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Als die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland begann: Viele Stimmen dafür, wenige dagegen

Am 1. 8. 1938 sandte die Staatspolizeistelle in Kiel ein Fernschreiben an die Gstapo-Leitstelle in Berlin mit folgendem Inhalt: Wenn auch die Nordseebäder auf den Inseln Föhr, Pellworm und Amrum zu einem großen Teil von jüdischen Kurgästen freigehalten werden konnten, haben doch die Erfahrungen der letzten Wochen gezeigt, dass die Insel Sylt nach wie vor von Juden gern zu Kuraufenthalten bevorzugt wird. Insbesondere lassen sich die Juden in den Badeorten Westerland, Wenningstedt und Kampen nieder. Ich habe zwar wiederholt Fühlung mit den zuständigen Bürgermeistern aufnehmen lassen und darauf hingewiesen, dass zum mindesten Tafeln, die die Juden als unerwünschte Kurgäste bezeichnen, angebracht werden sollen. Diese meine Anregungen sind bisher jedoch nahezu erfolglos geblieben. Unverständlicherweise werden in diesen Badeorten die Juden immer noch mehr oder weniger mit offenen Armen aufgenommen, da bei der Mentalität der Inselbewohner ein geldlicher Vorteil die nationalsozialistische Weltanschauung aufzuwiegen geeignet erscheint.

Foto: Yad Vashem

So wurden weder in den Lese- und Trinkhallen besondere Benutzungszeiten für Juden festgesetzt, noch wurden im Warmbadehaus in Westerland den Juden besondere Kabinen zur Verfügung gestellt. Der gesamte Badestrand steht nach wie vor den Juden zur freien Benutzung zur Verfügung. Ein besonders abgeteilter Strand für die Juden wurde bisher nicht geschaffen… Darüber hinaus beabsichtige ich, auf Grund des § 1 der Verordnung vom 28.2.33 den Juden grundsätzlich den Aufenthalt in den Badeorten Kampen, Wenningstedt und List zu untersagen. Ich sehe mich zu dieser Maßnahme veranlaßt, da einmal in Kampen mehrere Herren Reichsminister ihren Urlaub verbringen werden. So halten sich z.Zt. in diesen Badeorten Generalfeldmarschall Göring nebst Gattin sowie Herr Reichsminister Darre auf, während für die nächste Zeit die Herren Reichsminister Dr. Gürtner und Rust, sowie der österreichische Wirtschaftsminister Fischböck erwartet werden. Zum Schutze dieser Herren der Reichsregierung erscheint mir die von mir vorgesehene Maßnahme unbedingt erforderlich.
(gez. Unterschrift Stapo Kiel)

Der „Vorwärts“ aus Furth schreibt im März 1935: In Furth im Walde hat man die Glasfabrikanten Luitpold und Bruno Oppenheimer, zwei Juden, die aus Fürth stammen, verhaftet, weil sie Luxuswohnungen haben während ihre Arbeiter in unwürdigen Fabrikwohungen hausen müssen. Alle Leute wissen, daß woanders die Fabrikwohnungen nicht besser sind als in Furth, aber dort werden die Unternehmer nicht verhaftet, weil es sich um Arier handelt. Im Volke sagt man darum auch: „Vielleicht sind zwei Juden verhaftet worden, weil sie den anderen einige Aufträge weggeschnappt haben.“

Im August 1935 wird aus unbekannter Quelle vermerkt:Meldung aus der Pfalz. Der Kampf gegen die Juden wird in Pirmasens jetzt so scharf geführt, wie dies noch nie der Fall war. Am Eingang der Zeppelinstraße ist ein großes Transparent angebracht: „Diese Straße führt auch nach Palästina“. Am Cafe Luitpold ist eins angebracht mit dem Schriftzug: „Deutschland das Herz, Juda die Faust..!“ Vor den jüdischen Geschäften, die weit unter den üblichen Preisen verkaufen und sehr viel bieten, stehen die Nazis und belästigen Leute, die hineingehen wollen. Es wird auch photographiert. Die Sympathie der Bevölkerung ist aber bei denen, die trotzdem in die Geschäfte hineingehen.

Und ein kirchliches Blatt berichtet aus Nordwestdeutschland: In allen Städten und Dörfern des Bezirks Hannover sind an den Zufahrtsstraßen von der Leitung der NSDAP und von den Behörden Schilder angebracht, welche folgende Inschriften haben: „In diesem Orte leben Juden auf eigene Gefahr“, oder „Wir wollen keine Juden sehen“; ferner „Juden sind unerwünschte Gäste“, Deutscher Volksgenosse, denke daran, Juda ist Dein Erbfeind“, Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter“. Diese Schilder sind zum erheblichen Teil so massiv angebracht, daß jeder erkennt,, daß sie auf höhere Anweisung hin aufgestellt wurden. Zum großen Teil stehen diese Schilder auf Gemeinde- oder Staatsgrundstücken. Auch an den städtischen Uhren und ähnlichen behördlichen Einrichtungen wurden diese Schilder angebracht. In leerstehenden Läden wird ganz offiziell von der Parteileitung das Plakat: „Die Juden sind unser Unglück“ und das antikatholische Plakat „Deutsches Volk horch auf“ angeklebt. Bezeichnend ist aber, daß sehr angesehene arische Familien ostentativ freundschaftlichen Verkehr mit jüdischen Familien unterhalten. Das Volk bemitleidet die Juden. Man sagt, daß die Nazis wieder einmal von großen Schwierigkeiten ablenken wollen. Im Emdener Stadtgarten ist ein „Stürmer-Kasten“ errichtet worden. Oben steht in großen Lettern; „Kauft nicht beim Juden“ und „Die Juden sind unser Unglück“. Eines Morgens war das „nicht“ und im zweiten Satz das „Un“ vom Unglück überpinselt worden.

Über eine Versammlung mit Julius Streicher, dem Herausgeber des „Stürmer“ in Hamburg berichtete man: Nun versuchte es Streicher mit einer anderen Walze. Er sprach die Hoffnung aus, daß recht viele Gebildete im Saale wären, sie könnten dann aus seinem Munde erfahren, was sie wert seien, die Herren Studienräte, Stahlhelmer, Geheimräte usw. Nämlich gar nichts. Und wenn sie glaubten, daß sie im neuen Staat wieder an erster Stelle stehen könnten, dann irrten sie sich gewaltig. So ging es eine ganze Zeit lang. Dann kamen die ausländischen Berichterstatter und die Auslandspresse an die Reihe, die in der gemeinsten Weise angepöbelt wurden: „Ich behaupte hier, daß ein Teil der ausländischen Berichterstatter Lügner und Schweinehunde sind. Wohlgemerkt, ich habe gesagt ein Teil und ich sage hier, daß wir mit den Juden in Deutschland machen, was wir wollen und für nötig halten. Das Ausland hat sich nicht um uns zu kümmern. Wir kümmern uns auch nicht darum, wenn im Amerika Neger gelyncht werden, oder wenn man in England die Katholiken verfolgt.“ Nach diesen Worten gab es rauschenden Beifall.

Man hätte Steichers Worten mehr Beachtung schenken sollen. Eine Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe.

Von Rolf von Ameln

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Von am 01/11/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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