Judenpolitik wie zur „ethnischen Bereinigung“. Die Einwohner der „besetzten Zonen“ sollten, soweit sie nicht zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, sich selbst überlassen bleiben. Ohne konkrete Verantwortung der Deutschen für den Lebensunterhalt, aber doch in dem von der Siegermacht bestimmten militärischen und polizeilichen Rahmen, sollten die Menschen dort unter miserablen Umständen ihr Leben fristen. Und zusätzlich wollten die Nazi-Politiker in jenen besetzten Zonen minderen Interesses „überzähliges, lästige und unerwünschte“ Menschen abschieben.

So vermerkte der frühere Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon am 19. Juli 1940 im schweizerischen Exil: „Frankreich sieht mit Schrecken und Befürchtungen das unbesetzte Gebiet, in dem sich Millionen Flüchtlinge und demobilisierte Soldaten nicht in ihre Heimat im besetzten Gebiet begeben können, durch eine <chinesische Mauer> abgeschlossen. Die Deutschen äußerten sich sehr ungerührt, dass Frankreich die Folgen seiner Sünden zu tragen habe, und erinnern an die französischen Härten im Hunger leidenden Deutschland nach dem (Ersten) Weltkrieg.“

Deportation französischer Juden mit der SNCF. Foto: Archiv

Konzeptionell war die Peripherie des „deutschen Imperiums“ immer auch als Abschiebeterritorium für Juden vorgesehen. In diesem Sinne war es auch folgerichtig, dass einige tausend Wiener und Stettiner Juden und mehrere zehntausend westpolnische Juden 1939/40 in das östliche Generalgouvernement abgeschoben, dass die badischen, saarpfälzischen, elsässischen und lothringischen Juden im Herbst des Jahres 1940 ins unbesetzte Frankreich deportiert wurden. Doch sowohl für das besetzte Polen als auch für den nicht besetzten Teil Frankreichs änderten die deutschen Nazi-Funktionäre dieses Konzept sehr rasch. Dies taten sie aus ökonomischen Gründen mit dem Ziel, auch diese Regionen für die deutsche Kriegswirtschaft nutzbar zu machen.

Aber so verringerten sie selbst die Möglichkeit zur Abschiebung und versuchten den Interessenkonflikt zunächst mit Hilfe immer ausgreifender Eroberungs- und Deportationspläne zu überwinden. Im Unterschied zu Auschwitz muss hier festgehalten werden: Jeder der deutschen Deportationspläne der Jahre 1939 bis 1941 schloss das Sterben Zehntausender, später Hunderttausender Menschen ein. Unter den „Planern“ der Deportationen herrschte ein breiter Konsens darüber, dass viele Juden im Zuge ihrer „Umsiedlung“, noch dazu unter dem Deckmantel des Krieges, durch Hunger, Zwangsarbeit, mangelhafte medizinische Versorgung; – wenn überhaupt und deutsche Polizeiherrschaft elend sterben sollten.

Die vollkommene materielle Entblößung, Wintertransporte zu Fuß oder in kalten und zugigen Güterwaggons, schließlich die Aussetzung in unkultivierten, unfruchtbaren Regionen sollten Menschenleben erklärtermaßen nicht schonen. Das wollten und forderten diejenigen völlig unverblümt die, welche die Deportationen vorbereiteten und in schnell konstituierten, schnell gebildeten „Arbeitsgruppen“ fortlaufend diskutierten. Am 20. November des Jahres 1939 vertrat SS-Brigadeführer Schmidt gelegentlich einer Inspektionsreise des stellvertretenden Generalgouverneurs Seyß-Inquart die Meinung, ein bestimmtes ostpolnisches Gebiet „eigne sich mit seinem stark sumpfigen Charakter“ als Judenreservat, weil man dort „womöglich eine starke Dezimierung der Juden herbeiführen könnte.“

Etwa zur gleichen Zeit bemerkte Reichsführer-SS Himmler über die polnischen Juden: „Es wird höchste Zeit, dass dieses Gesindel zusammengetrieben wird, in Ghettos, und dann schleppt Seuchen hinein und lasst sie krepieren.“

Am 25. November 1939 erklärte Hans Frank seinen Mitarbeitern in Radom, wie er sich den vorgesehenen „großen Konzentrationsraum“ vorstellte, den er „östlich der Weichsel“ sollte und damals noch wollte: „Der Winter wird ein harter Winter werden. Wenn es kein Brot gibt für Polen, soll man nicht mit Klagen kommen. Bei den Juden nicht viel Federlesen machen. Eine Freude, endlich einmal die jüdische Rasse körperlich angehen zu können. Je mehr sterben, umso besser..!“ Und im Dezember 1939 berichtete der Referent des Deutschen Auslands-Instituts, Eduard Könekamp, aus dem besetzen Polen an seine Kollegen in Stuttgart: „Viele Deutsche sehen wohl zum ersten Mal in ihrem Leben Juden in solchen Massen. Die Vernichtung dieses Untermenschentums läge im Interesse der ganzen Welt. Diese Vernichtung ist aber eines der schwierigsten Probleme. Mit Erschießung kommt man nicht durch. Auch kann man auf Frauen und Kinder nicht schießen lassen. Da und dort rechnet man mit Verlusten bei den Evakuierungstransporten, und auf dem Transport von 1000 Juden, der von Lublin aus in Marsch gesetzt wurde, seien 450 umgekommen. Sämtliche mit der Judenfrage befassten Stellen sind sich über die Unzulänglichkeit all dieser Maßnahmen im klaren. Doch eine Lösung des komplizierten Problems wurde noch nicht gefunden.“

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe der Israel Nachrichten

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 15/05/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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