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Zeitgeschichte in den „IN“: Das „Mutterkreuz“ – Rassistischer Orden der Nazi-Bevölkerungspolitik

Die „deutsche Mutter“ hatte in der Ideologie der Nazis eine zentrale Stellung: Sie gab das „deutsche Blut“ an die nächsten Generationen weiter und schenkte dem „Führer“ Nachwuchs für kommende Kriege. Wer im Reich mindestens vier Kinder zur Welt brachte und ein diskriminierendes „Ausleseverfahren“ bestand, wurde mit dem begehrten „Mutterkreuz“ ausgezeichnet.

Mutterkreuz. Foto: Archiv

Mutterkreuz. Foto: Archiv

Das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ – kurz „Mutterkreuz – wurde im Dezember des Jahres 1938 von Hitler eingeführt und an „arische Frauen“ mit mindestens vier Kindern verliehen. Noch perfider war der Anlass zur Verleihung: Für vier Kinder gab es das Mutterkreuz in Bronze, für sechs in silber und für acht in Gold! In offiziellen „Mütterehrungsfeiern“, meist an den Muttertagen, wurden die „Deutschen Mütter“ in Sprechchören, Thingspielen und Gesängen kultisch verehrt, als Höhepunkt der Feiern vergaben Nazi-Funktionäre in Uniform die Mutterkreuze. Den Verleihungen ging ein „Ausleseverfahren“ voraus, das eigentlich ein Ausschließungsverfahren für vom Nationalsozialismus verfolgte Menschen war. Alle Mütter, deren Kinder nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 nicht „arisch“ waren, wurden vom Mutterkreuz ausgeschlossen.

Dies betraf auch Mütter, die „als nicht würdig“ galten oder deren Kinder als nicht „erbgesund“ eingestuft wurden. En reichte zur Diskriminierung, wenn ein Kind die damalige Hilfsschule besuchte oder die Mutter angeblich keinen ordentlichen Haushalt führte und manchmal auch, wenn die Familie als oppositionell bekannt war. Auch ein uneheliches Kind wurde meist negativ gewertet. Es gab sogar Fälle, in denen Mütter wegen „konstitutioneller Minderwertigkeit“ das Mutterkreuz verweigert wurde, wenn mehrere Kinder schon im Kleinkindalter gestorben waren. Um die „Würdigkeit“ der Frauen festzustellen, musste für jede Frau ein Antragsformular bei mehreren Behörden eingereicht werden, unter anderem beim Gesundheits- und Wohlfahrtsamt, bei der Polizei und bei verschiedenen Parteistellen.

Zertifikat zum Mutterkreuz. Foto: Archiv

Zertifikat zum Mutterkreuz. Foto: Archiv

Manchmal wurden in den Akten bereits vorhandene negative Abstempelungen übertragen, beispielsweise war ein Stempel „erbkrank“ in Gebrauch, zum Teil wurden aber auch extra neue Nachforschungen durchgeführt, etwa eine Befragung von Lehrern der Kinder oder von Nachbarn. Durch das „Ausleseverfahren“ für das Mutterkreuz wurden systematisch alle „arischen“ Familien mit mindestens vier Kindern erfasst. Bei 95 Prozent der Anträge gab es keine Probleme – die Frauen mussten nur ihre Unterschrift unter den Antrag setzen und bemerkten vom Überprüfungsvorgang nichts. Der Antrag war so formuliert, dass eigentlich nur die „Deutschblütigkeit“ der Familie, also ihr Nicht-Jüdischsein, bestätigt werden musste. Deshalb gab es nur wenige Fälle, in denen es Frauen ablehnten, das Formular zu unterschreiben.

Etwas häufiger wird es jedoch vorgekommen sein, dass Mütter eine Ausrede vorschoben und nicht zur Verleihungsfeier erschienen. Manchmal wurde das Mutterkreuz auch wieder entzogen, beispielsweise wenn eine Mutter den Orden nicht „würdig“ behandelte oder sich kritisch darüber äußerte und denunziert wurde. Fand eine Behörde anlässlich des Verfahrens etwas aus ihrer Sicht Negatives über die Familie heraus, so konnte das den Kindergeldentzug oder weitere Diskrimninierung nach sich ziehen. Bei der Mehrheit der Bevölkerung war das Mutterkreuz sehr begehrt und wurde als eine Auszeichnung durch den Staat oder durch Hitler empfunden. Die geheimen SD-Berichte der SS stellten 1943 eine hohe Akzeptanz des Mutterkreuzes bei der Bevölkerung fest. Bemängelt wurde allenfalls, dass die Auslese manchmal nicht streng genug sei.

Erhalten gebliebene Bittbriefe von Frauen, die mindestens vier Kinder hatten, aber – oft nur aus organisatorischen Gründen – auf das Mutterkreuz warten mussten, belegen das hohe Ansehen der Auszeichnung, aber manchmal auch die Sorge, in Familie und Nachbarschaft als „unwürdig“ zu gelten. Das EKM, wie man das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ in Anlehnung an das EK1 aus dem Ersten Weltkrieg manchmal nannte, sollte ähnlich wie ein militärischer Orden wirken, die Hitlerjugend sollte auf den Straßen eine Mutter mit Ehrenkreuzabzeichen grüßen wie Soldaten ihnen höher gestellte Militärpersonen. Die Mutterkreuzträgerinnen sollten in der Straßenbahn und bei Behörden die gleichen Vorrechte haben wie Kriegsinvaliden und in Geschäften bevorzugt behandelt werden.

Natürlich wurden in aller Heimlichkeit auch Witze über den „Kaninchenorden“ gemacht, die vor allem auf die den vielen Geburten vorausgegangenen Zeugungsakte und die Funktion der Männer hierbei anspielten. Rund fünf Millionen Mal wurde das Mutterkreuz bis Oktober 1941 verliehen, zunächst an die älteren Jahrgänge, später an die jüngeren Frauen. Die Verleihungen wurden im Unterschied zu fast allen anderen zivilen Orden als Auszeichnung im „Geburtenkrieg“ verstanden, wobei zum „Geburtenkrieg“ auch die „Ausmerzung“ der „Rassenfeinde“ gehörte. Da die quasireligiösen und gleichzeitig rassistischen Ewigkeitsvorstellungen des Nazi-Regimes verbunden waren mit der Weitergabe des „deutschen Blutes“ an die nächsten Generationen, hatte die „deutsche“ Mutter eine zentrale Stellung innerhalb der NS-Ideologie. In den „Mütterehrungsfeiern“ wurde sie als „heilig“, „Gott“ und „Muttergottes“ verehrt.

Das Bild der Frau im NS-Staat. Foto: Archiv

Das Bild der Frau im NS-Staat. Foto: Archiv

Der Kult um die „deutsche Mutter“ schonte andere Mütter nicht, im Gegenteil: Nach Berichten von Überlebenden wurden in den Vernichtungslagern jüdische Mütter mit kleinen Kindern sofort in die Gaskammern geschickt, sie bekamen keine Überlebenschance. Bei den Selektionen bedeutete für jüdische Mütter ein Kind den Tod. Die rassistische Ideologie Nazi-Staates dominierte den Mutterkult, der nationalsozialistische Mutterkult ist selbst rassistisch zu nennen. Die wachsende Zahl gefallener Soldaten im Verlaufe des Krieges machte die Ehrung der Mütter, die ihre Söhne verloren hatten, problematisch. Ab dem Jahre 1942 übernahm das Ministerium für Propaganda die zentrale Regie der Muttertagsfeiern. Die Frauen sollten sich gestärkt fühlen und keine klagenden Briefe an die Front schicken. Sie wurden auch immer wieder aufgefordert, trotz Bombennächten weiter Kinder zu bekommen.

Die Nazi-Machthaber sorgten sich um den fehlenden Nachwuchs für zukünftige Kriege, denn die Geburtenrate war stark gesunken und sie spekulierten im Jahre 1944 bereits im Geheimen darüber, wer anstelle der gefallenen Soldaten mit den „deutschen“ Frauen Kinder zeugen sollten, wenn nach dem Krieg viele Frauen Witwen sein würden. Ab dem Muttertag des Jahres 1943 wurden bei den Feiern neben den „Mutterkreuzmüttern“ auch die Frauen geehrt, die Mann oder Sohn im Krieg oder Kinder bei Bombenangriffen der Alliierten verloren hatten. Die Frauen, die gerade ein Kind bekommen hatten und dadurch einen Anspruch auf den Orden oder eine Höherstufung zu Silber oder Gold hatten, wurden immer weniger, die trauernden Mütter immer mehr. Der Muttertag wurde für viele Frauen zum Trauertag, wie auch der Geburtstag der toten Kinder.

Deshalb legte das Propagandaministerium Wert darauf, dass der Muttertag einen „besinnlich-frohen“ Charakter behielt und nicht zu einer Trauerfeier wurde. Die Frauen hatten bei den „Mütterehrungsfeiern“ zwar jahrelang Liedern, Sprechchorstücken und Reden zugehört, in denen das Opfern von Sohn oder Mann für Deutschland als ihre größte Heldentat gefeiert wurde, aber wohl nur wenige erahnten, dass derlei Opfer schon bald zur Normalität des Krieges gehören würden. Der Ehrenplatz im Nazi-Himmel sollte jedoch auch Frauen sicher sein, die das Mutterkreuz nur deshalb nicht in Empfang nehmen konnten, weil sie bereits unter Trümmern lagen: Und für den Muttertag 1945 wurde geplant, das Mutterkreuz auch an bereits tote Mütter zu verleihen.

Sollte hier der geneigte Leser noch Fragen haben? Ich habe keine.

Von Rolf von Ameln

Von am 10/07/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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