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„Das Andere Deutschland“ aus Buenos Aires berichtet im Oktober 1940:

Kriegsphasen, Kriegsfronten und Kriegsziele (Kommunistische Gegenpropagande, die nachdenklich stimmen musste.)

Die Kämpfe in Afrika und der japanische Vormarsch in Indochina, das Militärbündnis zwischen Nazi-Deutschland, Italien und Japan und die Brennerzusammenkunft bedeuten den Beginn der vierten Phase des gegenwärtigen Weltkrieges.Die erste Phase fällt zusammen mit dem politischen Aufstieg Hitlerdeutschlands. Er erfolgte mit Unterstützung Englands und der Duldung Frankreichs. Hitler konnte in ihr eine Reihe unblutiger Siege erringen: Saargebiet, Rheinlandentmilitarisierung, Oesterreich, Memel, Tschechoslowakei. Auch gegen Mussolinis Überfall auf Abessinien wurden nur halbe und unwirksame Massnahmen ergriffen. Das republikanische Spanien wurde dem Faschismus ausgeliefert. Im Abessinien- und Spanienkrieg konnten die faschistischen Mächte unter Duldung der westlichen Demokratien die militärischen Generalproben für die künftigen Eroberungskriege vornehmen. Die erste Kriegsphase offenbarte mit ungeheurer Eindringlichkeit die Unfähigkeit der heutigen kapitalistischen Welt, der heranbrandenden faschistischen Schlammflut einen Damm entgegenzustellen. Die Reaktion der ganzen Welt, nicht zuletzt die herrschenden Klassen in England und Frankreich, hatte viel zu tiefe Sympathien für die faschistischen Unterdrücker der Arbeiterbewegung. Will man nicht in schweren Irrtum und haltlose Illusionen verfallen, so darf man nie vergessen, dass Mussolini und Hitler nur mit Hilfe der führenden kapitalistischen Schichten Italiens und Deutschlands ihre blutige Diktatur aufrichten, und dass sie nur mit Hilfe der City und der Zweihundert Familien total aufrüsten und ihre aussenpolitischen Erfolge erringen konnten.

Auch als man in Paris und London merkte, dass die Krämerpolitik, die ohne eigene Opfer den gefährlich gewordenen Hitler gegen Sowjetrussland treiben wollte, sich gegen ihre dummpfiffigen Urheber zu wenden drohte, rüstete man nur mit halbem Herzen und kaum mit halber Kraft. Weil Russland immer wieder den Zusammenschluss Europas gegen den drohenden faschistischen Angriff gefordert hatte, glaubte man, Russland ohne bindende eigene Verpflichtungen und Zugeständnisse als Bundesgenosse gewinnen zu können, um ihm dann die Hauptlast des Krieges zuzuschieben. Wiederum täuschte man sich, und soschlitterten England und Frankreich unvorbereitet und widerstrebend in den Krieg hinein, als Hitler mit russischer Rückendeckung Polen angriff.

Damit begann die zweite Phase des Weltkriegs, die Hitler eine Reihe sensationeller Erfolge brachte: Polen, Dänemark und Norwegen; Holland, Belgien und Frankreich; die Vorherrrschaft in Europa. Diese Erfolge musste Hitler dadurch erkaufen, dass er Russland einen Teil Polens, die Baltikumsstaaten, die finnischen Grenzgebiete, Bessarabien und die Bukowina überliess. Andererseits wurde duch die Einbeziehung Ungarns und Rumäniens in die deutsche Machtsphäre die deutsche Vorherrschaft auf dem Balkan ausgedehnt. Italien spielte in dieser zweiten Phase eine durchaus untergeordnete Rolle. Zehn Monate Krieg haben ausgereicht, um Hitler mit relativ geringen Opfern zum Beherrscher Europas zu machen in mindestens dem gleichen Umfang wie Frankreich und Napoleon I. sie seinerzeit in fast doppelt so vielen Jahren erreicht haben.

Napoleon kämpfte mit den neuen Waffen des revolutionären Frankreich gegen die überaltete Welt des europäischen Feudalismus und Absolutismus. Hitler und Mussolini sind nicht die Vertreter einer neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung, ihre Stärke liegt nur in der Anwendung aller technischen und organisatorischen Möglichkeiten des Monokapitalismus zu Zwecken der Gewalt, des Krieges, der Eroberung. Sie können zerstören, nicht aufbauen. Sie haben siegen können, weil das nicht faschistische kapitalistische Europa ebenso morsch war wie das feudal absolutistische Europa, mit dem Napoleon es zu tun hatte. napoleon hatte das absolutistische Europa niederwerfen können, aber er wurde mit seinem unentwegtesten Gegner, dem bürgerlichen England, nicht fertig, und zugleich blieb Russland der präsumptive künftige Gegner. Beide vereint besiegten dann im Bunde mit der nationalen Freiheitsbewegung Napoleon.

Hitlers Situation war nach der Zerschmetterung Frankreichs die gleiche. England blieb noch zu besiegen, und Russland war der mögliche künftige Feind. Die Niederlage Englands sollte die dritte Phase des Krieges sein, die man auf ein paar Monate bemass. Ob Russland dann das vierte oder erst die fünfte Phase der Hitlerschen Welteroberungspläne gewesen wäre, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber die Rechnung Hitlers, die bisher so glatt aufgegangen war, stimmte in der dritten Phase des Krieges nicht mehr. Wiederum wurde England durch seine Insellage gerettet. Die Invasion ist bisher nicht gelungen. Dass man auch in Berlin über den Erfolg der Luftangriffe skeptisch ist, ergibt sich aus den jüngsten Ereignissen, von denen wir eingangs sagten, dass mit ihnen die vierte Phase des Weltkrieges beginnt. Unter stärkerem Hervortreten Italiens soll jetzt der Angriff auf das englische Imperium gerichtet werden.

Man will den Engländern Gibraltar und Suez entreissen, Afrika erobern, die Verbindunswege nach Indien und Amerika bedrohen. Das Bündnis mit Japan, das diesem freie Hand in Asien gibt, richtet sich gegen die englischen Positionen in Asien und ist zugleich eine Warnung an USA und UDSSR. Der Eintritt in diese vierte Phase zeigt, dass es sich heute um weit mehr handelt als beim vorigen Weltkrieg, nämlich um den Versuch Hitlerdeutschlands, im Bunde mit Italien und Japan die Welt aufzuteilen. Es geht abber nicht nur um die politische Neuaufteilung der Welt, sondern auch um ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuordnung. Dadurch wird die gegenwärtige Auseinandersetzung nicht nur weit umfassender, sondern auch weit komplizierter und tiefgehender, als alles, was es bisher in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gegeben hat.

Zur Zeit scheinen die Fronten sich ziemlich klar abzuzeichnen: 1. die faschistischen Angreifer und Eroberungsstaaten; 2. das englische Imperium und USA; 3. Sowjetrussland. Nur zwei dieser Fronten stehen zur Zeit nicht im Kampf, wobei es nicht entscheidend ist, dass USA den Krieg noch nicht militärisch führen kann, weil es dazu noch nicht gerüstet ist. Die Angreiferstaaten sind die bei der bisherigen Weltverteilung zu kurz gekommenen Grossmächte. Sie haben alle ihre Kräfte auf Gewalt und Eroberung konzentriert. Sie verwirklichen damit die Voraussage Oswald Spenglers – eines Anwalts des Kapitalismus! – dass der in die Phase der Vergreisung eingetretene Kapitalismus nichts Neues, Schöpferisches mehr hervorbringen könne, dass es sich heute nur noch um die Kategorie der Quantität, um Machtvergrösserung handele.

Wofür kämpfen die angelsächsischen Mächte? Beide sind kapitalistische, beide imperialistische Mächte. Ihr Kampf geht zunächst um die Behauptung ihrer Machtposition. Man hat ja früher in England immer wieder seine grundsätzliche und ideologische Gegnerschaft zum Faschismus abgestritten, und heute ist Chamberlain zwar gegangen, aber noch immer sitzt Lord Simon im Kabinett, und man schickt Lord Runciman, den Erwürger der Tschechoslowakei und prominenten Helfershelfer Hitlers in ehrenvoller Mission nach Argentinien. Die USA-Demokratie aber hat mit Pinkertons, Klassenjustis usw. ausgezeichnet gegen die Massen des arbeitenden Volkes funktioniert, und die Quinta Columna – Ford und Konsorten – ist in USA wahrscheinlich noch stärker als in England. Kann jemand glauben, dass diese Kreise heute ernsthaft gegen den Faschismus kämpfen wollen? Solange sie massgebenden Einfluss besitzen, ist der Krieg nicht zu gewinnen.

Nun sind Churchill und Roosevelt zweifellos unbedingte Gegner der faschistischen Diktaturen. Aber das genügt nicht. Auf die Dauer werden die Massen nicht für die Aufrechterhaltung einer Wirtschaftsordnung kämpfen, die ihnen in steigendem Masse Arbeitslosigkeit und Not gebracht hat. Das erkennen auch Churchill und Roosevelt, wenn sie von der Notwendigkeit der Welt gesprochen haben. Aber ihre Worte bleiben vage und vieldeutig. Es gilt statt ihrer konkrete Ziele zu zeigen, um die Massen vorwärtszureissen. Denn wie der Krieg Frankreichs gegen den Angriff des absolutistischen Europa nur revolutionär unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“, unter dem Ruf „Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“, siegreich geführt werden konnte, so wird auch dieser Krieg nur als revolutionärer Krieg für eine Neuordnung der Welt die Massen begeistern und den Faschismus endgültig vernichten können.

Welche positive Rolle die dritte heute sichtbare Front, Sowjetrussland, dabei spielen wird, sei dahin gestellt. Die bisherige russische Kriegspolitik hat – sei es aus welchen Gründen – die faschistischen Aggressoren gefördert. Andererseits ist sicher, dass Deutschland und Japan als Nachbarn Russlands nach einem Siege Russland mit Vernichtung bedrohen würden. Das Ziel der so viel umstrittenen russischen Politik geht dahin, sich so lange wie möglich aus dem Krieg heraus zu halten, damit die anderen sich schwächen. Die Bewertung dieser Politik und der gesamten Funktion Russlands hängt davon ab, wie man einerseits über Sowjetrussland und wie man andererseits über das Stalinregime urteilt. Je länger der Krieg dauert, umso wahrscheinlicher wird es jedenfalls, dass Russland noch eine ausschlaggebende Rolle spielen wird. Mindestens ebenso wichtig wird es aber sein, ob, wann und in welchem Umfange die latent vohandene vierte Front in die Auseinandersetzung eingreift.

Diese vierte Front geht durch alle Länder. Sie besteht in Deutschland und Italien und im unterjochten Europa, ebenso wie in England und in USA. Zu ihr gehören alle, die nicht nur den Faschismus hassen, sondern die auch wissen, dass man, wenn man ihn endgültig vernichten will, seine Ursachen beseitigen muss, den unkontrollierten, die Völker und die Welt beherrschenden, aber keine Existenz und keine Sicherheit gewährenden Monopolkapitalismus. Es ist die Front derjenigen, die wissen, dass die Entscheidungen, um die es geht, andere sind, als der Sieg dieser oder jener Partei, die sich nichts versprechen von einem englischen Frieden und von einer angelsächsischen Weltherrschaft, die überzeugt sind, dass dieser Krieg die Katastrophe einer morschen Welt ist, und dass an seinem Ende der Aufbau einer neuen Wirtschaft- und Gesellschaftsordnung stehen muss.

Es ist die Front derer, die aber zugleich der Ueberzeugung isnd, dass nicht die Methoden des Stalinismus in diese neue Welt der Gerechtigkeit und Menschlichkeit führen können. Diese vierte Front – heut enur latent vorhanden – ist stärker, als es den Anschein hat. Es gilt, sie zu mobilisieren, damit der Krieg in seiner Endphase sein wahres, revolutionäres Gesicht erhält. Nur so wird der ihm folgende Friede nicht der Ausgangspunkt für neue Kriege und Katastrophen sein, nur so wird es die Menschheit sein, die den Krieg gewinnt.

Als Chefredakteur dieses linken Blattes war zu dieser Zeit August Siemsen tätig, sozialdemokratischer Politiker und Pädagoge, der in der Weimarer Republik ab 1930 Abgeordneter für die SPD war. 1933 floh er über die Schweiz nach Argentinien. Dort arbeitet er als Lehrer an der Pstalozzi-Schule und gab „Das Andere Deutschland“ heraus. Er kehrte im Jahre 1952 in die Bundesrepublik zurück, ging jedoch 1955 aus Protest gegen Adenauer in die DDR, wo er der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) beitrat, obgleich sich da bereits abzeichnete, dass dort eine neue Diktatur entsteht.
Und: Obgleich er 1940 bereits über die Judenverfolgungen der Nazis Kenntnis hatt, wurde in seiner Ausgabe vom Oktober 1940 kein Wort der Anklage oder des Bedauerns gefunden. Argentinien hat, und das wusste er auch im SED-Staat, viele ehemalige hohe Nazis über die „Rattenlinie“ einreisen lassen und geschützt; – siehe Adolf Eichmann.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 22/10/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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