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Die Sorgen der österreichischen Juden in Wien im November 1938: Politisches Maximum, praktisches Minimum

So schrieb es die „Zionistische Rundschau“ bereits am 4. November 1938 vor dem Nazi-Pogrom:

Die Veröffentlichung des neuen Schedulde durch die englische Regierung hat uns von der großen Unruhe befreit, mit der wir uns immer wieder die Frage vorlegen mussten, ob die Einwanderung fortgesetzt und der Strom der Alijah uneingeschränkt bleiben werde. Es ist für uns ungemein wichtig zu wissen, dass im kommenden Halbjahr nicht weniger Juden nach Erez Israel gelangen werden als in den vergangenen Alijahperioden. Und wir müssen es gerade in den Tagen, da die Befriedung des Landes nach zweieinhalbjährigem Blutvergießen endgültig durchgeführt werden soll, als ein Symptom Englands Grundhaltung gegenüber dem Zionismus ansehen, wenn die Einwanderung nicht gesperrt und eine neue Schedulde erteilt wird.

Zionistische Rundschau. Foto: Archiv/RvAmeln

Wir dürfen uns aber von der Tatsache, dass es neue Zertifikate gibt, nicht betören lassen. So wichtig sie für unsere augenblickliche Situation, und so maßgebend sie – ohne Rücksicht auf ihre Anzahl – als politisches Kriterium seien; sie befreien uns weder von den augenblicklichen Sorgen noch von den Befürchtungen, die wir trotz unserem Rechtsanspruch noch immer für die Zukunft des jüdischen Nationalheimes hegen müssen. 3.800 Zertifikate – bei freier Schülereinwanderung – sind ein beachtlicher Faktor. Wenn sie zweckmäßig verwendet werden, können auf Grund von 2.000 Kapitalistenzertifikaten etwa 5.000 Seelen einwandern. 1.000 Chaluzzertifikate können 2.000 Menschen ins Land bringen, wenn wieder ein Großteil für Verheiratete bestimmt ist. Und dazu 800 Verwandtenzertifikate. Es ergibt sich also eine Gesamtzahl von ungefähr 8.000 Menschen, die bis zum 31. März einwandern werden.

Völlig unabhängig von dieser Schedulde soll sich wiederum die Schüler- und Studentenalijah entwickeln. Im vergangenen Halbjahr wurde der Status der Jugendalijah geregelt und sie wurde als Schüleralijah definiert. Kaum nötig, darauf hinzuweisen, was also freie Jugendalijah für uns bedeutet. Hier besteht die Möglichkeit, dem Land eine Fülle von jungen Menschen zuzuführen, die, arbeitswillig und arbeitsfähig, mehr als andere Einwanderer älterer Jahrgänge am Aufbau des Landes und an der Vergrößerung seiner wirtschaftlichen Positionen schöpferisch mittätig sein können. Aber nicht minder bedeutungsvoll ist die zahlenmäßig nicht festgelegte Jugendalijah vom Standpunkt der Jugend selbst, für die sich hier ein Tor in eine helle Zukunft und ein Leben selbstbewussten Schaffens öffnet.

Hier ist dem jüdischen Volk eine große Aufgabe gestellt, die es ganz allein und ohne Hilfe von außen zu lösen haben wird: Die Mittel aufzubringen, die dazu benötigt werden, um von der uneingeschränkten Jugendalijah Gebrauch zu machen. Denn für die Jugendlichen muss vorgesorgt werden, denn Schulen müssen errichtet oder ausgebaut, verschiedene Investitionen in die landwirtschaftlichen Siedlungen gemacht werden, die die Jugendalijah aufnehmen. Dafür sind große Geldsummen notwendig. Sie müssen da sein, wenn der Weg, welcher der jüdischen Jugend freigegeben wurde, beschritten werden soll.  Die Erteilung der Sommerschedulde 1937 wurde zum ersten Mal in der Geschichte des englischen Palästinamandats nach politisschen Gesichtspunkten vorgenommen.

Bis dahin galt die von Chruchill im Jahre 1922 festgesetzte Grundlage der „wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes“. Wie erinnerlich, war die Einwanderung nach Erez Israel auch damals in Frage gestellt, und die englische Regierung entschloss sich nach längerem Zögern in Anbetracht des Auswanderungsandranges und dank der ununterbrochenen Bemühungen der Jewish Agency zu einem Mittelweg, der zwischen den arabischen Forderungen und den jüdischen Bedürfnissen ausgleichen sollte. Damit wurde ein Grundsatz verletzt, der zwar den Paragraphen zufolge nichts mit dem Mandat zu tun hat, der aber dem Geist nach integraler Bestandteil der Durchführungsmethode des Mandats war. So erklärt es sich, dass die englische Regierung sich zunächst vor dem Parlament dafür zu verantworten hatte und dass sie dann auch von der Mandatskommission zur Rechenschaft gezogen wurde.

Sie hat dort durch ihren damaligen Außenminister mitgeteilt, dass das „politische Maximum“ keine bleibende Einrichtung sei und dass es nur aus aktuellen Gründen, nicht aber mit der Tendenz, eine grundsätzliche Änderung herbeizuführen, zur Anwendung gebracht worden sei. Jetzt, im Herbst 1938, wiederholt sich dieser Vorgang zum dritten Male, obwohl die Arbeitslosigkeit im Land gesunken ist. Große Arbeitsvorhaben können nicht zur Durchführung gelangen, weil die Zahl der freien Arbeitshände nicht genügt. Durch die Anwerbung von Juden zur Polizei werden dem Arbeitsmarkt Kräfte entzogen. Die Fortdauer und die Steigerung der Unruhen hat viele Plätze für jüdische Arbeit frei gemacht, die früher von arabischen Arbeitern besetzt gewesen sind.

Wien im November 1938. Foto: Archiv

Es deutet auch kein Zeichen darauf hin, dass die jüdische Landwirtschaft, der Hafen, der sich ständig vergrößert, die Bautätigkeit, die neue Impulse erhält, nicht in der Lage sei, mehr als 1.000 oder 2.000 Menschen in den nächsten sechs Monaten zu absorbieren.
Die Schedulde befreit uns nicht von der Sorge um die Hunderttausende, die jetzt zum Wanderstab greifen müssen. Vor den jüdischen Gemeinschaften vieler Länder steht jetzt die Zukunftsfrage ihrer Existenz. Und während sich überseeische Länder der Einwanderung verschließen und während europäische Länder Emigranten ausweisen oder in ihr Ausgangsland zurückbefördern, bleibt dem Juden nur ein einziger legitimer Anspruch, nur eine einzige unabweisliche Forderung, nur eine einzige realisierbare Hoffnung: Erez Israel und die Öffnung des Landes für die unbegrenzte Einwanderung aller Arbeitsfähigen und Zukunftswilligen.

Die neue Schedulde ist eine Entlastung. Sie wird dazu dienen, um die vorbereiteten Chaluzim von der Hachscharah nach Erez Israel zu bringen, sie wird dazu verwertet werden, um älteren Menschen an der Seite ihrer Kinder ein friedliches Dasein zu gewähren, und sie wird verscvhollenes, für den Aufbau wichtiges Kapital ins Land bringen. Aber die große, befreiende Tat iat sie nicht. Dieses „politische Maximum“ ist praktisch und unseren Bedürfnissen entsprechend ein Minimum, fast zu gering, um den allerdringlichsten Erfordernissen zu genügen.
Wir sehen in der Erteilung der Schedulde ein wichtiges politisches Kriterium. Großbritannien hat sich, wie es scheint – zweieinhalb Jahr zu spät – dazu entschlossen, den Unruhen in Erez Israel, die sich zu einem regelrechten Aufstand gesteigert haben, ein Ende zu bereiten.

Mit einem höchsten Aufgebot an militärischen Kräften und nach einem genau durchdachten Plan soll eine Epoche abgeschlossen werden, während welcher ungezählte Menschenleben zu beklagen waren. Während in der Altstadt von Jerusalem die englischen Maschinengewehre knatterten, um den Widerstand der Araber zu brechen, arbeitete die Palästinaregierung an der Festsetzung der neuen Einwanderungsquote. Das ist ein unumstößlicher Beweis dafür, dass die Tendenz und der Wille bestehen, alle Drohungen ungehört zu lassen und sich allein sachlichen Erwägungen zugänglich zu machen. Uns aber bedrückt die Tatsache, dass nur der alte Zustand aufrecht erhalten und nicht eine volle Lösung gefunden wurde.

Das politische Maximum besagt, dass die Lebensinteressen dem politischen Geschehen untergeordnet werden müssen. Darum können wir uns mit einem politischen Maximum nie abfinden. Das ist keine Frage ds Formats. Wir würden uns auch einer weitaus größeren Schedulde gegenüber ablehnend verhalten, wenn ihr irgend eine andere Erwägung zu Grunde gelegt wird als die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit von Erez Israel. Politische Zertifikate sind ein Widerspruch in sich selbst, denn sie stellen eine Bedrohung unseres wichtigsten Anspruches dar: So viele Menschen nach Erez Israel zu bringen, als absorbiert und eingeordnet werden können. In einem Zeitpunkt, in dem Pläne auftauchen, die den Jischuw auf seiner gegenwärtigen Größe zu fixieren zu beabsichtigen und wo davon die Rede ist, eine „nationale Heimstätte“ als beständige Minderheit bestehen zu lassen, ist es unerlässlich, dass von unserer Seite klar und eindeutig ausgesprochen wird, dass wir uns nie mit irgend einem anderen Maximum zufrieden geben werden als mit einem, das auf Grund der Aufnahmefähigkeit des Landes und der jüdischen Wirtschaft errechnet wird.

Und als wenn man eine dunkle Vorahnung hätte, schreibt das Blatt auf der Titelseite in Fettdruck:
Hilf Deinem Bruder, Du hilfst Dir selbst!

Sechs Millionen konnte im Reich der Nationalsozialistn nicht mehr geholfen werden; – sie alle starben einen grausamen und qualvollen Tod.

Von Rolf von Ameln

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Von am 08/08/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare derzeit geschlossen, aber Sie knnen einen trackback von Ihrer webseite hinterlassen.

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