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Jüdisches Nachrichtenblatt aus Wien im Dezember 1938: Die jüdische Wanderung

Diese Zeitung, die am 13. Dezember 1938 in Wien noch erscheinen durfte, befasst sich mit den Fragen, die das Problem der Juden eindringlich beschreibt. N o c h konnte man im Rahmen der Nazi-Zensur „frei“ berichten, und so titelte man über „Die Jüdische Wanderung“: Die Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien teilt mit: In der Zeit vom 30. Oktober bis 3. Dezember (1938) wurden 3207 Personen abgefertigt. (Dann folgte eine Reihe von Staaten, die einige wenige Juden aufgenommen hatten. Anm.d.Verf.)

Jüdisches Nachrichtenblatt. Foto: Archiv/RvAmeln

Jüdisches Nachrichtenblatt. Foto: Archiv/RvAmeln

Beschaffung von Reisepässen: Um die Erledigung der eingereichten Ansuchen um Ausstellung von Reisepässen zu erleichtern, wurde für die Überprüfung der überreichten Dokumente und der ausgefüllten Formulare eine besondere Stelle geschaffen, die sich im Haus der Israelitischen Kultusgemeinde, 1. Seitenstettengasse 2, 3. Stock befindet. Die einzelnen Parteien erhalten nach Vorweisung der vorhandenen Einreisemöglichkeit die erforderlichen Fragebogen mit der Zuweisung an die Gebührenbemessungsstelle. Im Anschluß an die Gebührenbemessung wird die Überprüfung der eingereichten Dokumente vorgenommen. Es ist daher unbedingt erforderlich, daß die Parteien sämtliche Personaldokumente und sonstige Belege ordnungsgemäß zur Überprüfung mitbringen. Die Vorsprache in der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, Wien, IV. Prinz Eugenstraße 22, erfolgt an einem von der Gebührenbemessungsstelle bestimmten Tage; dieser Termin muß genauestens eingehalten werden. Es wurden sämtliche Vorkehrungen getroffen, um die Erledigung der eingereichten Ansuchen nach Möglichkeit zu beschleunigen.

Hier erkennt man bereits, mit welchen Vorgaen des Nazi-Regimes das Jüdische Nachrichtenblatt arbeiten musste.

Der nächste Absatz beschreibt versteckt die Angst vor Repressalien durch die Machthaber im Reich der Nationalsozialisten:

„Jedes Anstellen vor der Zentralstelle, insbesondere in den nächtlichen Stunden, hat unbedingt zu unterbleiben. Bei genauer Einhaltung der vorgeschriebenen Termine ist auch jedes Anstellen vollkommen überflüssig. Mit besonderem Nachdruck wird darauf aufmerksam gemacht, daß jede schriftliche Urgenz bezüglich der eingereichten Paßansuchen zu unterbleiben hat. Es wird davor gewarnt, derartige Zuschriften an die einzelnen behördlichen Stellen zu richten..!“

Auf Seite zwei berichtet das Blatt aus den Immigrationsländern und führt als Beispiel Palästina an:

Jüdisches Nachrichtenblatt. Foto: Archiv/RvAmeln

Jüdisches Nachrichtenblatt. Foto: Archiv/RvAmeln

Gegen Ende November hat die Jewish Agency für Palästina der britischen Regierung den Plan für eine unmittelbare Einwanderung von 100.000 Juden aus Deutschland nach Palästina unterbreitet. Diese Hunderttausend sollen sich folgenden sechs Gruppen zusammensetzen: Landwirtschaftliche Arbeiter, Jugendliche unter 18 Jahren und darüber, die für die Landwirtschaft ausgebildet werden sollen, Knaben und Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren, deren Erziehung und Ausbildung zu vollenden wäre. Kinder, die zu jüdischen Familien gebracht werden sollen, Handwerker, Juden aus Deutschland, die bereits Verwandte in Palästina haben, und Leute mit Vermögen. Inzwischen trifft man in Palästina Vorbereitungen, um gemäß einem Beschluß des Waad Leumi (Nationalrat) 5000 jüdische Kinder aus Deutschland unterzubringen. Am 30. November wurde in Tel-Aviv mit der Registrierung von Personen begonnen, die solche jüdische Kinder zu adoptieren wünschen. Lange Menschenschlangen warteten vor den Büros, in denen die Registrierungen vorgenommen wurden, und gleich in den ersten Stunden waren über 600 Personen verzeichnet, nicht bloß Verwandte von Juden in Deutschland, sondern auch kinderlose Ehepaare, die durch keinerlei Verwandtschaftsbeziehungen mit den Juden in Deutschland verknüpft sind. Anfangs Dezember wurde gemeldet, daß die Aktion zur Unterbringung der Kinder ausgezeichnete Fortschritte mache und daß die Hilfsbereitschaft des Jischuw alle Erwartungen übersteige. In Nahalal zum Beispiel erklärten sich alle dort lebenden 200 jüdischen Familien bereit, je ein Kind zu adoptieren. Auch in Haifa wurde eine lebhafte Kampagne entfaltet, die ein glänzendes Ergebnis hatte. Die Einordnung der Kinder, die auf diese Weise nach Palästina kommen, in das Leben diese Landes, wird sich unschwer vollziehen. Beweis: die Erfahrungen, die man mit den Kindern der Jugend-Alijah bisher gemacht hat. Mit diesen Kindern, die bereits in Palästina sind und zu zweijährigen Schulungskursen in Landwirtschaft und anderen Berufen auf 35 Siedlungen aufgeteilt wurden, haben mehr als 1400 ihre Ausbildung bereits beendet und von ihnen haben es 75 Prozent vorgezogen, als Bauern auf dem Land zu bleiben. Die übrigen haben als Spezialisten Arbeit in verschiedenen Handwerkszweigen gefunden.

In einer Massenversammlung, die Anfang Dezember in der Londoner Albert Hall stattfand, wurde von Rednern der drei führenden politischen Parteien Englands an die britische Regierung die dringende Aufforderung gerichtet, die Tore Palästinas für die Juden aus Deutschland zu öffnen. Wo sonst, sagte der konservative Abgeordnete Awery, könnten so viele Juden sofort Unterkunft finden wie in Palästina, und wo sonst könnten sie eine dauernde Heimat gewinnen, wenn nicht im jüdischen Nationalheim. Der Führer der liberalen Partei Sir Archibald Sinclair führte unter anderem aus, es gebe kein zweites Land, das so wie Palästina in der Lage wäre, in einer kurzen Zeit viele tausende Juden aufzunehmen. In Palästina selbst werden ununterbrochen neue Möglichkeiten zur Unterbringung von Juden aus Mitteleuropa und zur Beschaffung von Arbeit für sie erschlossen. In der letzten Novemberwoche wurden drei neue Siedlungen auf dem Boden des jüdischen Nationalfonds errichtet, die eine in der Beisan-Ebene in der Nachbarschaft der Siedlung Moas, die zweite ebendort zwischen Maos und Tirath Zwi. Die dritte Siedlung ist Kirbeth Samakh, mehrere Kilometer südöstlich von Chanita an der syrischen Grenze. Der Plan zur Errichtung von 300 Arbeitshäusern bei Rechowoth, Nathania, Rischon-le-Zion und in der Haifa-Bucht, die mit Hilfe einer Anleihe von 600.000 Pfund durchzuführende Kanalisierungsarbeiten in Tel-Aviv und die von einem internationalen Konzern ins Auge gefaßte Errichtung eines Gaswerkes in Tel-Aiv werden vielen Tausenden Brot und Arbeit geben…

Was jedoch später mit den europäischen Juden geschehen ist, die Vernichtung von Millionen, wird in heutiger Zeit vergessen und verdrängt.

Eine Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 16/11/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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