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Pressemeldungen mit dramatischen Durchhalteparolen im Juli des Kriegsjahres 1943

Der Propagandaminister des „Tausendjährigen Reiches“, Joseph Goebbels, notiert im Sommer 1943 in sein Tagebuch:

„Ein Leben unter der Herrschaft unserer Feinde würde ich mit Freuden wegwerfen. Entweder wir werden dieser Krise Herr oder ich werde mir eine Kugel durch den Kopf schießen!“ Vorsorglich deponierte er in seinem Schreibtisch eine Pistole, Kaliber 6,35.

Berlins „Zwölf Uhr Blatt“, einst die liberale Boulevardkonkurrenz zur konservativen Konkurrenz „BZ am Mittag“ und mittlerweile kriegsbedingt mit dem ehemaligen Ullstein-Blatt zusammengelegt, lieferte seinen Lesern am 14. Juli 1943 noch einen Grund für das bevorstehende Desaster: „Die bisherigen Kämpfe auf Sizilien“ titelte die bis zu einer Auflage von 80.000 Exemplaren erscheinende Zeitung recht sachlich unter der Headline „Über 2000 Panzer“, welche die Sowjets um Kursk verloren hätten. Der Text zur alliierten Invasion auf Italiens größter Insel macht bei allem verbalen Säbelrasseln am Ende eines klar: Engländer und Amerikaner sind auf Sizilien zumindest teilweise erfolgreich gelandet und damit hat das Nazi-Reich eine weitere Front – eine, so konnte es sich der kritisch-kundige Leser jener Tage wohl ausmalen, die sich im Angesicht der Misserfolge der Truppen Mussolinis in Afrika und anderswo so schnell nicht erledigen würde. Das „Zwölf Uhr Blatt“ versteht sich auch in der Ausgabe des kommenden Tages, des 15. Juli, ganz als Sprachrohr der vom Reichspropagandaministerium herausgegebenen Parolen: „Donner und Blitz gegen Materialschlacht“ wird der Kursker Kriegsbericht eines Cornelius Pfeiffer überschrieben; – italienische Wehrmachtsberichte umrahmen die Beschwörung der „deutsch-italienischen Waffenbrüderschaft“; und der Tiger-Panzer der Wehrmacht wird zur unbesiegbaren Waffe hochgeschieben – dass die neueste Errungenschaft des legendären Generals Guderian zwar in der Tat dem russischen T 34 weit überlegen, aber mangels ausreichender Produktion am „Unternehmen Zitadelle“ kaum beteiligt ist, verschweigen die Macher des Blattes.

Noch einen Tag wird es dauern, dann muss Adolf Hitler die Offensive um Kursk abbrechen, wegen der alliierten Landung auf Sizilien, aber auch wegen einer weiteren sowjetischen Offensive im Raum Orel. Dass führende Vertreter der militärischen Spitze dieses Scheitern in den Monaten vor der großen Schlacht auch Hitler gegenüber vorausgesagt haben, erfährt kein Zeitungsleser im gleichgeschalteten Reich. Vor allem der hochdekorierte Panzergneral Guderian soll Hilter beschworen haben, nicht gemäß sowjetischer Erwartung mit starken Panzerkräften einen Frontalangriff auf die russischen Linien zu führen. Der gerade mit der Restruktuierung der deutschen Panzertruppen beauftragte General „alter Schule“ fürchtete besonders um die viel zu wenigen neuen „Tiger“ – zu Recht, wie sich zeigte. Gegen ihn argumentierte offenbar vor allem Feldmarschall von Kluge: Er soll die Produnktionsschwierigkeiten heruntergespielt und mit Verweis auf die besondere Kampfkraft des „Tigers“ an Hitlers Technikverliebtheit appelliert haben. Beide Spitzenmilitärs waren sich in herzlicher Abneigung verbunden und gerieten sich vor Hitler angeblich so in die Haare, dass es zu einer Duellforderung von Kluges an Guderian kam – mit der Bitte an den Führer, als Skundant zu fungieren!

Alltag im Nazi-Reich: Düsseldorfs „Mittag“ mit über zwanzigjährigen Tradition eines der bestimmenden Blätter am Rhein, leistete sich auch mitten im Krieg noch friedliche Seitenblicke der besonderen Art: In die „größte Oper der Welt“ nimmt der Pariser Korrespondent die Leser gleich mit. Eine durchaus spannende Reportage über Katakomben und Legenden des großartigen Garnier-Baues, wie sie wohl auch heute noch in jedem besseren Feulleton stehen könnte – inklusive einer ganz zeitlosen Erörterung des „Phantoms der Oper“. Auch sonst gibt es viel nationale Kulturberichterstattung im Blatt. Dass die größte Theateranzeige längst in die – unzerstörten – Kammerspiele Neuss einlädt, wo in jenem Sommer von Lizzi Waldmüller über Grethe Weiser bis zu Rudolf Platte nennenswerte Lustspielprominenz auftritt, wirkt dazu wie ein unfreiwillig höhnischer Kommentar: Soweit ist es mit den stolzen Düsseldorfern im vierten Kriegsjahr schon gekommen, dass sie in die nahe Provinz reisen müssen, um ihre Lieblingskomödianten auf heilen Bühnenbrettern erleben zu können. In der kulturverliebten Metropole am Rhein ist nach fast vier Jahren wiederkehrender Bombenangriffe und vor allem nach dem verheerenden Bombardement vom 1. August 1942 vom einst vielfältigen Leben nur noch wenig übrig.

Von soviel rheinischen „Leben und leben lassen“ hält das seit seiner Gründung im Jshre 1919 stets knallig und laut aufgemachte Berliner „Zwölf Uhr Blatt“ erkennbar nichts. Auch Kulturseiten sind hier Bekenntnisseiten im eindeutigen Nazi-Sinne. Ein „Dr. H.G.“ darf gleich in Serie über „Juden wie sie sind und leben“ herziehen – eine perfid pseudowissenschaftlich aufgemachte Textreihe, deren gewollte Schreibe aber kaum über die primitive Rassenideologie hinwegtäuscht, die ihr zugrunde liegt. (Hierüber wurde bereits gesondert berichtet, Anm.d.Verf.!) Kein Wort ist an diesem und auch nicht an anderen Tagen des Frühjahrs 1943 in den blättern des Reiches über die unsäglich brutale Niederwerfung der Aufstände in den jüdischen Ghettos vieler Städte Osteuropas zu finden. SS-Brigadeführer Jürgen Stroop meldet dazu Ende Mai lakonisch an seinen vorgesetzten General: „Der ehemalige Jüdische Wohnbezirk Warschaus besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20:15 Uhr beendet. Gesamtzahl der erfassten und nachweislich nernichteten Juden beträgt insgesamt 56.065. Meine Leute haben ihre Pflicht einwandfrei erfüllt. Ihr Kameradschaftsgeist war beispiellos.“

Aktionen vergleichbarer Brutalität folgen im Juni in Lemberg und Tschentschochau, im August in Bedzin, im September in Bialystok, om Oktober in Sobibor. Das „Zwölf Uhr Blatt“ hält es da lieber mit dem Alltag in der deutschen Kriegswirtschaft. Die Bilderserie um die junge Volksschauspielerin Martina Ried soll „beweisen“, dass sich auch die prominente Volksgenossin mit Pfennigbeträgen einen schönen Tag machen kann – ganz im Sinne der solidarischen Volksgemeinschaft. Und selbst das „Vermischte“ muss für platte Nazi-Ideologie herhalten. in der Rubrik „Die Spitze“ arbeiten sich „Zwölf Uhr“-Autoren regelrecht am schweren Genre der Glosse ab, nicht ohne dem Regime zu huldigen. Der Aufreger am 14. Juli: Stalin habe bei einem Bankett in Moskau dem jetzt als Major tätigen ehemaligen Präsidenten der Wall Street zugeprostet, was in der US-Presse kritisch vermerkt worden sei. Dabei belege das doch nur „die feierliche Vermählung von Bolschewismus und Kapitalismus“. Ach so!!

Kitten und Kleben: Wer in den Berliner Reklameseiten jenes vorletzten Kriegsjahres blättert, merkt rasch: Auch in der Reichshauptstadt ist das Kulturleben mittlerweile auf zwei Anzeigespalten zusammengeschmolzen. Hans Albers als kanonenreitender Baron Münchhausen dominiert die Lichtspielhäuser, die Staatsoper Unter den Linden bleibt geschlossen, die am Königsplatz spielt nur für Wehrmachtsangehörige „Madam Butterfly“. Eine Spalte weiter haben die Werber eines Klebstoff-Produzenten die Zeichen der Zeit erkannt: „Gestern noch Scherben, heute wieder brauchbar. So retten wir viele, zurzeit schwer ersetzbare Dinge durch Kitten und Kleben“, wird ganz unverblümt für den Alleskleber Uhu geworben. Goebbels hatte da schon verstanden, dass Vieles wohl nicht mehr zu reparieren sein würde: Ein „leichtes Gruseln“ befalle ihn, vertraute der Reichspropagandaminister in jenem Sommer 1943 seinem Tagebuch an. Die Ursache: ein Blick auf die Weltkarte und der Vergleich, „was wir im vorigen Jahr um diese Zeit noch in unserem Besitz hatten und bis wohin wir jetzt zurückgeworfen sind.“

Ob die Pistole, Kaliber 6,35, die Hitlers oberster Propagandalügner seit jenem Sommer verwahrte, bei seinem Selbstmord am 1. Mai 1945 vor dem Bunker der zerstörten Reichskanzlei in Berlin zum Einsatz kam, ist ungeklärt. Sicher ist nur, dass Goebbels und seine Frau Magda Zyankali-Kapseln schluckten – mit solchen hatte die geborene Quandt vorher bereits die gemeinsamen Kinder Helga, Hilde, Helmut, Holde, Hedda und Heide getötet.

Von Rolf von Ameln

 

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Von am 17/09/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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