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Widerstand im Kirchenblatt: War Kritik an den Nazis nach 1933 ein Tabuthema oder lagen die Kirchen in Ketten

„So etwas nennt sich <Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit!> Pfui Deubel“, beschimpfte die damals in Recklinghausen erscheinende katholische Wochenzeitung „Unser Kirchenblatt“ im Mai des Jahres 1934 das Hetzblatt „Der Stürmer“. Die Redakteure der katholischen Wochenpresse, die man nun als „Schriftleiter“ bezeichnete, hatten zu dieser Zeit noch vergleichsweise große Freiheiten. Wegen einer großzügigen Auslegung des Reichskonkordats unterstanden sie zunächst nicht dem Schriftleitergesetz, und zumindest bis in das Jahr 1936 hinein waren sie nicht verpflichtet, Vorgaben der nationalsozialistischen Propaganda zu übernehmen. Daher schnellten nach dem Ende unabhängiger katholischer Tageszeitungen die Auflagen der Wochenpresse in die Höhe.

Kirche im Nationalsozialismus. Foto: Archiv/RvAmeln

Kirche im Nationalsozialismus. Foto: Archiv/RvAmeln

„Unser Kirchenblatt“ erschien in einer Auflage von bis zu 90.000 Exemplaren und weitete sein Verbreitungsgebiet auf große Teile des Bistums Münster aus, in dem noch 1937 jeder zweite bis dritte katholische Haushalt eine Kirchenzeitung abonnierte. Die eng an die bischöfliche Autorität angelehnten Wochenblätter spiegelten einflussreiche, aber eher konservative Strömungen in der katholischen Kirche wider. Die neuen Machthaber, also die Nazis, duldeten durchaus Kritik, vor allem an Alfred Rosenberg und der „Deutschen Glaubensbewegung“, die eine „arisch-nordische“ Religion vertrat. Es kann sein, dass Hitler damals bewusst ein Reservat für den Protest der Katholiken schuf, die vor allem die Sexualmoral dieser „Neuheiden“ und jedes Ausgreifen des Nationalsozialismus auf den Bereich der Religion verurteilten.

Gegen germanentümelnde Schwärmer und radikale Rassenantisemiten versuchten sie ausgerechnet Hitler als Verbündeten zu gewinnen. So traf ihre Kritik oft den Kern der nationalsozialistischen Ideologie, aber nicht das Zentrum der Macht. Es taucht daher die Frage auf, wieweit die katholische Wochenpresse dennoch Widerstand ausüben konnte, und dieser Frage lässt sich aus zwei Perspektiven nachgehen. Blickt man zurück auf die damaligen Ereignisse, erhält man eine Konfliktgeschichte. Der Verleger von „Unser Kirchenblatt“, der Zentrumspolitiker Wilhelm Bitter, wurde schon im Frühjahr 1934 erstmals in „Schutzhaft“ genommen. Die „National Zeitung“ beschimpfte ihn in Fettdruck als „Staatsfeind und Volksverräter“ und erklärte seinen Betrieb zum „Juden-Eldorado!“

Bitter wurde mindestens zwei weitere Male verhaftet und „Unser Kirchenblatt“ immer wieder beschlagnahmt, bis zum endgültigen Verbot 1937. Dieser Konfrontation entsprachen übergeordnete Entwicklungen: Nach einer kurzen Phase der Illusionen protestierten der Heilige Stuhl und die Bischöfe immer häufiger gegen Maßnahmen der neuen Reichsregierung und untergeordneter Behörden. Allerdings gelang es den Nazis trotzdem, auch gläubige Katholiken massenhaft in eine soziale Praxis einzubinden, die letztlich zu Massenmord und Vernichtungskrieg führte. Das wiederum lässt sich nicht allein durch Zwang erklären, denn viele Katholiken leisteten freiwillig ihren „Beitrag“. Um dies verstehen zu können, muss man hinter die Ereignisse blicken, auf die Strukturen, Mentalitäten und Diskurse. Der Nationalsozialismus sprach mit seinen Versprechungen und Drohungen weit verbreitete Bedürfnisse und Hoffnungen, Ängste und Aggressionen an.

Doch die vermeintlichen Wohltaten der Volksgemeinschaft gab es nicht für alle und nicht umsonst. Sie erforderten Opfer, bis hin zur Überwindung des Gewissens oder zum „Heldentod“ im Krieg. Vermittelt wurde das über Argumentationsmuster, die sich um emotional aufgeladene Schlagworte wie Rasse und Blut, Kampf, Volksgemeinschaft, Reich, Führertum, Heldentum, Mutterschaft, Germanentum, Volkstum, Boden und Lebensraum bildeten. Eine zentrale Rolle spielten vor allem Feindbilder, allen voran das Judentum!, aber auch Kommunismus, Liberalismus, Kapitalismus und Intellektualismus. Die katholische Wochenpresse griff all diese Vorgaben begierig auf und kämpfte um die Deutungsmacht.

Heilige wurden zu Helden, Wallfahrten zur Volkstumspflege. Selbst das Christusbild blieb nicht verschont. Bedauernd schrieb ein Autor: „Es ist aber noch gar nicht lange her, da scheute man gerade das Heldische und machte aus dem Herrn einen gutherzigen, harmlosen, liebenswürdigen, naturseligen Schwärmer, wie man überhaupt damals alles Kämpferische, Harte, Unerbitterliche mit Syrup übergoss.“ Hitler konkurrierte als Führer mit dem Papst und das Volk mit der Gemeinschaft der Gläubigen. Die oft beschworene doppelte Loyalität der Katholiken zu Kirche und Staat entschärfte zwar diesen Konflikt, konnte ihn aber nicht völlig überwinden. Zu beachten wäre, dass der Nationalsozialismus im Jahre 1934 noch im Fluss war. Etliche Versatzstücke der Kulturkritik, mit denen er anfangs viele Katholiken an sich band, stieß er erst später ab.

So glaubten sich die Autoren des Kirchenblatts im Einklang mit der neuen Regierung, wenn sie das heile Landleben, die alten Germanen und eine volkstümliche Kultur idealisierten. Mit einem allgemeinen Krisenbewusstsein war eine wichtige Grundlage für Hitlers charismatische Herrschaft auch im Katholizismus gegeben. Immer wieder hoben die katholischen Autoren Gemeinsamkeiten mit dem Nationalsozialismus hervor. Kritik kompensierten sie oft durch Loyalitätsbeteuerungen zu Volk und Führer; – ein grundsätzlicher Widerstand kam so nicht zustande. Zudem warben sie mit der Sozialisationsmacht der Kirche: Diese erziehe zur Mitarbeit an der Volksgemeinschaft, zur Achtung des Führers und zum opferbereiten Heldentum. Im Gegenzug träumten viele Autoren davon, den Einfluss des Katholizismus auf die gesamte Gesellschaft auszudehnen.

Für den Fall des Scheiterns des Vorhabens drohten sie jedoch offen mit Widerstand: „Entweder Kampf auf Leben und Tod. Oder die Bildung einer organischen Einheit mit diesem Staate“, hieß es am 1. April 1934. Vielen Prinzipien des Nationalsozialismus wurde nur in einem christlichen Staat Gültigkeit zuerkannt, in dem das Ideal der Nächstenliebe sowie die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, der Einheit des Menschengeschlechts und vom Naturrecht dem Regime Grenzen gesetzt hätten. Der Machtfestigung des Nationalsozialismus wirkten die katholischen Autoren jedoch kaum entgegen. Auch wenn sie den radikalen Rassismus nicht teilten und gegen die Zwangssterilisation protestierten, problematisch blieb, dass sie ebenfalls Mythen von Führertum und Volksgemeinschaft vertraten, die das Ende der Demokratie und des Rechtsstaates rechtfertigten.

Der Krieg wurde als „Gottes Plan zur Läuterung seiner Kinder“ verharmlost; und besonders verhängnisvoll waren die Übereinstimmungen in den Feindbildern „Kommunismus“ und „Liberalismus“, wodurch die Verfolgung oppositioneller Politiker gedeckt war. Auch Menschen, die gegen die katholischen Vorstellungen von „Sittlichkeit“ verstießen, hatten wenig Unterstützung zu erwarten. Immerhin: Antisemitische Äußerungen fanden sich in „Unser Kirchenblatt“ kaum, abgesehen von einem offensichtlich aus fremder Quelle übernommenen Hetzartikel aus dem Jahre 1936. Viele Autoren erkannten jedoch „Rasse“ als weltliches Ordnungsprinzip durchaus an, erstrebten eine katholisch dominierte Gesellschaft und grenzten damit Juden implizit aus.

So betrachtet wirkte „Unser Kirchenblatt“ auf verschiedenen Feldern mit der, neben der und gegen die nationalsozialistische Macht. Den Autoren schwebte sicher kein Terror-Regime in einer rassistisch hierarchisierten Gesellschaft vor, wenn sie von Führertum und Volksgemeinschaft sprachen. Sie dachten nicht an Vernichtungskrieg und Völkermord, wenn sie ein soldatisches Heldentum beschworen und ihre Feindbilder pflegten. Und dennoch: Letztlich halfen sie oft mit, die undemokratischen politischen Verhältnisse zu schaffen, auf deren Basis die Verbrechen des Nationalsozialismus schließlich auch gegen den Willen der Kirchen umgesetzt werden konnten.

Und das Resultat: Während in der Folgezeit Priester, Mönche und Nonnen unglaublichen Verleumdungen ausgesetzt waren, bezichtigte die NSDAP Hannover diese sowie dem Katholizismus nahe stehende Personen zahlreicher Vergehen. Kirchenbesucher, Vertreter des aufgelösten Zentrums oder des Kolping-Vereins hätten Sabotage betrieben, Kirchen entweiht, Flugblätter verteilt – und dies den Nazis in die Schuhe geschoben. Diese mit unglaublicher Frechheit vorgebrachten Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage; – tatsächlich jedoch kam es zu Übergriffen durch die Nazis, Verletzungen der im Reichskonkordat verbürgten Rechte und massenhaften Verhaftungen und auch Morden.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 21/08/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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