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Was die „Frauenwelt“ am 17. Januar 1937 der weiblichen Leserschaft aus dem Exil mitteilte

Die Titelseite beginnt mit „Möglichst nur mit heiteren Gedanken….“ Eine Frau schreibt uns:

Es ist noch gar nicht lange her, als ich in den Zeitungen vom Fall eines Emigrantenehepaares las, das monatelang von der Gestapo noch im Auslande verfolgt wurde. Im Augenblick, als dieses Ehepaar den Schiffsboden betrat, um nach Uebersee zu flüchten, wurde der Mann unter irgendeinem Vorwande verhaftet. Die Frau hatte, wie es in der Notiz hieß, drei Wochen zuvor ihr erstes Kind geboren. Namen und genauere Umstände dieses tragischen Lebens sind mir entfallen. Ein Schicksal neben vielen, habe ich gedacht, als ich den Fall in der Presse damals las, eine Frau von vielen, gehetzt, gejagt, verfolgt während der Schwangerschaft, des Mannes beraubt, kurz nach der Geburt des ersten Kindes… Und die Trauer senkte sich in meine Gedanken, Trauer über eine Welt und eine Zeit, da solches Unrecht möglich ist.

„Frauenwelt“ vom 17. Januar 1937; – erschienen als Wochenschrift in Prag. Foto: Archiv/RvAmeln

Ich habe diesen Fall nicht vergessen gehabt, ich habe ihn nur eingereiht in die vielen grausamen Zeiterlebnisse, von denen man Tag für Tag aus den Zeitungen oder aus seinem nächsten Leben hört. Ganz kraß und klar beleuchtet stand er dieser Tage wieder vor mir, als ich zufällig eine Frauenzeitschrift in die Hände bekam und einen Artikel las, in dem von den Vorbereitungen gesprochen wird, die eine „werdende Mutter zu treffen hat, damit ihr Kind in bestmöglicher Weise vom Licht der Welt“ empfangen und von liebenden Händen umpflegt und umsorgt werde. Eine Babywaage, eine Badewanne und ein Kinderwagen – möglichst natürlich zwei, einer für das Haus und einer für die Straße – spielten die Hauptrolle in diesem Aufsatz.

Die Anzahl der Windeln, der Jäckchen und Hemden, der Strampelhöschen und Gummiunterlagen wurde genauestens bestimmt, die Beschaffenheit des Kinderbettes ausführlich dargestellt. Alles nützliche und im Grunde gute Winke für die Frau, die ein Kind erwartet, das erste Kind, dem sie etwas unbeholfen gegenübersteht. Alles Dinge, die ein Kindchen braucht, die jeder neue kleine Erdenbürger habe sollte … aber in den meisten Fällen doch nicht hat – wenigstens in dieser Reichhaltigkeit, in dieser Anzahl nicht,, wenn nicht gerade die tätige Kameradschaft unter den Frauen dazu hilft, daß in einer armen Familie ein Kinderwagen, eine Babywaage und eine den Anforderungen entsprechende Menge an Kleidungsstücken vorhanden ist.

Was mich an diesem Artikel wirklich innerlich erregte, war aber etwas ganz anderes. Und eigentlich ist es etwas so oft Gehörtes und immer wieder allen werdenden Müttern Gepredigten, daß man finden könnte, die Aufregung darum sei unnatürlich. Nun, ganz so unnatürlich ist sie nicht. Ich las: „Es gilt, sich auch geistig auf das Kommen des Kindes einzustellen, sich innerlich zu freuen und die Zeit der Erwartung möglichst nur mit heiteren Gedanken auszufüllen. Vor allem sollte die junge Mutter in dieser Zeit keine aufreizenden Vergnügungen besuchen, für ausreichenden Schlaf sorgen und sich möglichst nur mit lichten, heiteren Dingen beschäftigen“. Fast hätte ich über diese schon so oft gehörten Worte gedankenlos hinweg gelesen, wenn nicht mit einem Male das Bild der Emigrantenfrau mit ihrem kleinen Kinde vor meinen Augen gestanden hätte.

Gehetzt und gejagt in der schönsten und reifsten Zeit, die einer Frau beschieden ist, war es ihr wie so vielen tausend anderen schwerlich möglich, alles Drückende und Gefahrvolle ihres Lebens ihrem kleinen, werdenden Kinde zuliebe von sich abzuwälzen. Wie viele Nächte wird sie schlaflos gelegen haben in einer Zeit, die sie „möglichst nur mit heiteren Gedanken“ verbringen sollte. Und wenn sie sich „geistig“ auf das Kommen ihres Kinde eingestellt hat, wird sie sich nicht gefragt haben, was ein neuer, unschuldiger Mensch wohl für einen Sinn habe in dieser brennenden Welt, in einer Welt, da die Mütter vertrieben und verfolgt werden, in einer Welt des Mordens, des wohl kommenden Krieges..?

Auf Seite drei schreibt man über „Sittlichkeit“ und „Ehre“: Vor kurzem hat eine französische Fliegerin, Frau Schmeder, ihrem Geliebten, Pierre Lallemant, durch einen Schuß in den Rücken verletzt, als er sie über Paris spazieren flog. Frau Schmeder war verzweifelt: Sie liebte Lallemant und hatte das Scheidungsverfahren gegen ihren Mann eingeleitet, in der Hoffnung, später den Geliebten heiraten zu können. Aber Lallemant nahm ihr diese Hoffnung: denn er ist ein frommer Mann und hat Moral- und Ehrbegriffe. Herr Chapellut, Frau Schmeders Bruder, sagt darüber: „Er (Lallemant) teilte uns mit, daß er mir keiner anderen Frau verlobt sei und niemand als meine Schwester liebe, und daß er sie gerne geheiratet hätte, aber er gehöre zu einer Familie, die sehr strenge Ehrbegriffe habe. Auch er selbst würde sein Leben nie mit einer geschiedenen Frau verbinden wollen.“

„Frauenwelt“ vom 17. Januar 1937; – erschienen als Wochenschrift in Prag. Foto: Archiv/RvAmeln

Die Ehrbegriffe der Familie Lallemant, so erfährt man noch, kommen daher, daß diese Familie sehr fromm ist. Diese Ehrbegriffe lassen sich, was den erzählten Fall betrifft, so zusammenfassen: Man darf eine Geliebte haben; man darf auch eine verheiratete Frau zur Geliebten haben; aber man darf die verheiratet Frau, die man zur Geliebten hat, nicht heiraten, wenn sie einem zuliebe die bisherige Existenz, die ganze bisherige Lebensgrundlage aufgegeben hat. Sie zu verführen, ist sittlich und ehrenvoll; sie zu heiraten dagegen ist unsittlich und entehrend.

Und weiter geht es mit einem Beitrag: „Tragische Erde“. Hier geht es um ein Grubenunglück, welches sich am 3. Januar 1934 in dem Ort Ossek ereignet hatte. 142 Bergleute fielen einer Grubenexplosion zum Opfer.

Von einer Exilzeitung für Frauen, die gegen den Nationalsozialismus anschreibt, darf man auf den ersten Blick mehr erwarten, als die Ausgabe der Wochenzeitung „Frauenwelt“ bietet. Die Aufmachung ist schon das einzige regimekritische, doch auch diese wurde aus der Warte des klassischen Rollenbildes der Hausfrau und Mutter geschrieben. Nur der Titelbeitrag war der einzige deutliche Hinweis darauf, dass es in der Lebenswelt der Leserrinnen schwerwiegende Ängste, Zweifel und Nöte gab.

Wie von einem anderen Stern wirken die Ratgeber zur „Hautpflege im Winter“, Rezepte für „Schokoladenspeisen“, Fortsetztungsromane und anderes. So hat aber dennoch die „Frauenwelt“ damals ihren Leserkreis gefunden, denn wer sich im Deutschland der scheiternden Weimarer Republik schon nicht für Politisches interessierte, wird im Exil wohl auch nicht zur aktiven Oppositionellen, sondern klammert sich lieber an die kleinen Dinge des Lebens, die man noch in der Hand hat. Sehr subtil wird der Widerstand gegen das Nazi-Regime auf Seite elf, wo das Gedicht „Sei still“ abgedruckt ist, und das zum guten Schluss folgt. Die „Frauenwelt“ erschien von 1934 bis 1938 im Verlag „Graphia“ in Karlsbad, einer Partei-Druckerei der sudetendeutschen Sozialdemokraten, in der auch die Zeitschrift „Neuer Vorwärts“ und weitere rund 50 Exilzeitungen und Zeitschriften der „Sopade“ erschienen. Enden wir für 2016 mit einem Gedicht, das von einem gewissen E. Künast veröffentlicht wurde:

„Sei still“

Sei still, auch das geht vorüber –
Die Tage blickten schon trüber!
Und doch kam die Sonne, kam wieder Licht!
Sei still, so schnell bricht eine Herze nicht!

Einst kommen Stunden,
Da wirst Du sagen: Ich habe verwunden!

Leben ist ewig trostlose Nacht,
Wenn Dich der Kummer zum Sklaven macht.

Verschließe Dich nicht in dumpfer Qual –
Sieh, winterlich schön prangt das Tal.

Wirf von Dir die drückenden Sorgen
Erwarte voll Hoffnung den kommenden Morgen.

Millionen Frauen und Kinder jüdischen Glaubens haben den „kommenden Morgen“ nie erlebt. Den sechs Millionen, von den Nazis umgebrachten Juden wollen wir zum Jahreswechsel gedenken.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 30/12/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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