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Die Akzeptanz der Nazi-Judenpolitik innerhalb der deutschen Bevölkerung: Es waren doch nur Juden

Während der gesamten Zeit in den Jahren 1933 bis 1945 zeigte sich in den Stimmungsberichten von unterschiedlichen Nazi-Stellen und in anderen Quellen, dass die Nazi-Judenpolitik in der Bevölkerung ein erhebliches Maß an Verständnislosigkeit, Skepsis und Kritik zu überwinden hatte. Große Teile der deutschen Bevölkerung waren nicht ohne weiteres bereit, durch ihr Alltagsverhalten zur antisemitischen Politik und Propaganda zu signalisieren. Eine geschlossene politisch und moralisch fundierte Gegenbewegung konnte sich unter den herrschenden Bedingungen jedoch nicht formen. Überblickt man den gesamten Zeitraum der Nazi-Diktatur, wird ein deutlicher Trend erkennbar: Der Unwille der Bevölkerung, ihr Verhalten zur „Judenfrage“ entsprechend den vom Regime verordneten Normen auszurichten, wuchs, je radikaler die Verfolgung wurde.

Juden werden durch eine Deutsche Stadt getrieben. Foto: Yad Vashem

Das Regime war aber entschlossen, die Öffentlichkeit gegen solche Äußerungen des Unwillens umzupolen und mehr und mehr in die „Judenpolitik“ zu involvieren, selbst wenn dies einen immer größeren Aufwand an Propaganda und Repression erforderte und die Geheimhaltung der „Endlösung“ zumindest teilweise aufgegeben werden musste. Die schon in der Weimarer Republik einsetzenden Bemühungen der Nationalsozialisten, in der Bevölkerung einen Boykott jüdischer Geschäfte und Dienstleistungen durchzusetzen, blieben außerhalb der Kernanhängerschaft der Nationalsozialisten ohne größere sichtbare Auswirkungen. Der Boykott war nur dann einigermaßen erfolgreich, wenn er wie am 1. April 1933 mit massiven Bedrohungen der Kundschaft einherging.

Trotz erheblicher Anstrengungen sollte es dem Nazi-Regime nicht gelingen, den Boykott mithilfe von Propaganda, Druck durch die örtlichen Parteiorganisationen auf die Kunden und Krawall in der Bevölkerung durchzusetzen. Erst Berufsverbote und „Arisierung“, schließlich das gesetzliche Verbot der wirtschaftlichen Betätigung der Juden infolge der „Reichskristallnacht“ unterbanden die geschäftlichen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden tatsächlich. Die von der Partei erhobene Forderung an die Bevölkerung, intime und freundschaftliche Beziehungen zu Juden abzubrechen, ließ sich erst mittels der „Rassenschande-Krawalle“ 1935, letztlich erst nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze durchsetzen.

Die bloße Verächtlichmachung als „Judenfreunde“ und „Rassenschänder“ seitens der Partei hatte offenbar nicht ausgereicht, nichtjüdische Menschen von derartigen Beziehungen abzuhalten. Man sollte sich aber auch vor Augen halten, dass die Forderung nach dem Ausschluss der Juden von der deutschen Staatsbürgerschaft und das Verbot von Eheschließungen bzw. intimer Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden vor 1933 nur von der aktiven Anhängerschaft der NSDAP und völkischen Splittergruppen vertreten wurde. Die etablierten rechtskonservativen Kräfte griffen diese Themen nicht auf, und in der politischen Mitte und auf Seiten der Linken galten derartige Überlegungen geradezu als absurd.

Dass es den Nationalsozialisten gelungen sein sollte, in einem Zeitraum von weniger als drei Jahren für diese radikal antisemitischen Forderungen eine breite Mehrheit hinter sich zu bringen, ist sehr unwahrscheinlich – zumal angesichts der Tatsache, dass sich das Regime insgesamt gesehen noch keineswegs konsolidiert hatte. Die Politik des Nazi-Regimes, den Ausschluss der Juden aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben mit dem Pogrom vom November 1938 zu vervollkommnen und durch Terror eine Massenflucht der Juden aus Deutschland auszulösen, nahm die deutsche Bevölkerung letztlich zwar hin, aber mit einigem Widerwillen, der sich vor allem gegen die Gewalttätigkeiten und Zerstörungen richtete.

Das Regime interpretierte die passive Hinnahme als Zustimmung, was sich an der unmittelbar nach der „Reichskristallnacht“ gestarteten Propagandakampagne ablesen lässt. Aus Sicht er Verantwortlichen bestand also ein Bedarf an Rechtfertigung. Diese antijüdische Propaganda konnte nur unter großen Anstrengungen und Schwierigkeiten über den Winter 1938/39 hinweg aufrecht erhalten werden. Die Tatsache, dass die Zeitungsredaktionen die Weisungen des Propagandaministers Gobbels nicht so recht umsetzen wollten, hatte mehrere Ursachen: Zum einen zeigte sich, dass nach sechs Jahren der Nazi-Judenverfolgung die weitere Hervorhebung einer „jüdischen Gefahr“ in Deutschland propagandistisch wenig glaubwürdig war.

Zum anderen erwies sich der Anfang 1939 eingeschlagene Kurs, die international angeblich dominierende Stellung der Juden zu betonen, als außenpolitisch riskant. Die Strategie, die Gewaltaktion des 9. November im Nachhinein mit der Propaganda zu rechtfertigen und gerade die Schichten der deutschen Gesellschaft, die sich über den Pogrom so empört gezeigt hatten – insbesondere das Bildungsbürgertum -, unter Druck zu setzen, fruchtete letzthin wenig. Zwischen dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 und dem Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 spielte die „Judenfrage“ in der nationalsozialistisch ausgerichteten Öffentlichkeit n o c h keine wesentliche Rolle und taucht dementsprechend auch in der Stimmungsberichterstattung nur selten auf.

Dies änderte sich erst im Sommer des Jahres 1941, als das Nazi-Regime den Kampf gegen den „jüdischen Bolschewismus“ zu einem zentralen Kriegsziel erhob. Als sich das Verhältnis zu den USA zunehmend verschlechterte, geriet im Laufe des Sommers auch Präsident Roosevelt als „Marionette jüdischer Interessen“ ins Visier der Nazi-Propaganda. Die deutsche Bevölkerung wurde allmählich auf einen Weltkrieg gegen eine „jüdische Weltverschwörung“ vorbereitet. Die äußere Kennzeichnung der deutschen Juden im September 1941, ihre Sichtbarmachung als „innere Feinde“, war Teil dieses Szenarios. Insbesondere den internen Unterlagen des Propagandaministeriums und dem Verlauf der Kampagne lässt sich jedoch entnehmen, dass die Kennzeichnung keineswegs Zustimmung, sondern im unerwarteten Ausmaß Gesten der Solidarität provozierte.

Das Regime entschloss sich daher, ein mit Konzentrationslagerhaft bewehrtes totales Kontaktverbot gegenüber Juden zu verhängen und die antisemitische Propaganda weiter zu verschärfen. Die Mitte Oktober beginnenden Deportationen dagegen thematisierte die Propaganda nur indirekt; gleichwohl wurden sie, wie aus lokalen Stimmungsberichten hervorgeht, in der Bevölkerung durchaus stark beachtet. Dem Regime gelang es offenbar nur noch mit äußerster Mühe, das äußerlich wahrnehmbare Verhalten der Bevölkerung in der „Judenfrage“ so zu steuern, dass es sich als populäre Zustimmung zur offiziellen Politik darstellen ließ. Im Laufe des Jahres 1942 machten im Reichsgebiet zunehmend Gerüchte über die Ermordung der Juden die Runde. Vor allem über Erschießungen wurde häufig spekuliert, und vielen war klar, dass die Deportierten einem sicheren Tod entgegen sahen.

Gemutmaßt wurde auch über den Massenmord mit Gifdtgas, konkrete Informationen über Vernichtungslager waren indessen noch nicht im Umlauf. Ab Mitte 1942 begann das Regime, auf die zunehmenden Gerüchte über die Ermordung der Juden offensiv zu reagieren. Im Oktober erließ die Partei-Kanzlei eine parteiinterne Sprachregelung, in der sie in einer Weise Stellung zu den Gerüchten über die Erschießungen im Osten nahm, die als Bestätigung gelesen werden konnte. Zugleich versuchte das Regime, die immer offener propagierte Vernichtung der Juden zu rechtfertigen: Man komme damit der jüdischen Vernichtungsabsicht zuvor.

Hinter der Informationspolitik des Nazi-Regimes stand offenkundig das Kalkül, die deutsche Bevölkerung zu Zeugen und Mitwissern des Massenmordes an den Juden zu machen. Die „Judenfrage“ wurde so zu einem öffentlichen „Geheimnis“; umgeben von einer Aura des Unheimlichen, handelte es sich um etwas, worüber man besser nicht sprach, das im allgemeinen Bewusstsein jedoch deutlich präsent war. Die vorhandenen Informationen zu einem Gesamtbild vom wirklichen Umfang der Judenverfolgung – europaweiten Deportationen mit dem Ziel der Ermordung der Juden in den Gaskammern der Vernichtungslager – zusammenzusetzen, war in dieser Atmosphäre für die meisten Deutschen offenbar außerordentlich schwierig.

Seit Mitte 1942 propagierte das Nazi-Regime ganz offen, ein ungefähres Wissen um die „Endlösung“ voraussetzend, dass im Falle einer Niederlage in diesem Krieg die Juden den Deutschen das Gleiche zufügen würden, was diese ihnen angetan hätten. Ein unbestimmtes Gefühl, dass die „Judenfrage“ mit dem Fortgang des Krieges und mit der Frage des eigenen Überlebens verbunden sei, war offenbar im Reich weit verbreitet.

Trotz „Frontberichten“ der in Urlaub gekommenen deutschen Soldaten und Erzählungen von gesehenen deutschen Verbrechen an den Juden, hat nach Kriegsende 1945 keiner was gewusst!!!!

Von Rolf von Ameln

 

Von am 24/09/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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