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„Die Zeitung“ aus dem Exil am Montag den 1. Dezember 194: Berichte der anderen Art

Der Musterschüler

Professor Eduard Färber, Mathematiklehrer am Gymnasium in B,, klappte das letzte Heft zu. Er war mit dem Korrigieren fertig. Es war keine erfreuliche Arbeit gewesen. Der Direktor der Schule, der sich seit einer halben Stunde im Lehrerzimmer zu schaffen gemacht hatte und Färber beobachtet hatte, wandte sich an ihn: „Nun – wie hat die Quarta diesmal abgeschnitten?“ „Schlecht, Herr Direktor“, antwortete Färber. „Leider – sehr schlecht. Ich weiß nicht, was in die Jungen gefahren ist. Ich gebe ihnen die leichtesten Beispiele, und sie können noch nicht einmal diese lösen“. „Die Jungen haben eben andere Dinge im Kopf,“ sagte der Direktor. „Es ist Krieg.“ „Gewiss, es ist Krieg. Aber rechnen müssen sie dennoch lernen. Auch wenn Krieg ist, bleibt zwei mal zwei vier.“

„Sicherlich“, sagte der Direktor lächelnd. „Aber es ist vielleicht nicht so wichtig, wieviel zwei mal zwei ist. Wichtiger ist, gut schießen zu können. Erst kommt das Vaterland und dann die Mathematik. Ohne Ihnen nahe treten zu wollen, Herr Kollege..“
Er führt etwas im Schilde, dachte Färber schnell. Er belauert mich den ganzen Vormittag. Was will er? Unsicher sagte er: „Gewiss, Herr Direktor“. „Na sehen Sie,“ kam es zurück. „Übrigens, – was ich Sie fragen wollte, Herr Kollege – wie sieht es aus mit Kurt Ballberg? Wie ist seine mathematische Schlussarbeit?“ Ballberg, dachte Färber. Immer Ballberg. Das also ist es. Er suchte eines der Hefte heraus, öffnete es, legte es vor den Direktor. „Hier, sehen Sie selbst, Herr Direktor. Er hat kein einziges Beispiel gelöst“.

Der Direktor blicke flüchtig auf das Heft. „So“, sagte er. „Also ungenügend!“ „Leider“, Herr Direktor“. „Das bedeutet, dass er durchfällt!“ „Ich bin das ganze Semester hindurch so nachsichtig wie möglich gewesen. Ich gab ihm jede erdenkliche Chance. Er versagte immer wieder. Er lernt einfach nicht. Ich weiß nicht, ist es Faulheit, oder…“ „Das ist aber sehr bedauerlich“, unterbrach der Direktor. „Wollen Sie es sich nicht doch nochmals überlegen?“ Er sah Färber scharf an. „Ich fürchte, es wird nichts nützen“, antwortete der Professor. „Es wäre wirklich ungerecht, ihn zu versetzen.“ Der Direktor zündete sich eine Zigarre an, rückte sich einen Stuhl zurecht. „Ungerecht,“ sagte er langsam. „Da muss ich doch etwas deutlicher werden, Herr Kollege. Sie wissen, wer Kurt Ballberg ist, und Sie wissen, wer sein Vater ist!“

„Ich weiß es. Aber was hat das mit seinem Fortgang am Gymnasium zu schaffen?“ „Was es damit zu schaffen hat? Ich begreife Sie nicht, Herr Kollege. Denken Sie ernstlich, wir könnten einen Jungen, der Scharführer bei der Hitler-Jugend ist und dessen Vater SS-Kommandant unserer Stadt ist, durchfallen lassen! Ich gebe zu, dass er vielleicht nicht immer so fleißig ist, wie man es in normalen Zeiten von einem Schüler verlangen darf – aber die Jungen haben eben auch andere Aufgaben zu erfüllen, und es kommt nur darauf an, ob sie diese richtig erfüllen.“ Färber gab sich einen Ruck. „Ich weiß“, sagte er schnell. „Geländemärsche, Schießübungen und Nachtmanöver.“ Der Direktor ließ kein Auge von Färber. „Passt Ihnen das vielleicht nicht? Haben Sie vielleicht was dagegen? Sagen Sie es doch!“

So leicht gehe ich ihm nicht in die Falle, dachte Färber. „Davon verstehe ich nichts, Herr Direktor. Das ist nicht mein Fach. Ich weiß nur, dass sogar die Zeitungen schon darüber schreiben, dass die Leistungen der Jungens in unserer Schule besorgniserregend zurückgehen. Nicht nur in meinem Fach und nicht nur an unserer Anstalt“. „Die Herren von der Presse sticht eben der Hafer. Sie haben zuviel Freiheit!“ „Zuviel?“, fragte Färber. Der Direktor lächelte wieder. „Sind Sie etwa anderer Ansicht, Herr Kollege? Äußern Sie sich nur, Sie können mir voll vertrauen.“ Ich weiche jetzt nicht zurück, dachte Färber schnell. Ich kann es einfach nicht. Ich darf es nicht. Er sagte: „Ich mache mir nur so meine Gedanken. Was soll aus dieser Generation werden, die nichts lernt?

Der Krieg wird ja doch einmal vorüber sein – und die Jungens werden keine Ahnung von den Dingen haben, die man nun einmal wissen muss, um im Leben weiter zu kommen. Was für eine Zukunft hat diese Jugend?“ „Darüber zerbrechen Sie sich nicht den Kopf“, sagte der Direktor scharf. „Dazu sind andere da – ich darf wohl sagen: Berufenere. Aber damit wir zu einem Ende kommen: Wollen Sie Ballberg ein <genügend> geben, damit er versetzt werden kann?“ „Ich kann es nicht, Herr Direktor. Es wäre gegen mei besseres Gewissen.“ Der Direktor stand auf. „So. Und ich erkläre Ihnen, dass es gegen mein besseres Gewissen ist, einen Jungen durchfallen zu lassen, der seine Pflicht als Mitglied der Hitler-Jugend erfüllt und dessen Vater einen so verantwortungsvollen Posten im Staat und in der Partei bekleidet. Es wäre einfach ein Skandal für unsere Anstalt. Es darf nicht geschehen. Ich dulde es nicht!“ „Es tut mir leid, Herr Direktor. Aber auch ich habe meine Verantwortung und meine Pflicht.“

Dickschädel, dachte der Direktor. Dickköpfig und dumm obendrein. Aber ich werde mit ihm fertig werden. „Sie haben Zeit bis zur Lehrerkonferenz um fünf Uhr nachmittags“, sagte er. „Sollten Sie bis dahin nicht eingesehen haben, worin heutzutage Ihre Verantwortung und Pflicht besteht, wäre ich leider gezwungen, morgen um eine Unterredung mit Ballbergs Vater anzusuchen. Ich hoffe, Sie vermögen die Konsequenzen abzuschätzen, die sich aus dieser Unterredung für Sie ergeben könnten“. Die Tür des Lehrerzimmers krachte hinter dem Direktor ins Schloss. Erpressung, dachte Färber. Glatte Erpressung. Er schlug Ballbergs Heft zu. Er starrte auf den Namen, der auf dem Umschlag stand. Dieser Name war Schicksal in dieser Stunde. „Was ist denn los, Herr Kollege?“ fragte Professor Eisenmenger, der Griechischlehrer.

„Der Alte ist mit hochrotem Kopf an mir vorbei gelaufen“. „Nichts“, sagte Färber. „Hat er vielleicht auch von Ihnen verlangt, dass Sie Kurt Ballberg als Belohnung für seine blendenden Leistungen ein <vorzüglich> geben?“ „So ähnlich. Damit hat es angefangen“. „Immer dieser Ballberg. Und es gibt so viele Ballbergs heute in unserer Anstalt und in ganz Deutschland…“ „Sie zermürben die Jungens mit Nachtmärschen, lehren sie nichts als Schießen, Messertechen, Krieg und Mord – was soll aus unserer Jugend werden?` Wie wird Deutschlands nächste Generation aussehen, Eisenmenger?“ „Psst! Nicht so laut, Herr Kollege, die Wände haben Ohren. Wir wissen es. aber wir dürfen nicht darüber reden, sonst schickt man uns nach Dachau oder Buchenwald – und wem ist damit gedient?

Wenn sie auf ihrem Standpunkt beharren, denunziert der Alte Sie bei Ballbergs Vater als Feind des Regimes, der an dem braven, fleißigen, unschuldigen Kurt sein Mütchen kühlen will, und sie wandern ins Konzentrationslager. Denken Sie an diejenigen unter Ihren Jungens, die doch noch einen guten Kern in sich haben und aus denen wir vielleicht trotz allem noch anständige Menschen machen können. Und denken Sie an Ihre eigenen Kinder“. „Also nachgeben? Feige sein? Die Dinge treiben lassen?“ „Sie sind wertvoller als Ballberg – also müssen Sie heil aus der Affäre hervorgehen. Man wird Sie noch brauchen. Uns alle. Morgen, Übermorgen. Sehr bald vielleicht… Und dann werden wir abrechnen.“

Eisenmenger rieb sich die Hände. „Ich freue mich schon darauf..!“
Nachrichten aus Deutschland: „Zur freundlichen Erinnerung“. Nach der Antikominternkonferenz wurde im deutschen Radio angesagt, dass die ausländischen Staatsmänner, welche die „Mächte der antibolschewistischen Front“ vertreten, von Hitler nicht nur zum Lunch geladen wurden, sondern dass jeder einzelne von ihnen ein persönliches Interview mit dem Führer hatte. Darüber hinaus schickte Hitler Glückwunschtelegramme an die verschiedenen Staatsoberhäupter, die sich dem Pakt angeschlossen haben. Die Tatsache, dass der Führer die ausländischen Staatsmänner einzeln empfing, wurde in deutschen politischen Kreisen als der „Höhepunkt des Antikominternkongresses“ bezeichnet.

Nachdem Hitlers Lakaien ihre Vorstellung gegeben hatten, erhielt auch das deutsche Volk ein Geschenk: „Anlässlich des heutigen Staatsaktes zum Jahrestag des Antikominternpaktes im Jahre 1936 wird beim Postamt Berlin 8, Französische Straße 9-12, heute von 15 bis 21 Uhr und morgen von 12 bis 21 Uhr ein Sonderstempel geführt mit der Inschrift: „Europas Einheitsfront gegen den Bolschewismus“, und der Darstellung einer Europa-Karte mit Hakenkreuz und Schwert. Mit diesem Sonderstempel werden nur Führer-Geburtstagsmarken von 1941 zu 12 und 38 Pfennigen und Führer-Duce-Marken zu 12 und 38 Pfennig abgestempelt.“ Die Freude des Volkes über dieses schöne Erinnerungsstück wird unbegrenzt sein.
Und weiter heißt es: Ley als Vorbild.

Nach der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ hat der Königsberger Polizeikommissar angekündigt: „Es wird an den Erlass des SS-Reichsführers vom 23. August 1939 über Trunkenheit auf der Straße erinnert. Volksgenossen, die auf der Straße herumlungern und so betrunken sind, dass sie den Verkehr gefährden, und sich menschenunwürdig benehmen, – indem sie sich z.B. auf die Straße legen -, werden mit Gefängnis bis zu einem Monat bestraft. Trotz wiederholter Warnungen musste eine große Anzahl an Volksgenossen verurteilt werden.“

Die nächste Meldung trägt den Titel „Frank hat befriedet“.
Nach einem Bericht von Stockholms Tidningen hielt Fronvogt Frank im Auditorium Maximum der Berliner Universität einen Vortrag über das „Generalgouvernement“, in dem er unter anderem erklärte: „Das Generalgouvernement ist ein Teil des Deutschen Reiches. Nicht die Deutschen sind die Rebellen in Polen, sondern die Polen. Das Weichselgebiet ist seit uralten Zeiten deutsches Gebiet, und die Deutschen sind jetzt zu ihm zurückgekehrt.“ Frank fuhr fort, indem er seinen Hörern erzählte, dass das Generalgouvernement inzwischen „befriedet“ worden sei, und dass Sabotage oder Terrorakte nicht mehr vorkämen. (!) Der Vortrag schloss mit der Feststellung, es wäre „ursprünglich beabsichtigt gewesen, alle Juden ins Generalgouvernement zu schaffen, und zwar hauptsächlich in die Gegend von Lublin.

Glücklicherweise sind diese Pläne nunmehr geändert worden. Bei Ausbruch des deutsch-russischen Krieges wurde beschlossen, das Generalgouvernement nur zu einem vorübergehenden Aufenthalt für die Juden zu machen. Sie werden später weiter nach Osten transportiert werden. Da die Juden ehemals aus Palästina nach Europa gekommen sind, so macht es ja gar nichts, wenn sie nun wieder 1000 Kilometer ostwärts geschafft werden.“

Wie diese „Transporte nach Osten“ bewerkstelligt wurden, und welche Verbrechen die Nazis begangen haben, lehren uns die Geschichtsbücher noch in heutigen Tagen.

Von Rolf von Ameln

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Von am 06/07/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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