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22. Juni 1941Überfall auf die Sowjetunion: Die Wende vor Moskau und das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen 1941/42

Noch vor Stalingrad endete der Siegeszug der „Großdeutschen Wehrmacht“, denn nachdem die Nazi-Truppen fast ganz Europa in sogenannten „Blitzkriegen“ unterworfen hatten – mit Ausnahme von Großbritannien – stoppte die Rote Armee vor Moskau den Vormarsch der Deutschen.

22. Juni 1941 Überfall auf die Sowjetunion und russische Kriegsgefangene. Foto: Wickipedia

22. Juni 1941 Überfall auf die Sowjetunion und russische Kriegsgefangene. Foto: Wickipedia

Mit dem Unternehmen „Taifun“ eröffnete am 2. Oktober 1941 die „Deutsche Heeresgruppe Mitte“ die Offensive gegen Moskau. Nach ersten Zwischenerfolgen verlangsamte der einsetzende Herbstregen die Offensive, die erst mit dem Einsetzen von Frost wieder an Fahrt gewann. Die Armeen Hitlers waren in überheblicher Erwartung eines neuerlichen „Blitzkrieges“ nur unzureichend mit Winterbekleidung und wintertauglicher Rüstungstechnik ausgestattet. Zwar gelang es deutschen Verbänden, sich in den ersten Dezembertagen bis auf einige Dutzend Kilometer der sowjetischen Metropole anzunähern, doch waren sie durch die hohen personellen und materiellen Verluste der vergangenen Monate in ihrer Kampfkraft enorm geschwächt. Die am 5. Dezember einsetzende massive sowjetische Gegenoffensive trat die deutsche Militärführung, welche die gegnerischen Streitkräfte schon mehrmals als besiegt bezeichnet hatte, gänzlich unerwartet.

Das Scheitern der Offensive gegen Moskau und die Uneinigkeit über die weitere Strategie lösten auf deutscher Seite eine schwere Führungskrise aus. Adolf Hitler forderte „fanatischen Widerstand“ und verbot weitestgehend, den Rückzug anzutreten. Die meisten der deutschen Truppenführer jedoch sprachen sich gegen diese „Halte-Befehle“ aus. Der Richtungsstreit endete mit der reihenweisen Entlassung von Spitzenmilitärs, inclusive des überforderten Oberbefehlshabers des Heeres, Walther von Brauchitsch. Nachdem Hitler sich auch dieses Amt unter den Nagel gerissen hatte – er sah hier die Möglichkeit, das Heer nationalsozialistisch zu „erziehen“ – und er damit die direkte Verantwortung für die Operationen trug, erfolgten nun doch noch taktische Absatzbewegungen.

Die strategische Lage war fatal: Die Sowjetunion konnte nicht in einem „Blitzkrieg“ niedergeworfen werden, England nutzte die Verschnaufpause für den Wiederaufbau seiner Streitkräfte und mit der deutschen Kriegserklärung an die USA am 11. Dezember 1941 trat offen zutage, dass ein Krieg gegen mehrere Kontinente nicht mehr gewonnen werden konnte. Bis zum Ende des Jahres 1941 hatten bereits 200.000 deutsche Soldaten an der Ostfront ihr Leben lassen müssen, 620.000 waren verwundet worden. Diese immensen Verluste waren kaum zu kompensieren. Hitlers Größenwahn sollte dazu führen, dass bis 1945 knapp 3,5 Millionen deutsche Soldaten an der Ostfront en Tod fanden.

Widmen wir uns jetzt dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in den Jahren 1941/42 zu, die am untersten Ende der Hierarchie standen. Die Zahlen sprechen für sich: Von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen kamen 3,3 Millionen im „Dritten Reich“ ums Leben – eine Sterberate von knapp 60 Prozent. Im Gegensatz zur Sterberate der sowjetischen Kriegsgefangenen lag jene der englischen und amerikanischen Kriegsgefangenen bei etwa einem Prozent. Die Gründe dafür: gezielte Vernichtung der „slawischen Untermenschen“, menschenunwürdige Transporte, chronische Unterernährung, katastrophale medizinische Versorgung, Seuchen. Die Sowjets standen am untersten Ende der rassisch-ideologisch motivierten Gefangenen-Hierarchie. Zu essen bekamen sie die Reste von den Resten, oder ein eigens präpariertes „Russenbrot“: Es wurde mit sägemehl hergestellt.

Von Mai bis Juli 1941 verabschiedete das deutsche Oberkommando mehrere sogenannte „verbrecherische Befehle“. Diese vehementen Verstöße gegen die Grundrechte des Kriegsvölkerrechts machen eines besonders deutlich: Der Krieg gegen die Sowjetunion war von Anfang an ein „Weltanschauungskrieg“. Als Begründung schoben die Nazis vor, die UDSSR sei nicht Signatur der Genfer Konvention von 1929, denn die Wehrmachtssoldaten sollten dem Argument des rechtsfreien Raums bei der Behandlung von sowjetischen Kriegsgefangenen glauben. Den Grundtenor bildeten die „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“. Man forderte im Kampf gegen den „Todfeind des deutschen Volkes“ vor allem „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden“.

Demnach war jede Form „aktiven oder passiven“ Widerstandes „restlos zu beseitigen“. Am 6. Juni 1941 folgte der „Kommissarbefehl“. Hierin kommt die Beseitigung der elementarsten Regeln des Völkerrechts – Kriegsgefangene sollen mit Menschlichkeit behandelt werden – noch deutlicher zum Vorschein: Sowjetische politische Kommissare waren am Gefechtsfeld sofort „mit der Waffe zu erledigen“. Denn sie galten als „Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden“. Um jede mögliche Lücke zu schließen, erließ der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes im Juli die beiden Einsatzbefehle Nr. 8 und 9. Diese verlangten die Exekution („Aussonderung“) von „verdächtigen Personen“. Dazu zählten etwa Juden, „fanatische Kommunisten“, Polit-Kommissare, Parteifunktionäre, Angehörige der Intelligenz und selbst führende Wirtschaftspersönlichkeiten.

Im Reichsgebiet waren die „Ausgesonderten“ möglichst unauffällig ins nächste Konzentrationslager zu transportieren. Im KZ Sachsenhausen wurden allein bis November 1941 rund 13.000 russische Kriegsgefangene erschossen. Viele von ihnen waren bis zu ihrem Tod völlig ahnungslos. Sie trugen einen Aufruf in der Tasche, sie mögen sich doch ergeben. Es würde ihnen in deutscher Gefangenschaft nichts geschehen. Vor dem Überfall auf die Sowjetunion war ein Einsatz von Russen nicht geplant gewesen, denn schließlich wollten die Nazis keine „slawischen Untermenschen“ ins Reich holen bzw. diese nicht gezielt am Leben erhalten. So stand nach dem deutschen Überfall auf die UDSSR zunächst die wirtschaftliche Belastung seitens des „unnützen Esser“ im Vordergrund.

Diese Argumentation rechtfertigte die Absicht der Vernichtung. Als Folge starb mehr als die Hälfte der rund 3,5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen des Jahres 1941, davon 1,4 Millionen Anfang Dezember. Auch im Stalag XVII Krems-Gneixendorf, dem größten Kriegsgefangenenlager in Österreich, war die Todesrate im Winter 1941/42 hoch: Die eingetroffenen Sowjets waren abgemagert, viele litten an Ruhr. Im Dezember brach eine Fleckfieber- und Typhusepidemie aus. Das ganze Areal wurde unter Quarantäne gestellt. Vier jüdische französische Kriegsgefangene kümmerten sich um die Kranken. Einer von ihnen verlor in der Silvesternacht sein Leben. Er hatte sich an einer Nadel infiziert. Innerhalb eines Monats verstarben 700 sowjetische Kriegsgefangene infolge der Epidemie.

Ihre Leichen kamen in Massengräber am Waldfriedhof. Erst langsam sollte sich die Lage bessern. Ausschlaggebend für die Wende im Denken der Nazi-Ideologen waren letztendlich rein pragmatische Gründe: Man benötigte dringend Arbeitskräfte. Doch konnten im Februar 1942 nur knapp elf Prozent zum „Russeneinsatz“ herangezogen werden. Die übrigen warn zu krank und zu schwach. Mit August 1944 war ein Drittel der sowjetischen Kriegsgefangenen in die deutsche Kriegswirtschaft integriert: Das „Ausnutzen“ hatte bis zu einem gewissen Grad über die Nazi-Vernichtungsabsicht gesiegt.

Und im Mai 1945 war auch diese Bürde von ihnen genommen; – das Hitler-Reich lag am Boden.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 29/06/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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