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Zynische Nazi-Propaganda nach einem britischen Bomberangriff auf Bielefeld-Bethel: Euthanasie wird verschwiegen

Der „Brandenburger Anzeiger“ schreibt in seiner Ausgabe von Freitag, 20. September 1940: Das Blut der ermordeten Kinder schreit nach Vergeltung. Ein Besuch am Ort des Verbrechens der Royal Air Force

Bielefeld-Bethel, 20. Sept. (Funk)

Brandenburger Anzeiger von Freitag, 20. September 1940. Foto: Archiv/RvAmeln

Brandenburger Anzeiger von Freitag, 20. September 1940. Foto: Archiv/RvAmeln

In Bethel, der weltbekannten Heilstätte für Kranke, Epileptische und Schwachsinnige, haben englische Flieger durch ihr ruchloses Verbrechen 10 Kinder ermordet und viele andere schwer verletzt. Die Heilanstalt des Pfarrers Bodelschwingh, die im geschlossenen Komplex 230 Häuser umfaßt und heute zum Teil als Reservelazarett dient, ist durch ungezählte große rote Kreuze aus der Luft erkenntlich. Diese Stätte der Barmherzigkeit, die der Pflege armer, unglücklicher Menschen gewidmet ist, wurde mit einer Bombenreihe belegt, die furchtbare Verwüstungen anrichtete. Ein Besuch an Ort und Stelle zeigte, mit welch zynischer Gemeinheit Englands Lufthelden bei Nacht ihre Opfer unter den Wehrlosen suchen. Ein Krankenwärter schildert das furchtbare Erlebnis der letzten Nacht. Er sei mit Frau und Kind nach dem Alarmsignal über die Straße zum Luftschutzkeller gelaufen. Taghell standen über Bethel die englischen Leuchtraketen. Unverkennbar waren in der klaren Nacht die Zeichen des Roten Kreuzes zu sehen, die auf Dächern und mitten im Gelände diesen Ort als Krankenanstalt und Lazarett auswiesen.

„Wir haben die englischen Flieger über den Häusern gesehen. Sie entfernten sich. Dann näherte sich wieder das Motorengeräusch, und noch ehe wir den Luftschutzkeller erreicht hatten, krachten die ersten Bomben. Sie kamen näher und näher. Unter furchtbarem Getöse brach der Zwischenbau der Nachbarhäuser zusammen. Die nächste Bombe schlug im Dachstuhl des Hauses Klein-Bethel ein. Die anderen Einschläge waren weiter entfernt. Im ganzen sind acht Bomben gefallen. Wir selbst waren kaum verletzt. Meine Frau hat sich den Fuß gebrochen. Furchtbar aber war die Verwüstung im Hause Klein-Bethel.“

Soweit die Erzählung des Augenzeugen, die zeigt, wie die englischen Flieger sich mit Hilfe der Leuchtbomben vergewissern, daß sie sich über Bethel befanden, wie sie es an den Roten Kreuzen erkannten und dann rücksichtslos bombardierten. Pfarrer Bodelschwingh, der Sohn des Gründers der Anstalt, zeigt die verheerenden Verwüstungen im Hause Klein-Bethel, wo schwerkranke, schwachsinnige Mädchen untergebracht waren. „Hier in diesem Haus“, so berichtet er, „wurden die schwerkranken Kinder nicht in den Luftschutzkeller gebracht, da sie fast dauernd bettlägerig und vollkommen hilflos sind und ihr Transport meist zu spät käme und sie außerdem Gesunde gefährden würden. So blieben sie in ihren Krankenzimmern.“

Grauenhaft ist der Krankensaal zugerichtet. Das Dach ist vollkommen zerschlagen. Die Decke des Kellers ist durchbrochen. Die Decke ist eingestürzt, die Seitenwände sind herausgerissen. Wirre Trümmer liegen über den Betten, die zum Teil zusammengebrochen sind und in denen die blutbefleckten Bettbezüge noch zeigen, wie furchtbar die Verletzungen der Kinder gewesen sein müssen. Unter den Trümmern waren 15 kranke Mädchen begraben. Fünf davon waren sofort tot. Drei weitere starben an den grausamen Verletzungen nach der Einlieferung in das Lazarett. Im gegenüberliegenden Pflegehaus „Siloah“ wurden durch einen Bombentreffer zwei Schwerkranke getötet. Die bei ihnen Wache haltende Schwester liegt mit hoffnungslosen Verletzungen darnieder.Der von einer weiteren Bombe verwüstete Bethel-Friedhof bietet einen grauenhaften Anblick. Umgestürzte Grabsteine und herausgerissene Sargbretter liegen wirr durcheinander. Sorgsame Hände haben den furchtbaren Anblick den an die Gräber Tretenden erspart. Die übrigen der acht abgeworfenen Bomben haben mehr oder weniger schweren Sachschaden angerichtet. Pfarrer Bodelschwingh ist, während er diese Verwüstungen zeigt, selbst noch erschüttert. Die Bilder des Grauens sind kaum zu beschreiben.

Es gibt keine Entschuldigung für dieses neueste englische Verbrechen. Den britischen Fliegern scheint die englische Parole, 12 deutsche Städte zu zerstören, vorgeschwebt zu haben. Es ist aber typisch für die englische Mentalität, daß sich die gebetbuchschwingenden Plutokraten eine Stätte ausgesucht haben, die Ansehen und Ehrfucht in der ganzen gesitteten Welt genießt. Die Engländer können sich auch nicht entschuldigen, daß sie nicht wußten, welche Bedeutung dieser Anstalt zukommt. In London selbst hat Bethel eine Tochteranstalt, die dort in der englischen Hauptstadt Beweise ihrer aufopfernden Arbeit hundertfältig gegeben hat. 60 Bethelschwestern waren bis zum Kriege in London tätig. 30 blieben bis über den Kriegsanfang, sind aber heute, wie man hört, auf der Insel Man interniert.

Dieser gemeine englische Anschlag auf die Anstalt Bethel ist schließlich nun vollends als brutales Verbrechen gekennzeichnet, weil man weiß, daß im weitesten Umkreis nicht ein einziges militärisches Ziel zu finden ist. Die Stadt Bielefeld ist voller Empörung über diesen neuesten Anschlag der Engländer, der den kranken und verwundeten Soldaten galt. Aber sie und überhaupt jeder Deutsche hat das felsenfeste Vertrauen, daß die deutschen Flieger diese Untat tausendfach vergelten werden!

Die Vergeltung kann nicht scharf genug ausfallen.

Rom, 20. Sept. (Funk)

Die durch die Bombardierung der in aller Welt bekannten Bethelschen Heilanstalt verübte neueste Schandtat der englischen Luftwaffe hat in ganz Italien einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Presse bringt die Gefühle des italienischen Volkes zum Ausdruck, indem sie unter großen Überschriften wie „Der Krieg´, den die Verteidiger der `Kultur´ vorziehen“, „Bestialische Bombardierung Bethels“, „Blutbad unter den der christlichen Nächstenliebe anvertrauten Kindern“ die Vorgänge in allen Einzelheiten schildert und den tiefsten Abscheu zum Ausdruck bringt, den dieses neuerliche Verbrechen der Churchillschen Luftwaffe in jedem anständigen Menschen auslöst.

Die RAF, die, wie „Popolo di Roma“ betont, nicht imstande ist, Großbritannien vor den Angriffen der deutschen Luftwaffe zu schützen, zieht es vor, ungefährliche Ziele wie Krankenhäuser und Friedhöfe, anzugreifen und dabei unzählige kranke Kinder zu morden oder Gräber zu schänden. Die Vergeltungsaktion für eine derartige vorsätzliche Schandtat könne gar nicht scharf genug ausfallen.

Ein vollkommen verzerrtes Bild vermittelt die Ausgabe dieses Blattes im September des Jahres 1940. Nach mehr als einem Monat ist man von Erfolgsberichten weit entfernt. Die Wortwahl hat mehr mit Rache und Vergeltung als mit halbwegs objektiver Berichterstattung zu tun. Von deutschen Erfolgen ist hier längst nichts mehr zu lesen, dagegen werden die englischen Flieger als „ruchlose Verbrecher“ dargestellt. Stein des Anstoßes ist das Bombardement eines Heimes für behinderte Kinder. Während die deutsche Propaganda mit der Schilderung des Angriffs auf das Sanatorium in Bethel auf die Tränendrüsen drückte, lief hinter den Kulissen gerade die „Aktion T 4“ an, deren Ziel die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ war.

Der Mord an behinderten Kindern war Teil dieser Politik im Regime der Nazis; – dann folgte die Vernichtung der jüdischen Rasse.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 26/01/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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