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Die Pariser Tageszeitung berichtet: Der Anschlag auf den Dampfer ‚Paris‘ und eine Ballade

In der Ausgabe von Donnerstag, 20. April 1939 schreibt die „Pariser Tageszeitung“ über den Anschlag auf den Dampfer „Paris“: Zwei Todesopfer – Kunstschätze und Aeroplane gerettet – Eine Verhaftung.

Eines der stolzesten Schiffe der französischen Handelsmarine, der drittgrößte von Frankreichs Überseedampfern „Paris“, ist in der Nacht zum Mittwoch im Hafen von Le Havre ein Raub der Flammen geworden. Die Ursache der Katastrophe ist zwar noch nicht völlig aufgeklärt, doch steht fest, dass dieses gigantische Fahrzeug, das schon zweimal die Zielscheibe verbrecherischer Anschläge war, nun auch einem solchen Attentat zum Opfer gefallen ist. Der Anschlag ist nicht unerwartet gekommen. Die Umstände, die es trotzdem ermöglichten, „Paris“ zu vernichten, müssen noch aufgeklärt werden. Wie das Unglück geschah: Die „Paris“ sollte gestern nachmittags um zwei Uhr von Le Havre, wo sie am Johanues-Couvert-Kai verankert lag, nach New York in See stechen.

Pariser Tageszeitung: Der Anschlag auf den Dampfer Paris. Foto: Archiv/RvAmeln

Es war also die letzte Nacht vor der Abfahrt und an Bord herrschte reges Treiben, wie stets vor der Abfahrt von Riesenpalästen. Es wurden Waren verladen, am Kai lagen noch Kisten mit Kunstschätzen, die für die New Yorker Weltausstellung bestimmt sind, und sollten eben an Bord getragen werden, als – es war gegen 11 Uhr – in der im zweiten Stockwerk gelegenen Bäckerei Feuer ausbrach, rasch um sich griff, die Kommandobrücke, den Frisiersalon und den großen Salon erfasste. Wasser- und Feuerwehren traten in Aktion. Eine Hilfsmannschaft der „Normandie“ drang um Mitternacht in den Schiffsraum ein, was in Le Havre mobilisiert werden konnte, war auf den Beinen, die Polizei sperrte die Kais und Zufahrtstraßen, um den Platz den Feuerwehren freizuhalten.

Zu dieser Zeit sah man vom Kais aus noch keine Flammen, aber von Minute zu Minute wurde der Rauch stärker und bald stieg die Rauchsäule von Funken durchglüht, zum nächtlichen Himmel auf. Fünf Feuerwehrschiffe, die „Bienen“ genannt, schlossen sich der Löschaktion an. Zunächst schien es völlig aussichtslos, des Feuers Herr zu werden, da von der Kommandobrücke bereits ein Drittel niedergebrannt war. Drei Polizisten wurden vom Feuer im großen Salon eingeschlossen, es gelang, sie mit großer Mühe durch Strickleitern zu retten. Um 1 Uhr 30 glaubte man den Brand auf der Steuerbordseite lokalisiert zu haben, als – und das ist der Beweis für den verbrecherischen Akt an Backbord Feuer ausbrach und rasend um sich griff.

Aus den Bullaugen strömten Springbrunnen von Funken, aber um 3 Uhr morgens hatte man auch diese Feuerquelle erstickt. Nun waren aber derart gewaltige Massen von Wasser in das Innere des Schiffsrumpfes eingedrungen, dass sich das Schiff, das einige Stunden an der Oberfläche des Wassers zu tanzen schien, um 9 Uhr 15 Minuten auf die Seite legte und halbwegs sank. Es liegt jetzt noch so da, und bietet auch in seiner gesunkenen Größe einen majestätischen Anblick. Der Brand hat zwei Todesopfer gefordert. Der Chef der Sicherheitspolizei von Le Havre, Sourdille, fiel in der Nacht, blind vom Rauch, in den Schiffsrumpf und fand den Tod. Ein Feuerwehrmann, namens Stenoue, wurde das Opfer eines gleichen Missgeschickes.

Die Paris war ein 1921 in Dienst gestellter Transatlantik-Passagierdampfer der französischen Reederei Compagnie Générale Transatlantique (CGT). (Wikipedia)

Er konnte zwar den Flammen entrissen werden, starb aber später im Hospital an den erlittenen Verletzungen. Die Untersuchung: Der Überseedampfer „Paris“ ist bereits zweimal von Brandstiftern heimgesucht worden. Einmal wurde er zum Teil zerstört, das zweite Mal konnte er wie durch ein Wunder gerettet werden. Dem gleichen Schicksal wie die „Paris“ ist auch einer der schönsten Überseedampfer „La Fayette“ zum Opfer gefallen. Glücklicherweise konnten einige amerikanische Aeroplane, die für Frankreichs Luftflotte bestimmt sind, rechtzeitig an Land gebracht werden. Einem besonders glücklichen Zufall ist es zu danken, dass die für die New Yorker Weltausstellung bestimmten Gemälde aus dem Louvre noch nicht an Bord gebracht worden waren.

Der Überseedampfer „Pairs“ ist in Saint-Nazaire erbaut und 1921 vom Stapel gelassen worden. Es gehörte der Compagnie Generale Transatlantique und verrichtete Passagier- und Frachtdienste auf der Linie Le Havre – New York. Er hatte einen Fassungsraum von 35000 Tonnen, war 233 Meter lang, 26 Meter breit und hatte einen Tiefgang von 26 Metern. Sechs Turbinen mit einer Gesamtenergie von 46000 PS betrieben vier Schiffsschrauben. Er war einer der wundervollsten Luxusdampfer der französischen Handelsflotte mit einem Komfort, der nur von der „Normandie“ und der „Ile-de-France“ übertroffen wurde. Er konnte insgesamt 3233 Passagiere und mit der Bedienungsmannschaft 4000 Personen fassen. Er besaß Promenadendecks, Prunksalons, einen riesigen Rauch- und Spielsalon, ein Spielzimmer für Kinder, ein Kasperletheater und eine Kaffee-Terrasse. Ein Matrose, der sich äußerst verdächtig benahm, ist verhaftet worden. Er stammt aus Philippeville und wurde beobachtet, wie er durch ein Bullauge in das Schiff eindrang. Außerdem sind vier Leute, die in der Bäckerei arbeiteten, verhört worden. Für diesen Beitrag zeichnete kein Mitglied der Zeitung verantwortlich.

Auf der letzten Seite findet man eine satirische „Ballade“ von Alfred Kerr geschrieben:

I

Preisend mit viel schönen Reden, wer der best Beschützte sei,
Plauderten zwei Diktatoren – jeder trumpfte auf dabei.
Musso sprach: „Wenn ich verreise, wird ein Wagen angehängt,
So gepanzert, dass ein Fuder Dynamit ihn nicht zersprengt“.
„Doch auf meinen Schutz“, sprach Hitler, „ist bedeutend mehr Verlass,
Denn ich brülle meine Reden hinter kugelfestem Glas“.
Sieh, ein grau-gespent´ges Wesen hatte beide still umkreist,
Nun zu ihrem stieren Staunen nahte sich der bärtige Geist.
Schwäbisch sprach der Geist – entgeistert von den beiden angestarrt -:
„Ich war einscht ein Württemberger, und man hiess mich Eberhard“.
Und der Geist begann zu schwätze: „Mir fiel ein besondres Los:
Furchtfrei legt´ ich meinen Dickkopf jedem Schwaeb in den Schoss.
Pfui, wie hat sich´s heut verändert, das Vertraue´ ging zugrund,
„Donnerspätzle!“, rief er schaurig, spuckte dreimal und verschwund.

II

Halb verdutzt und halb verdattert blieb das Diktatorenpaar,
Beide grübelten noch lange, wer der Geist gewesen war.
aber schliesslich sprach der Hitler: Was uns da erschienen ist,
War ein roter Untermensch, ein Judäobolschewist“.
Musso rief: „Amico caro! herrlich wie du alles weisst!
(Und ich wünschte“ – dacht´ er innen…, „du auch wärest schon ein Geist“).
Hitler sah ihm treu ins Auge: „Hast dich nie in mir geirrt!
(Und du kannst noch was erleben, dass dir grün und schwindlig wird)“.
Also redeten sie lange, Mann zu Mann, und sonder Arg.
Tauschten biedre Freundesworte, die der biedre Busen barg.
Und der Geischt flog heim gen Stuckert und began sich in den Sarg!

Denke ich an Diese „Ballade“, so trifft sie auch in heutigen Tagen auf so manchen Politiker zu.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 18/06/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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